„Jede Dezibel-Reduktion bedeutet weniger Stress zu Gunsten von Gefäße, weniger Entzündungen im Blut“

Hupen, Bremsen, Motorengeräusche: Was nachts stört, wirkt schneller auf Herz und Gefäße als bislang angenommen – schon nach einer Nacht zeigen sich nachweisliche Veränderungen im Körper.

Lautes Hupen, anfahrende Autos und quietschende Bremsen lassen einen nachts nicht nur hochschrecken, sondern schaden auch der Gesundheit — und das schon nach einer Nacht, wie Forscher jetzt herausfanden.

Die kürzlich in der Fachzeitschrift „Cardiovascular Research“ veröffentlichte Studie der Universitätsmedizin Mainz untersuchte 74 Erwachsene, die jeweils drei Nächte unter unterschiedlichen Bedingungen verbrachten: eine Nacht ohne zusätzlichen Lärm sowie zwei Nächte mit simuliertem Straßenverkehrslärm.

In den Nächten mit Lärmbelastung spielten die Forscher entweder 30 oder 60 Lärmereignisse mit einer durchschnittlichen Lautstärke von 41 bis 44 Dezibel in den Schlafzimmern ein – jeweils rund eine Minute und 15 Sekunden lang und in regelmäßigen Abständen über die Nacht verteilt. Welche Lärmbelastung in welcher Nacht abgespielt wurde, blieb sowohl den Probanden als auch den Forschern unbekannt.

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Am folgenden Morgen wertete das Forschungsteam die nächtlich erhobenen Herz-Kreislauf-Daten aus, analysierte Blutproben im Hinblick auf entzündungsrelevante Proteine und überprüfte die Elastizität der Blutgefäße. Durch die Kombination aus Herzfrequenzanalyse, molekularer Blutuntersuchung und Gefäßmessung konnten das Forschungsteam sowohl funktionelle als auch biologische Veränderungen nachweisen.

Es zeigte sich: Schon nach einer Nacht reagierte der Körper auf den Lärm. Nach einzelnen Lärmereignissen stieg die Herzfrequenz. Zudem veränderte sich im Blut die Konzentration von Proteinen, die an Immun- und Entzündungsprozessen beteiligt sind.

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Ultraschallmessungen zeigten außerdem eine verminderte Elastizität der Blutgefäße. Diese Einschränkung der sogenannten endothelialen Funktion sei aus Sicht der Forscher besonders relevant, da Störungen als frühes Warnsignal für die Gefäßgesundheit gelten. Das Endothel kleidet die Innenseite der Blut- und Lymphgefäße aus und reguliert unter anderem die Gefäßweite.

Lärmschutz als Herzschutz

„Die Studie liefert kontrollierte experimentelle Hinweise darauf, dass akuter nächtlicher Straßenverkehrslärm direkt in die Regulation des Gefäßsystems eingreift. Wir sehen sowohl funktionelle Veränderungen als auch begleitende Aktivierung bestimmter biologischer Signalwege“, wird Studienleiter Omar Hahad zitiert.

Wie die Ergebnisse der Kurzzeitstudie mit dem langfristigen Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammenhängen, müssten weitere Untersuchungen zeigen, heißt es.

Mit Blick auf die Ergebnisse spricht sich das Forschungsteam für konsequente Lärmschutzmaßnahmen, etwa Tempo 30 innerorts und mehr Grünflächen, aus. „Lärmschutz ist Herzschutz“, sagt Thomas Münzel vom Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz.

„Jede Dezibel-Reduktion bedeutet weniger Stress für Gefäße, weniger Entzündung im Blut – und langfristig weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle. Stadtplanung ist damit keine ästhetische Frage, sondern eine kardiovaskuläre Präventionsstrategie. Gesunde Städte sind leise Städte“, so Münzel.

Was unter kontrollierten Bedingungen untersucht wurde, betrifft viele. Laut Umweltbundesamt sind mehr als elf Millionen Menschen in Deutschland nachts Straßenlärm von mindestens 50 Dezibel ausgesetzt.

Source: welt.de