Experte zu Angriffen uff Iran: „Kein Regimewechsel, sondern ein Führungswechsel“
interview
Was bedeutet der Tod des obersten Führers Chamenei für Iran? Sicherheitsexperte Neumann erwartet dadurch keinen Regimewechsel – nur einen Austausch der Führung. Nun versuche der Iran den Konflikt auszuweiten und den USA politisch zu schaden.
tagesschau24: Sehen wir seit gestern aus der Ferne, wie in Iran gerade das Regime zusammenbricht?
Peter Neumann: Ja, wir sehen, wie die Führung zusammengebrochen ist. Der Revolutionsführer Ali Chamenei ist tot. Aber man darf nicht vergessen: Der Iran ist nicht – wie Saddam Husseins Irak oder Gaddafis Libyen – eine Ein-Mann-Diktatur. Der Iran ist ein revolutionäres System, was in gewisser Weise für genau diese Situation konstruiert wurde.
Es gibt verschiedene Gremien. Es wurden für viele Leute in der Führung, die jetzt getötet wurden, nicht nur ein Stellvertreter, sondern mehrere Stellvertreter bestimmt. Und ich gehe davon aus, dass die bereits jetzt an der Nachfolgesituation arbeiten und versuchen, das System zu stabilisieren. Ich halte die Chance auf einen Regimewechsel nach wie vor für sehr gering. Was wir sehen, ist nicht ein Regimewechsel, sondern ein Führungswechsel.
Zur Person
Peter Neumann ist Professor für Sicherheitsstudien am King’s College in London und Gründer des International Centre for the Study of Radicalisation.
Liberale Öffnung nicht sehr wahrscheinlich
tagesschau24: Was bedeutet Chameneis Tod für das Land, das er seit 1989 geprägt hat wie niemand anderes in den vergangenen Jahrzehnten?
Neumann: Es bedeutet das Ende einer langen Ära. Ali Chamenei war ja bereits 86 Jahre alt, als er gestern getötet wurde und war auch seit längerer Zeit schon nicht mehr bei bester Gesundheit. Also die Frage, wer ihm nachfolgt und was nach ihm kommt, die wurde im Iran bereits seit Monaten diskutiert – ganz unabhängig von diesen Militärschlägen.
Die Frage stellt sich jetzt: In welche Richtung geht das Land? Geht das Land in Richtung einer Diktatur ohne ideologischen Inhalt? Geht es in die Richtung einer wieder stärker konservativ geprägten religiösen Führung oder kommt es möglicherweise zu einem Revolutionsführer, der eher pragmatisch ist und auch bereit ist, das Land liberal zu öffnen? Das wäre eine gute Möglichkeit, aber es ist aktuell wahrscheinlich die geringste.
„Iran versucht, Konflikt auszuweiten“
tagesschau24: Wenn Iran jetzt seine Angriffe in der Region auf Israel und auf US-Militärstützpunkte dort in der Golfregion fortsetzen sollte: Was meinen Sie, wie schnell, entschlossen und nachhaltig wird es dort eine Antwort der USA und Israels geben?
Neumann: Die Antwort gibt es ja bereits und das sind Schläge gegen den Iran, die aktuell passieren. Was der Iran momentan versucht, ist, diesen Konflikt auszuweiten über Israel und US-Militärbasen hinaus. Es wurden auch zivile Ziele angegriffen in verschiedenen Golfstaaten, die Straße von Hormus wurde geschlossen, durch die 20 Prozent der weltweiten Ölproduktion fließt. Möglicherweise kommt es zu einer Schifffahrtsblockade im Suezkanal. All das sind Instrumente, um für die gesamte Region diesen Konflikt so teuer wie möglich zu machen.
Der Sinn hinter dem Ganzen ist möglicherweise, dass das die Golfstaaten dazu bringt, zu Amerika zu gehen und zu sagen: „Wir brauchen unbedingt einen Waffenstillstand. Dieser Konflikt betrifft uns alle, der ist für uns alle sehr teuer. Wir können nicht ewig so weitermachen.“ Also diese Situation möchte der Iran produzieren. Natürlich möchte er auch versuchen, Amerika Schaden hinzuzufügen.
Er weiß, dass Amerika militärisch stark ist, aber politisch verwundbar. Und wenn auch nur zehn oder 20 US-Soldaten bei einem iranischen Schlag getroffen werden, dann ist das für Donald Trump ein innenpolitisches Problem. Und das versteht der Iran ganz genau.
„Iran versteht: Trump ist verwundbar“
tagesschau24: Die USA haben zwei Flugzeugträger in der Region und mehrere Kriegsschiffe. Abgesehen davon auch noch zahlreiche US-Militärstützpunkte. Wie verletzlich sind die USA dort in der Region, wenn Iran die ins Visier nimmt?
Neumann: Die Amerikaner haben dort ziemlich viel an Gerät aufgefahren, was darauf hindeutet, dass sie sich auf einen längeren Konflikt einstellen. Ein Konflikt, der möglicherweise sogar mehrere Wochen dauern könnte. Aber natürlich ist es so, dass durch die Präsenz amerikanischer Truppen und auch Flugzeugträger und Schiffe in der Region, dass dadurch natürlich auch die Anzahl der möglichen Ziele für die Iraner höher ist, als sie zuvor war. Die Amerikaner haben acht permanente US-Militärbasen in der Region, dazu natürlich diese ganzen Schiffe.
Der Iran versteht sehr genau, dass die Amerikaner, dass Donald Trump innenpolitisch verwundbar ist. Und wenn sie es schaffen, nicht konsequent oder konsistent, sondern ein oder zweimal solche Ziele zu treffen und dabei möglicherweise US-Soldaten zu töten, dann ist das für Sie aus ihrer Sicht zynisch gesprochen ein Erfolg. Denn das setzt Donald Trump unter Druck, möglicherweise entweder in diesen Konflikt noch tiefer einzusteigen, was er nicht möchte, oder einen Waffenstillstand herbeizuführen.
„Golfstaaten fehlen die militärischen Mittel“
tagesschau24: Sie haben auch die Golfregion angesprochen und Angriffe auf US-Militärbasen: Wie lange werden sich die Staaten das dort Ihrer Einschätzung nach anschauen, bevor sie ihrerseits eine Antwort Richtung Iran abgeben werden?
Neumann: Nicht besonders lang. Ich denke, das gesamte Geschäftsmodell dieser Golfmonarchien, nicht unbedingt Saudi-Arabien, aber vor allem auch die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain – was ein wichtiger Finanz- und Wirtschaftsplatz ist -, aber natürlich auch Katar beruht auf der Offenheit, beruht auf dem Luftverkehr. Große Airlines, die diese Staaten haben. Man sieht sich als Brücke zwischen Asien und Europa und Amerika. Also die können das nicht lange durchhalten.
Ihnen fehlen allerdings die militärischen Mittel. Sie haben keine großen Armeen. Sie könnten den Iran jetzt nicht in einer Art und Weise angreifen, wie es bereits Israel und die USA tun. Das einzige, so hofft der Iran, was ihnen zur Verfügung steht, ist der politische Einfluss auf Amerika, zu sagen: „Wir brauchen einen Waffenstillstand. Wir können das nicht mehr lange weitermachen.“ Ich glaube, an diesem Punkt werden wir vielleicht in ein paar Tagen schon kommen.
Wenig zu sehen von Irans Verbündeten
tagesschau24: Iran hat mehrere verbündete Terrororganisationen in der Region, beispielsweise die Hisbollah, die Hamas und die Huthi. Welche Rolle spielen diese jetzt bei möglichen iranischen Vergeltungsangriffen und wie geraten die ihrerseits neuerlich ins Visier von Israel und den USA?
Neumann: Die spielen eine wichtige Rolle – so dachte man sich zumindest, dass die zusätzlich zu den iranischen Schlägen auch noch mal Druck auf Israel machen könnten. Zum Beispiel die Hisbollah mit Raketenangriffen ihrerseits, zum Beispiel die schiitischen Milizen im Irak mit Angriffen dort auch auf US-Militärbasen.
Auch die Hamas möglicherweise oder die Huthi, die ja in der Vergangenheit schon die Schifffahrt durch den Suezkanal blockiert haben. Tatsache ist: Wir haben davon noch nicht besonders viel gesehen. Wir haben, glaube ich, einen Raketenangriff der Huthi gesehen. Aber darüber hinaus relativ wenig, was auch hindeutet auf die Schwäche dieser Stellvertreter.
„Wirtschaftliche Konsequenzen sind enorm“
tagesschau24: Wenn wir uns die geographische Lage dort mal anschauen. Wir haben zahlreiche Ölstaaten, wir haben aber auch die die Meerenge von Hormus, die Iran offenbar gesperrt hat. Wie verheerend ist die Gefahr jetzt für den Welthandel, wenn es zu einem länger andauernden Konflikt kommen sollte?
Neumann: Die ist sehr groß, kein Zweifel. Wir haben die Straße von Hormus, durch die 20 Prozent der weltweiten Ölproduktion fließt. Das ist nicht unbedingt Öl, das alles nach Deutschland oder Europa geht. Aber der Ölpreis insgesamt wird – da würde ich jede Wette eingehen – am Montag in die Höhe schnellen. Das ist natürlich ein Problem für die Industrie überall auf der Welt.
Dazu kommt natürlich der Suezkanal, der blockiert werden könnte von den Huthi – einer Miliz, die vom Iran gesponsert wird. Durch diesen Suezkanal geht ein Großteil des Handels oder der Produkte, die aus China nach Europa kommen. Auch das ist ein Riesenproblem für die deutsche Industrie. Da werden Lieferketten durcheinandergebracht, da wird es Handelsengpässe geben, möglicherweise auch Produktionsengpässe, wenn das wochenlang so weitergeht. Also die wirtschaftlichen Konsequenzen dieses Konflikts sind ganz, ganz enorm.
Regimewechsel wäre für Putin eine „schlechte Nachricht“
tagesschau24: Der Iran hat ja Drohnen an Russland für dessen Angriffskrieg gegen die Ukraine geliefert. Wird das Vorgehen der USA und Israels in Iran Ihrer Einschätzung nach Auswirkungen auf den Krieg in der Ukraine haben?
Neumann: Kurzfristig glaube ich nicht. Putin ist ein schlechter Verbündeter. Er hat letztes Jahr im Zwölf-Tage-Krieg den Iran bereits nicht unterstützt und er wird es auch diesmal nicht tun, weil ihnen das natürlich in eine direkte Konfrontation mit Amerika bringen würde. Und er hat ja sehr, sehr viel darin investiert, ein gutes Verhältnis mit Donald Trump aufzubauen. Also davor wird er sich scheuen.
Aber langfristig könnte es durchaus Russland schaden, wenn es tatsächlich zu diesem Regimewechsel oder Führungswechsel kommt und wenn dann möglicherweise Iran aus dieser Allianz der Revisionisten, aus diesem Bündnis mit Russland und China herausbricht. Das ist alles nicht besonders wahrscheinlich momentan, aber wenn es passieren sollte, dann wäre das für Putin tatsächlich eine sehr schlechte Nachricht. Denn der Iran hat ihn in den letzten Jahren schon wirklich relativ stark unterstützt, auch im Verteidigungsbereich.
Das Gespräch führte Carl-Georg Salzwedel für tagesschau24. Das Interview wurde für die schriftliche Fassung redigiert und teils gekürzt.
Source: tagesschau.de