Tod des iranischen Führers: Was kommt nachdem Khamenei?

Als im iranischen Staatsfernsehen der Tod des Obersten Führers verkündet wird, ist in Teheran Jubel zu vernehmen. „Er ist tot“, rufen die Leute aus ihren Fenstern. Viele tanzen in ihren Wohnzimmern. „Seit meiner Kindheit höre ich die Wünsche, Khamenei möge sterben“, sagt eine 34 Jahre alte Teheranerin.

Der Fernsehansager ringt um Fassung, als er in den frühen Morgenstunden des Sonntags mit stockender Stimme die Mitteilung des Nationalen Sicherheitsrats verliest: „Seine Heiligkeit Imam Khamenei ist ins höchste Königreich aufgestiegen, indem er den süßen Nektar des Märtyrertums während des gesegneten Monats Ramadan getrunken hat“. Die Mitteilung nimmt Bezug darauf, dass der 86 Jahre alte Khamenei sich nicht nur als Führer Irans verstand, sondern auch als Führer der gesamten islamischen Welt und einer antikolonialen Bewegung, der „nach Freiheit Strebenden“.

Sein Tod werde „der Beginn einer gewaltigen Erhebung im Kampf gegen die Unterdrücker der Welt sein“. Den Moderatoren der nachfolgenden Sendungen liefen teilweise Tränen über die Wangen. Das Staatsfernsehen zeigte Aufnahmen von Trauermärschen und Regimeanhängern, die „Tod Israel, Tod Amerika“ riefen.

Auch andere ranghohe Militärs getroffen

Khameneis Residenz in Teheran war am Samstag eines der ersten Ziele der israelisch-amerikanischen Luftangriffe gewesen. Anders als in seinem Umkreis behauptet, befand sich der Oberste Führer demnach nicht an einem sicheren Ort. Womöglich waren seine Beschützer davon ausgegangen, dass die USA und Israel ihren Angriff nicht am helllichten Tag beginnen würden – ein bemerkenswertes Versagen der iranischen Geheimdienste.

Trauernde nach dem Tode Ali Khameneis am Sonntag in Teheran
Trauernde nach dem Tode Ali Khameneis am Sonntag in TeheranEPA

Laut der „New York Times“ hatte der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA Khameneis Bewegungen seit Monaten beobachtet. Der Zeitpunkt des Angriffs gegen 9.30 Uhr am Morgen wurde laut der Zeitung auch deshalb gewählt, weil die CIA von einem Treffen führender Vertreter des Sicherheitsapparats auf dem Gelände des Büros des Obersten Führers erfahren hatte. Auch Khamenei sollte sich deshalb auf dem Gelände aufhalten. Im Volksmund wird es „Beit-e Rahbari“ genannt, Haus der Führung oder einfach nur „das Haus“.

Der Luftangriff selbst wurde dem Bericht zufolge von Israel ausgeführt, das sich seit Monaten, auch auf der Basis eigener Geheimdiensterkenntnisse, darauf vorbereitet hatte. An dem Treffen der Militärs nahmen unter anderen der Oberkommandeur der Revolutionsgarde Mohammad Pakpour, der Sekretär des Verteidigungsrats Ali Shamkhani, der Stabschef der Streitkräfte, Abdolrahim Mousawi, sowie Verteidigungsminister Aziz Nasirzadeh teil, deren Tod am Sonntag von iranischen Staatsmedien bestätigt wurde.

Der Präsident tritt nicht in Erscheinung

Die iranische Verfassung sieht vor, dass nach dem Tod des Obersten Führers zunächst ein Übergangsrat seine Aufgaben übernimmt; ein Triumvirat, bestehend aus dem Präsidenten, dem Justizchef und einem Kleriker aus dem Wächterrat. Zu ihren Aufgaben zählt außerdem, sicherzustellen, dass der sogenannte Expertenrat „schnellstmöglich“ einen Nachfolger bestimmt.

Am Sonntagmorgen trat jedoch zunächst der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats, Ali Laridschani, im Staatsfernsehen auf. Er sagte, der von der Verfassung vorgesehene Prozess werde „so schnell wie möglich“ eingeleitet. „Heute sind Bemühungen im Gange, einen Übergangsführungsrat im Einklang mit der Verfassung zu bilden.“

Irans Präsident Massud Peseschkian, hier im Februar in Teheran, trat erst einmal nicht Erscheinung
Irans Präsident Massud Peseschkian, hier im Februar in Teheran, trat erst einmal nicht ErscheinungReuters

Es fiel auf, dass der Präsident Massud Peseschkian seit Samstag nicht mehr in Erscheinung getreten ist. Dafür ein anderer, der in der aktuellen Lage ein Interesse haben dürfte, Teil der neuen Machtkonstellation zu sein: der Parlamentssprecher Mohammad-Bagher Ghalibaf.

Widerstand gegen USA und Israel war Kern der Ideologie

Der amerikanische Präsident Donald Trump war am Samstagabend der Erste, der den Tod des Obersten Führers verkündete, nachdem aus israelischen Regierungskreisen verlautet war, dass Khameneis Leichnam gefunden worden sei. „Einer der bösartigsten Menschen der Geschichte“ sei tot, schrieb Trump auf seiner Plattform Truth Social. Dies bedeute nicht nur Gerechtigkeit für das iranische Volk, sondern auch für alle Amerikaner und Menschen aus anderen Ländern, „die von Khamenei und seiner Bande blutrünstiger Gangster getötet oder verstümmelt wurden“.

Das Ende der Islamischen Republik ist das noch nicht. Das wissen auch Israel und Amerika. Wer Khamenei nachfolgt und ob es überhaupt einen Nachfolger gibt, der die Machtfülle Khameneis erbt, ist noch völlig offen und dürfte auch vom weiteren Verlauf der Kampfhandlungen abhängen. Der erste Machtwechsel seit 37 Jahren ist eine tiefe Zäsur, die das Land in eine neue Richtung führen könnte. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass ein Nachfolger installiert wird, der zunächst auf Kontinuität setzt.

Khamenei hat sich seit Jahrzehnten Forderungen nach politischen und wirtschaftlichen Reformen im Land widersetzt. Der „Widerstand“ gegen die Vereinigten Staaten und Israel blieb bis zuletzt der Kern seiner Ideologie. Als er 1989 die Macht übernahm, galt er noch als schwacher Übergangskandidat, der nicht die religiösen Qualifikationen erfüllte, die laut Verfassung notwendig waren. Es gelang ihm, seine Position zu festigen, indem er verschiedene Elitennetzwerke gegeneinander ausspielte und sie an den Fleischtöpfen beteiligte.

Khameneis Porträt hing auch im Irak

Seit den Massenprotesten von 2009 stützte er sich zunehmend auf die Revolutionsgarde als wichtigste Säule seiner Macht. Im Gegenzug erlaubte er den Revolutionswächtern, Teile der Wirtschaft unter ihre Kontrolle zu bringen und sich schamlos zu bereichern. Das Büro des Obersten Führers hat Khamenei zu einer Schlüsselinstitution im Machtgefüge ausgebaut, die den Wechsel überdauern könnte.

Sein Einfluss als Oberster Führer Irans reichte allerdings weit über die Grenzen Irans hinaus. Khamenei war auch eine Führungspersönlichkeit der „Achse des Widerstandes“, einer von Teheran angeführten israel- und amerikafeindlichen Allianz zu denen Gruppen wie die Hizbullah in Libanon, die palästinensische Terrororganisation Hamas oder die Huthi im Libanon gehörten.

Unter seiner Regie bauten die Revolutionsgarden eine Schattenarmee getreuer schiitischer Milizen in der Region auf, um den iranischen Einfluss zu stärken. So hing das Portrait Khameneis auch in den Büros oder Stützpunkten bewaffneter Gruppen im Irak oder in den Gegenden im Libanon, die von der Schiitenorganisation Hizbullah beherrscht werden.

Khamenei soll Anweisungen gegeben haben

Teheran treu ergebene schiitische Milizen im Irak sehen in Khamenei ihren religiösen und politischen Anführer, zum Beispiel die gefürchtete Gruppe Kataib Hizbullah. Andere schiitische Milizen im Irak haben zwar nicht so enge, ideologisch gefestigte Verbindungen, aber auch sie hören auf die iranischen Revolutionswächter, von denen sie gefördert werden.

Die libanesische Hizbullah ist der engste Verbündete des iranischen Regimes und erkennt Khamenei sowohl als politischen als auch als religiösen Führer an. Schon in ihren Gründerjahren erklärte die Hizbullah, dass ihre Mitglieder dem weisen Kommando der „Herrschaft des Rechtsgelehrten“ folgten.

Die Loyalität ist damit nicht an die Person Khamenei gebunden, sondern an die Figur des Obersten Führers. Dieser, sagen Beobachter mit Verbindungen in die  Organisation, habe auch in den großen strategischen Entscheidungen der Hizbullah das letzte Wort, auch in der Frage, ob die Organisation in den Krieg gegen Israel und die USA eintritt.

Die Weichen für Khameneis Nachfolge wurden spätestens seit dem Zwölftagekrieg im vergangenen Juni gestellt, als Trump und der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu öffentlich über seine Tötung sinnierten. Kurz vor der aktuellen Militäroperation soll Khamenei dazu weitere Anweisungen gegeben haben.

Kommt ein Gemäßigter an die Macht?

Man kann aber nicht ausschließen, dass es in der gegenwärtigen Kriegssituation zu Machtkämpfen im Innern kommt. Klar ist, dass die mächtige Revolutionsgarde in der Nachfolgefrage eine wichtige Rolle spielt. Sie könnte den Übergang auch nutzen, um das Land noch mehr als bisher in eine Militärdiktatur zu verwandeln. Damit könnten die USA und Israel wohl leben, wenn das neue Regime sich außenpolitisch neu aufstellen würde.

Als ein denkbarer Nachfolger galt bisher Khameneis Sohn Modschtaba, der über enge Beziehungen zur Revolutionsgarde verfügt. Gegen ihn könnte sprechen, dass ein Übergang vom Vater zum Sohn einer Dynastie gleichkommen würde, wo doch die Revolution sich genau dagegen gewendet hatte. Im Gespräch waren außerdem mehrere Kleriker, darunter der amtierende Justizchef. Sie würden eher für Kontinuität stehen.

Manche Beobachter halten es für denkbar, dass ein gemäßigterer Kandidat auf den Schild gehoben werden könnte, um den tiefen Graben zwischen Führung und Bevölkerung zu überwinden. Sie nennen den früheren Präsidenten Hassan Rouhani oder Hassan Khomeini, den Enkel des ersten Revolutionsführers Ruhollah Khomeini. All das sind vorerst Spekulationen. Zumal die Kampfhandlungen am Sonntag weitergingen und niemand weiß, welche politischen und militärischen Führer am Ende noch am Leben sein werden.

Source: faz.net