Atomwaffen? Umsturz? Plünderung?: Welche Ziele verfolgen USA und Israel mit dem Iran-Angriff?

Atomwaffen? Umsturz? Plünderung?Welche Ziele verfolgen USA und Israel mit dem Iran-Angriff?

01.03.2026, 13:15 Uhr WhatsApp-Image-2025-01-14-at-07-23-43Von Tobias Hauser
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Die israelische Regierung sieht in Trumps Angriff die Chance, dem Regime in Teheran und der militärischen Kapazität des Iran verheerenden Schaden zuzufügen. Mit Blick auf die Wahlen dieses Jahr könnte Netanjahu noch ein zweites Motiv haben. (Foto: Alex Brandon/AP/dpa)

Die Angriffe auf den Iran sind ein radikaler Schritt. Trump und Netanjahu begründen die Bombardierung mit einer historischen Chance. Bluten müsste dafür jedoch die iranische Zivilbevölkerung. Das Regime in Teheran sieht andere Beweggründe hinter den Attacken.

Israel und die USA haben in einer verheerenden Welle an Bombardierungen einen großen Teil der iranischen Führung ausgeschaltet und militärische Stützpunkte des Regimes zerstört. Auch Zivilisten fielen den Angriffen zum Opfer. Insgesamt töteten die Luftangriffe nach Angaben des iranischen Roten Halbmonds bis zum gestrigen Abend mindestens 201 Menschen. Laut Regime waren 108 von ihnen Schülerinnen, die beim Angriff auf eine Mädchenschule starben, was Israel jedoch zurückweist. Was bezwecken die Länder mit dem Einsatz?

Der Sicherheitsexperte Amos Harel beschreibt die Bombardierung in einem Podcast für die israelische Zeitung „Haaretz“ als „amerikanisch geführten Angriff, bei dem Israel eine wichtige Rolle spielt“. Anders als beim Zwölftagekrieg vergangenes Jahr, bei dem Trump Israel grünes Licht gab und dann in letzter Minute selbst an den Attacken teilnahm, führten die USA dieses Mal die Angriffe an. Trump selbst habe als klares Ziel den Sturz des iranischen Regimes, so Harel. Politologe Thomas Jäger sagt jedoch gegenüber ntv, dass der US-Präsident von Israel und Saudi-Arabien zu dem Schritt gedrängt worden sei.

Der israelische Iran-Experte Danny Citrinowicz schreibt auf X, die Arbeitshypothese, die der Operation zugrunde liegt, laute: Das iranische Regime sei schwach und brüchig, daher könne eine gezielte, schlagkräftige und breit angelegte israelisch-amerikanische Kampagne es erheblich untergraben und vielleicht sogar die Voraussetzungen für einen internen Wandel schaffen. Das zentrale Problem ist demnach: Was passiert, wenn diese Annahme falsch ist?

Was will Trump?

US-Präsident Donald Trump will nach eigenen Angaben Amerikanerinnen und Amerikaner verteidigen – vor einer Bedrohung durch die iranische Führung. Er zielte in einer Videobotschaft auf das iranische Atomprogramm ab: „Sie dürfen nie eine Atomwaffe besitzen.“ Der „New York Times“ zufolge gibt es allerdings keinerlei Hinweis, dass der Iran weniger als ein Jahr nach den israelisch-amerikanischen Angriffen auf das Atomprogramm nun schon wieder unmittelbar vor dem Bau einer Bombe steht. Auch die Fertigstellung von Raketen, die die USA treffen könnten, war für den Iran wohl noch in weiter Ferne. Deshalb sehen viele Juristen die Angriffe als einen Bruch des Völkerrechts, da keine direkte Bedrohungslage für die angeführten „Präventivschläge“ vorlag.

Trumps zweite Motivation ist ein Machtwechsel im Iran. Dazu wandte sich der US-Präsident direkt an das Volk: „Die Stunde eurer Freiheit ist gekommen“, sagte er. „Das wird wahrscheinlich für Generationen eure einzige Chance sein.“ Er fügte hinzu: „Wenn wir fertig sind, übernehmt eure Regierung.“ Er forderte die Revolutionsgarden, Streitkräfte und auch die Polizei auf, ihre Waffen niederzulegen.

Trumps Angriff sei sehr ambitioniert, er scheine „bereit, den ganzen Weg zu gehen“, sagte Sicherheitsexperte Harel der „Haaretz“. Der US-Präsident gehe ein großes Risiko ein, indem er versucht, die Demonstranten wieder auf die Straßen zu holen. Die Demonstrationen zum Jahreswechsel hatte das Ajatollah-Regime blutig niedergeschlagen, allein im Januar sollen nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Hrana mehr als 7000 Menschen im Zusammenhang mit den Protesten getötet worden sein. „Es wird mehr Blut auf den Straßen Irans brauchen, damit sich Dinge verändern“, schätzt Harel. „Die Frage ist, wie willig die Iraner sind, ihr Leben wieder zu riskieren.“

Der US-Präsident bricht mit dem Angriff auch mit einer Reihe von Aussagen, die er in der Vergangenheit getätigt hatte. „Sein erklärtes Ziel, ein Regimewechsel, ist genau das, wogegen er 2016 gekämpft hat“, sagte Brandan Buck, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Außenpolitik am Cato Institute der „New York Times“. Bisher habe der Präsident Luftangriffe, Razzien und verdeckte Militäraktionen eingesetzt, wenn er glaubte, damit bestimmte Ziele „mit guter Optik und geringen Kosten“ erreichen zu können. „Dieser Angriff auf den Iran hat diese Formel durchbrochen und stellt einen Sprung ins Ungewisse dar“, sagte Buck der Zeitung. Der Nachrichtensender Al Jazeera, der seinen Sitz in Doha hat, zitierte mehrere Iran-Experten, die Netanjahu und Israel als größte Nutznießer der Angriffe sehen.

Was will Netanjahu?

Israels Ministerpräsident Netanjahu begründet die Angriffe auf Iran mit dem Schutz vor einer existenziellen Bedrohung durch Teheran. Gemeint ist damit Irans Atom- und Raketenprogramm. Es dürfe „nicht zugelassen werden, dass sich das mörderische Terrorregime mit Atomwaffen ausrüstet, die es ihm ermöglichen würden, die gesamte Menschheit zu bedrohen“, sagte Netanjahu. Die „New York Times“ berichtete, Israel lege den Schwerpunkt seiner Angriffe auf Raketenlagerstätten, Produktionsanlagen und Abschussvorrichtungen.

Die israelische Regierung sieht in Trumps Angriff die Chance, dem Regime in Teheran und der militärischen Kapazität des Iran verheerenden Schaden zuzufügen. Mit Blick auf die Wahlen in Israel dieses Jahr könnte Netanjahu noch ein zweites Motiv haben: Der Premierminister ist Umfragen zufolge in der Bevölkerung zwar nicht mehr übermäßig beliebt, doch seine politische Position wurde in der Vergangenheit immer dann gestärkt, wenn Israel sich im Krieg befand. Das zeigte sich während des blutigen Krieges im Gazastreifen wie auch beim Zwölftagekrieg im Juni des vergangenen Jahres gegen den Iran. Innenpolitisch dürfte Netanjahu also von den Angriffen profitieren.

Genau wie Trump setzt auch Netanjahu auf das iranische Volk, um den Umsturz im Iran tatsächlich zu Ende zu bringen und sich von dem Regime zu befreien, das öffentlich als Israels Erzfeind auftritt. „In den kommenden Tagen werden wir Tausende Ziele des Terrorregimes angreifen. Wir werden Bedingungen schaffen, unter denen das tapfere iranische Volk sich von den Fesseln der Tyrannei befreien kann“, sagte Netanjahu in einer Botschaft auf Farsi, die der israelische Premier auf X teilte. „Und deshalb sage ich noch einmal: Bürger Irans, verpasst diese Gelegenheit nicht – sie kommt nur einmal in einer Generation“

Die Menschen sollten zu „Millionen auf die Straße gehen, um die Sache zu Ende zu bringen und das Terrorregime zu stürzen, das euer Leben unerträglich gemacht hat. Die Hilfe, auf die ihr gewartet habt, ist da“, sagte Netanjahu.

Ein Umsturz könnte Israels Position im Nahen Osten festigen. Der Sohn des 1979 gestürzten Schahs von Persien, Reza Pahlavi, der sich immer wieder als Übergangsführer des Irans ins Spiel bringt und in Teilen der Bevölkerung als Hoffnungsträger gesehen wird, hat beispielsweise bereits angekündigt, Israel im Falle einer Machtübernahme „sofort anzuerkennen“. Das Risiko, dem brutalen Regime auf den Straßen entgegenzutreten, tragen in Trumps und Netanjahus Plänen allerdings die Iraner selbst.

Iran unterstellt „Plünderung“ und „Spaltung“

Ali Laridschani, Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates des Iran, wirft Israel dagegen vor, nach seinem gemeinsamen Angriff mit den USA eine „Spaltung des Landes anzustreben“. In einer von der staatlichen Nachrichtenagentur Fars veröffentlichten Erklärung sagt Laridschani, dass das israelische „Regime keine andere Wahl habe, als auf die Spaltung großer Länder zurückzugreifen, um sein eigenes Überleben zu sichern“. Laridschani bezeichnete Trump außerdem als „das perfekte Symbol für Plünderung“ und warf ihm vor, sich die Ressourcen des Iran aneignen zu wollen.

Trump selbst hat bisher keine Aussagen in diese Richtung getätigt. Nach den Verhandlungen in Genf über das iranische Atomprogramm tat er allerdings öffentlich seine Unzufriedenheit kund. Er hatte verlangt, dass im Iran keinerlei Urananreicherung stattfindet, auch nicht zur zivilen Nutzung. „Ich sage: keine Anreicherung“, betonte Trump. Omans Außenminister Badr Albusaidi, der bei der Vermittlung der Gespräche geholfen hatte, verurteilte die US-Angriffe. „Ich bin bestürzt. Aktive und ernsthafte Verhandlungen wurden erneut untergraben„, schrieb er auf X. „Weder den Interessen der Vereinigten Staaten noch der Sache des Weltfriedens ist damit gedient.“

Quelle: ntv.de, mit dpa

Source: n-tv.de