Enthauptungsschlag im Iran: Der gewaltsame Tod von Ali Khamenei ist kein Regimewechsel

Ali Khamenei agierte nicht allein als „Revolutionsführer“. Er war vor allem der geistliche Führer einer schiitischen Glaubensgemeinschaft, zu der sich bei einer Bevölkerung von 80 Millionen mehr als 95 Prozent – wenn nicht inbrünstig bekennen, so doch rechnen. Wie immer sie zu Ayatollah Ali Khamenei standen – sie dürften sich als Gläubige missachtet und gedemütigt fühlen, dass ihnen fremde Mächte wie die USA und Israel diesen Toten vor die Füße legen.

Damit ist jede künftige politische und geistliche Führung des Iran belastet und diskreditiert, die ihr Mandat der gezielten Tötung des höchsten religiösen Führers verdankt – wer immer er gewesen, was immer er gedacht und getan haben mag. Ihn auszuschalten und das als erste Kriegstrophäe zu präsentieren, zeigt zweierlei: Trump und Netanjahu gestehen einer Islamischen Republik im Iran grundsätzlich kein Existenzrecht zu. Zugleich ist der gewaltsame Tod Khameneis ein Indiz dafür, dass sie keine schlüssige, vor allem erfolgversprechende Agenda für einen Regimewechsel haben. Sie können es sich nach dem 28. Februar 2026 schwerlich leisten, als Heilsbringer vor das iranische Volk zu treten, schon gar nicht um den Sohn des 1979 gestürzten Autokraten Schah Reza Pahlavi als Machtalternative zu präsentieren.

Die Atomverhandlungen waren als Kapitulationsverhandlungen angelegt

Ob der Iran und die Region durch Enthauptungsschläge wie diese auf dem Weg zum befürchteten Flächenbrand sind, werden die kommenden Tage zeigen. Die US-Armada am Golf und im Mittelmeer ist auch dazu da, iranische Gegenschläge abzufangen. Das scheint bisher weitgehend zu gelingen, auch wenn einzelne US-Basen und Ziele in Israel Treffer hinnehmen mussten.

Wie weit sich die Eskalationsspirale dreht, hängt davon ab, welches Potenzial Teheran unter Einschluss aller verbliebenen „Proxys“ mobilisieren kann. Dabei schält sich mit aller Klarheit heraus: In diesem Krieg geht es nicht mehr allein um das iranische Atomprogramm. Es geht um gewaltsame Abrüstung, um das Ende jeglichen militärischen Offensivpotentials Irans.

Das hat Donald Trump in seiner Videobotschaft unmissverständlich formuliert. Gleichzeitig hat er die iranischen Revolutionsgarden dazu aufgerufen, sich zurückzuhalten. Dann würde ihnen „Immunität“ gewährt, ansonsten drohe ihnen der „sichere Tod“. Die Botschaft bedeutete womöglich, arrangiert euch mit den Verhältnissen, die wir herbeibomben. Dieses Regime-Change-Szenario, wenn es denn den Namen verdient, entlarvt die Atomverhandlungen als das, was sie für Washington offensichtlich immer waren: Kapitulationsverhandlungen mit der Aufforderung, auf jegliche Uran-Anreicherung zu verzichten und das iranische Raketenpotenzial abzurüsten.

Auf ein solches Verdikt, das wussten alle Beteiligten, würden die iranischen Verhandler niemals eingehen. Dafür hätten sie unter keinen Umständen grünes Licht vom Ali Khamenei und seiner Hardliner-Crew bekommen, denen klar war, dass eine solche Kapitulation einer Selbstaufgabe gleichkäme.

Merz, Macron und Starmer zeigen eine politische Wirklichkeitsverweigerung

Ungeachtet dessen: Einen Staat, mit dem man gestern noch verhandelt hat, am Tag danach mit Raketen anzugreifen, um ihn gefügig zu machen, hat mit Völkerrecht nichts zu tun. Auch wenn es sich um einen Staat handelt, dessen Regime die eigene Bevölkerung schikaniert. Wie Merz, Macron und Starmer als E3 dazu kommen, in dieser Situation von Iran zu verlangen, an den Verhandlungstisch zurückzukehren, ist eine politische Wirklichkeitsverweigerung sondergleichen.

Für Washington und Tel Aviv dürfte die Geschwindigkeit, mit der Iran seine Wiederaufrüstung nach dem Zwölf-Tage-Krieg im Juni betrieben hatte, alarmierend gewesen sein. Hinzu kamen Nachrichten über neue militärische Abkommen Teherans mit Russland und China, die dem Iran in wenigen Monaten zu modernen Überschallraketen verholfen hätten. Aus all dem wurde offensichtlich der Schluss gezogen, dass ein Krieg gegen Iran besser früher als später zu führen sei, wenn er möglichst verlustarm und politisch erfolgreich sein soll.

Ob diese Rechnung aufgeht, hängt vor allem von der Fähigkeit des Iran ab, den gegnerischen Kriegsparteien in der Region empfindliche Verluste zu bereiten. In Trumps MAGA-Lager wurde nur Stunden nach den ersten Angriffen heftige Kritik am Angriff laut. Zwar hat der US-Präsident seine Landsleute gleich zu Beginn auf Verluste eingestimmt. Sollte es jedoch zu höheren amerikanischen Opferzahlen kommen, dürfte das Trump-Lager vor den Zwischenwahlen im Herbst in schweres Fahrwasser geraten.

Ebenso, wenn – was als durchaus realistisch erscheint – sich die kostspieligen Raketen- und Bombereinsätze über Wochen hinziehen, ohne dass die US-Administration einen plausiblen „Sieg“ verkünden könnte. Dessen politisch sicherstes Zeichen wäre ein Regimewechsel, der aber wie vonstatten gehen soll?

Die Optionen Palastrevolution oder Volksaufstand stehen auf tönernen Füßen

Das „Muster Venezuela“ kommt nicht ernsthaft in Betracht, was die Frage nach einer Exit-Strategie aufwirft. Auch die Behauptung, man hätte das Atomprogramm nun wirklich endgültig zerstört, dürfte politisch kaum verwertbar sein, da dies im Juni 2025 von Trump schon einmal verkündet wurde. Unter diesen Umständen bleibt für ihn im Interesse seiner Glaubwürdigkeit vor allem das Kriegsziel: Machtwechsel im Iran. Und weil im Unterschied zu den Interventionen 1991 und 2003 gegen den Irak Bodentruppen im Iran nicht zur Debatte stehen, bleiben im Kern zwei Optionen, dieses Ziel zu erreichen. Eine Palastrevolution oder ein Volksaufstand.

Käme Ersteres zum Tragen, würde die alte Garde des Mullah-Regimes abgesetzt, um sie durch Kommandeure der Revolutionsgarden und moderate Technokraten des Regimes zu ersetzen. Ob dies offener oder verdeckter Machtwechsel nach den Todesumständen bei Ali Khamenei noch realistisch ist, darf bezweifelt werden. Andererseits könnte es auf iranischer Seite die letzte mögliche Alternative zum Kollaps des Regimes, dem drohenden Zerfall des iranischen Zentralstaates und einer Gaza-ähnlichen Zerstörung der urbanen Infrastruktur des Landes sein. Trumps Warnung in Richtung Revolutionsgarden kann ein Indiz dafür sein, dass in Washington mit einer solchen Entwicklung gerechnet wird.

Die schiere Größe der US-Armada lässt darauf schließen, dass man sich für einen längerfristigen Luftkrieg gegen Iran gewappnet hat. Sollte es gelingen, die iranische Luftverteidigung zu zerstören und die Raketenbasen auszuschalten, könnten sich die Angriffe darüber hinaus landesweit gegen die politischen Institutionen und den Sicherheitsapparat des Regimes richten. Ein Volksaufstand würde dann unter militärischem Geleitschutz der USA und Israels stattfinden, sofern es bei einem Luftkrieg, der jetzt bereits viele zivile Tote gefordert hat, wirklich dazu kommt. Aber es ist vorstellbar, dass unter diesen Bedingungen Militärs und Sicherheitskräfte die Seiten wechseln und das Mullah-Regime kollabiert. Es wäre eine Kopie der Ereignisse von 1979, dem Beginn der Islamischen Revolution.

Zerfällt Iran als Zentralstaat, ist er vom Schicksal Libyens nicht mehr weit entfernt

Da es im Iran jedoch keine geeinte Opposition gibt und eine solche auch nicht in Sicht ist, steht die Zukunft des Landes nach einem von außen erzwungenen Regimewechsel auf tönernen Füßen. Auch wenn der Sohn des 1979 gestürzten Schahs in Maryland, USA, mit den Hufen scharrt, fällt es schwer, in ihm eine politisch akzeptable Übergangsfigur zu erkennen, die Iran in eine Transformation führt, an deren Ende freie Wahlen und ein demokratischer, föderal verfasster Staat stehen.

Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass es in den Provinzen des Landes zu separatistischen Bestrebungen mit bewaffneten Auseinandersetzungen kommt und der geschwächte Zentralstaat von einer Militärdiktatur vor dem Zerfall „gerettet“ wird. Iran könnte dann vom Schicksal Libyens nicht mehr weit entfernt sein.