„Der Iran könnte in einer Militärdiktatur erwachen“

Der gemeinsame Angriff auf den Iran sorgt in europäischen Medien für deutliche Kritik. „Die Presse“ aus Österreich sieht für Donald Trump ein „hohes Risiko“ und spricht von einer ungewissen „Wette“. Frankreichs „DNA“ erinnert an Irak und Libyen und warnt vor „unbeschreiblichem Chaos“. Italiens „La Repubblica“ nennt die Entwicklung den „ersten Akt des Krieges im Zeitalter des Chaos“.

Österreich, „Die Presse“: Trump geht hohes Risiko ein

„Donald Trump nimmt ein hohes Risiko. Militärabenteuer sind bei den Wählern des selbsternannten Friedenspräsidenten äußerst unbeliebt. Der Krieg könnte sich hinziehen und regional ausufern. Der Iran könnte auch in einem Bürgerkrieg versinken, in einer Militärdiktatur aufwachen oder vor einer gewaltigen neuen Repressionswelle stehen, wenn das Regime überlebt. Zugleich aber eröffnet sich für die leidgeprüfte iranische Bevölkerung eine historische Chance, ihr Joch abzuschütteln und Freiheit zu erlangen. Es ist den tapferen Menschen im Iran zu wünschen, dass Trumps Wette aufgeht und der Albtraum der Mullah-Herrschaft zu Ende geht. Doch das ist alles andere als gewiss.“

Frankreich, „DNA“: Auf dem Weg ins Chaos

„(…) Einen Konflikt dieser Art zu beginnen, ist das eine – zu wissen, welchem Ziel er dient, etwas ganz anderes. Die Beispiele Irak, Afghanistan oder Libyen und das unbeschreibliche Chaos, in das diese Länder gestürzt wurden – mit den bekannten Folgen für den gesamten Planeten – liegen eigentlich noch nicht so lange zurück, als dass man sie schon hätte vergessen können.

(…) In der sehr langen Geschichte der modernen Kriege hat das Bombardieren eines Landes – selbst im Übermaß – noch nie genügt, um eine Regierung zu stürzen.

Vielleicht wird es diesmal eine Premiere, wer weiß – zumal die Macht in Teheran während der letzten, im Blut erstickten Volksrevolution so stark wie nie zuvor ins Wanken geraten ist und die israelisch-amerikanischen Angriffe vom vergangenen Juni sie in erheblichem, wenn auch noch nicht genau bezifferbarem Ausmaß, geschwächt haben. Doch irgendwann wird sich jemand den Revolutionsgarden auch physisch stellen müssen. (…) Dass dies wohl weder amerikanische Truppen noch jene ihres israelischen Verbündeten sein werden, bleibt nur noch das iranische Volk, dem dieser Angriff angeblich den Weg bereitet haben soll.“

Italien, „La Repubblica“: Krieg im Zeitalter des Chaos

„Der gemeinsame Angriff Israels und der USA (…) ist nicht der letzte Akt eines Konflikts, der seit fünfzig Jahren andauert und den Donald Trump vor acht Monaten für gelöst hielt, als er verkündete, Teherans Atomwaffenarsenal sei durch die Bombardierung der drei strategischen Standorte des Regimes „vollständig zerstört“: Es ist vielmehr der erste Akt des Krieges im Zeitalter des Chaos, in dieser neuen Weltunordnung, die souveränistisch und neo-autoritär vom amerikanischen Präsidenten geschaffen wurde.

Wir befinden uns in der Tat außerhalb jedes Systems von Regeln, Konventionen, Traditionen, Garantien und Schutzmaßnahmen. Wir sind zum ersten Mal vollständig der Geschichte ausgesetzt, die sich ohne jegliche Bindungen vollzieht und frei ist, dem von der Macht vorgezeichneten Weg zu folgen. Das bringt uns zwangsläufig zu dem Schluss, dass heute alles möglich ist, denn nichts schützt uns vor den Folgen des Chaos.“

Spanien, „La Vanguardia“: Bomben allein stürzen nicht das Regime

„In der internationalen Öffentlichkeit dürfte weitgehend Einigkeit darüber herrschen, dass das iranische Regime der Ajatollahs verabscheuungswürdig ist. Nicht zuletzt wegen der blutigen Niederschlagung von Protesten in den vergangenen Wochen, bei denen Tausende Bürger getötet wurden (…) Zudem war es der große Exporteur des Terrorismus in alle Welt. Die Frage, die sich heute aber jeder stellt, ist, ob die Bombardierungen, die gestern von (US-Präsident Donald) Trump und (Israels Regierungschef Benjamin) Netanjahu angeordnet wurden und noch mehr Tote unter der Bevölkerung gefordert haben, der beste Weg zum Sturz des Regimes sind.

Ob das Verschwinden des iranischen Führers Ali Chamenei ausreichen wird, um den Sturz des Regimes zu erreichen, bleibt abzuwarten. Die USA und Israel werden mehr tun müssen als nur Luftangriffe. Sollte es hingegen nur darum gehen, die Islamische Republik weiter zu schwächen, sie an der Entwicklung ihres Atomprogramms zu hindern, ihre Ölfelder zu zerstören und damit China zu schaden – das der große Importeur des Erdöls dieses Landes ist, so wie zuvor schon im Fall Venezuelas –, besteht kein Zweifel, dass dieses Ziel mehr als erreicht werden wird.“

Source: welt.de