Howard Carpendale war immer da, nie ganz oben – Gewiss mit 80 Jahren ist er endlich Nummer eins

60 Jahre nach dem Start seiner Bühnenkarriere führt Howard Carpendale zum ersten Mal die Album-Charts an. Den Erfolg genießt er mit Fans bei einem Konzert im Düsseldorfer Schlagercafé. Die bekommen von ihrem „Howie“ neben Musik auch schlüpfrige Witze.

Im Düsseldorfer Schlagercafé singt Udo Jürgens „Griechischer Wein“ aus den Boxen und draußen, wo Junggesellinnentruppen mit bunten Federkränzen und viel Altbier schon kräftig für das übliche Altstadtwochenende vorglühen, wird für die baldige „Après-Ski-Party“ mit den Partyschlagersängern Almklausi und Rumbombe (sein größter Hit: „Hurensohn“) geworben. Aber das Ziel liegt ja auch im sehr vergrößerten Schlagercafé-Hinterzimmer, eigentlich die Henkelhalle, gerade noch ein Epizentrum des Karnevals.

Jetzt ist es erwartungsvoll ruhig in dem schwarzen Raum, der knapp 1000 Personen fasst. Körperfreundliches Schwarz scheint auch die maßgebliche Kleiderfarbe – aufgehellt mit Logopullis aus dem Duty-free-Shop und goldenen, gern quer getragenen Umhängetaschen. Viel Blondierung und Aperolrot in Gläsern leuchtet. Auch die blinkenden Junggesellinnen sind eingetrudelt. Es riecht leicht nach Currywurst. Sektkübel werden herumgetragen und es gibt einen Frauenüberschuss in der Altersgruppe 35 bis 75, sehr heteronormativ.

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Auf der schmalen Bühne stehen Tische und Hochsessel, dahinter ist auf einer LED-Wand zu lesen: „Willkommen zum exklusiven ‚Zeitlos‘-Album Release-Konzert“. Und vor dem Hintergrund einer Goldenen Schallplatte ist er abgebildet, in Sakko und Schal, die Hand am Standmikrofon, den Blick visionär nach rechts in die Weite gewendet: Howard Carpendale.

Am 14. Januar ist der Südafrikaner 80 Jahre alt geworden. 700 Lieder hat er eingespielt, 65 Millionen Platten verkauft. Als dauerfreundlicher Launebär und immer blonder Big Daddy mit sorgsam gepflegt weichem „r“- und „isch“-Fehler ist Howard Carpendale Urgestein wie ragender Fels des deutschen Schlagers. Er gehört, seit er nur ein paar hundert Meter von hier, 1960 zu singen begann, zur Musiktapete der BRD. Mindestens von 1970 („Das schöne Mädchen von Seite 1“) bis 1984 („Hello Again“) war er geschmacksprägend. Danach ist er nie wirklich verschwunden.

Schon 2003 startete er seine erste Abschiedstournee. Als er sich dann nach Florida zurückzog, wurde er depressiv und spielsüchtig. Doch Sohn Wayne brachte ihn – ganz wie in dessen Soap-Operas – wieder aufs Karrieregleis zurück. Jetzt wohnt er mit der Amerikanerin Donnice Pierce, seiner Lebensgefährtin seit 46 Jahren, am Starnberger See und schimpft auf Trump, liebt Deutschland und ist mit sich im Reinen. 2023 bekam er in Leipzig von Thomas Hermanns mit „Hello! Again?“ ein sehr gelungenes Jukebox-Musical. Und jetzt soll – nach drei Monaten „Zeitlos“-Tournee ab 11. März mit 45 Konzerten – der endgültig letzte Carpendale-Ton verklingen. Denn „Howie“ ist neben Peter Maffay (76) und Roland Kaiser (73) der Einzige, der in seinem Alter noch die großen Hallen mit Schlagern füllen kann.

Aber jetzt, um 20:09 Uhr, kommt er erst einmal auf die Bühne dieses vergleichsweise intimen Saals. Er trägt eine hellgraue Lederjacke, einen blaugrau verschwimmenden Schal und stimmt – natürlich – „Hello Again“ an. Hände fliegen hoch, Jubel, lautes Mitsingen. Drei Background-Vokalisten begleiten den großen, ein wenig schwerfälligen Mann, der eine Hüft- und zwei Knieoperationen hinter sich hat. Die pumpend-knalligen Instrumentals kommen vom Band. Knapp zwei Stunden später wird Carpendale zehn weitere Songs interpretiert haben. Alle sind in diesem harten, wohl zeitlosen Sound, der auch ein wenig gnädig camoufliert, sodass sein einst heller Bariton sich inzwischen weitgehend in Sprechgesangsregionen bewegt und die weichen, leicht gebrochenen, ein wenig verwundbaren Crooner-Aufschwünge nur noch Abglanz sind. Aber ein grenzenlos sympathischer.

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Alle Fans im Saal fühlen sich von diesem freundlichen Herrn symbolisch umarmt. Gerade haben sie erfahren, dass ihr „Howie“ mit „Zeitlos“ auf Platz Eins der Album-Charts ist – nach sechzig Jahren auf der Bühne zum ersten Mal. Carpendale war immer da, aber nie ganz oben. Das schweißt ihn und Fans zusammen. Carpendale hat es sich im Sessel gemütlich gemacht und erzählt, warum er Social Media nicht mag („am Dienstag wurde da mein Tod verkündet“). Er ist pessimistisch, was die Zukunft deutschsprachiger Musik angeht, und macht seine typischen Witze, manche von ihnen sind mild schlüpfrig. Dass es aus der Zeit gefallen wirkt, ist ihm egal. Den Menschen im Saal auch.

Es folgt Lied auf Lied. „Es geht um mehr“ wird von „Das schöne Mädchen von Seite 1“ (das des Versandhauskatalogs – was war das nochmal?) abgelöst. „Wie frei willst du sein“ ist auch dabei und das von Carpendale so besonders geschätzte „Piano der Nacht“ ebenfalls. Und auf „Tür an Tür mit Alice“, wo dann auch mal das „F“-Wort auftaucht, folgt endlich „Ti amo“. Jetzt gehen die Menschen aus sich heraus und nehmen auch willig stehend hin, dass zwischendurch viel geredet und reflektiert wird, weil Publikumsfragen zu beantworten sind: Nein, „Du und deine Elefanten“, wird er nicht auf Tour singen, sagt er und feixt mit seinem 50 Jahre jüngeren Labelchef.

Das alles ist schon sehr bieder und brav, aber eben deshalb beständig. „Howie“, der Womanizer, der Durban mit Düsseldorf vertauschte, der Sex, Drugs & Rock’n’Roll zelebrierte, ist spätestens seit der „ZDF-Hitparade“ konform geworden: ein schnell in die erfolgreiche Gastarbeiterriege der Schlagerschaffenden (Mireille Matthieu, Roberto Blanco, Karel Gott) eingemeindeter Exot. Statt des südafrikanische „Springbok Radio“ besuchte er fortan Dieter Thomas Heck. Seine erste deutsche Single: „Lebenslänglich“.

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Erst in der Rückschau realisiert man, wie zeitlos der Liederkatalog des ewig silberblonden Edelnuschelschluffies vom Kap der Guten Hoffnung ist. Auch die Titel jenseits seiner klassischen Kanonperiode haben treffende, bis heute gut gereimte Texte. Sie sind in ihrer wohlgesetzten Einfachheit durchaus intelligent wie nachhaltig, laut und ehrlich. Die Texte sind unauffällig professionell komponiert.

Selbst in Strophen wie „Schubidamdam“ ist Howard Carpendale fast ein Schlagerphilosoph der kleinen Dinge. Der heute Abend nie inszeniert wirkt, sofort mit einer Wasserflasche bereitsteht und nach dem Sanitäter ruft, als einer Frau in der ersten Reihe der Kreislauf schwächelt.

Nur Freunde, keine Fremde. Dieser merkwürdige, aber irgendwie auch in seiner unprätentiösen Einfachheit herzergreifend gelungene Düsseldorfer Gesprächsgesangsabend könnte nach der allerletzten Abschiedstour vielleicht sogar ein Format für den Schlager-Rentner Carpendale werden. So deutet er es zumindest an.

Source: welt.de