Angriff gen Iran: Wie fragil ist dasjenige Regime?

Vermutlich war Khamenei nicht in seiner Residenz in Teheran, die ebenfalls bombardiert wurde. Auch andere politische und militärische Führer wurden ins Visier genommen. In israelischen Medien wurden erste Namen von Getöteten genannt. Eine Bestätigung stand auch dafür noch aus. Es hieß, Ziel der ersten Angriffswelle sei es gewesen, so viele Führungspersonen wie möglich zu töten.
Bislang scheint die Befehlskette in Iran zu funktionieren
Auf dieses Szenario hat Teheran sich vorbereitet. Khamenei soll für den Fall seines Todes Entscheidungsbefugnisse an einen engen Kreis an Vertrauten delegiert haben. Ihr Auftrag lautet demnach, das Überleben des Regimes zu sichern. Zu den zentralen Figuren gehört wohl der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats, Ali Laridschani. Ein Tod Khameneis könnte aber einen Machtkampf im Innern in Gang setzen, dessen Ausgang völlig ungewiss wäre. Amerikanische Medien haben berichtet, dass sich selbst das amerikanische Militär keine abschließende Voraussage zutraut, was nach einem Tod Khameneis geschehen würde.
Offiziell gibt es dafür in der iranischen Verfassung konkrete Vorgaben. Unter den Bedingungen eines Krieges dürften wohl zunächst andere Mechanismen greifen. Niemand kann wohl ausschließen, dass es innerhalb des Systems Machtnetzwerke gibt, die sich auf eine neue Richtung verständigen könnten – womöglich sogar mit der amerikanischen Regierung. Noch aber gibt es darauf keinerlei Hinweise.
Der Oberste Führer soll außerdem jeweils vier aufeinanderfolgende Nachfolger für jedes von ihm ernannte Mitglied der politischen und militärischen Führung bestimmt haben. So berichtete es vor einer Woche die „New York Times“. Damit wollte Khamenei wohl verhindern, dass es den USA und Israel gelingt, das Regime handlungsunfähig zu machen – wie kurzzeitig nach dem Zwölftagekrieg im Juni.
An der Geschwindigkeit, mit der Iran eine erste Vergeltungswelle in Gang setzte, kann man ablesen, dass die Befehlskette bislang funktioniert. Möglicherweise wurde die Entscheidungsstruktur vorab dezentralisiert, um eine schnelle Reaktion zu ermöglichen. Die Auswahl der iranischen Angriffsziele zeigt aber auch, dass Teheran bereits im Modus der Existenzsicherung operiert. Die iranischen Streitkräfte schossen innerhalb kurzer Zeit Raketen und Drohnen auf Israel sowie auf amerikanische Militärbasen in Qatar, Bahrain, Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten und im Irak ab, mithin auf befreundete Staaten.
Wie viele Iraner sind bereit, abermals ihr Leben auf Spiel zu setzen?
Iran geht es in dieser Phase darum, die politischen Kosten für Trump in die Höhe zu treiben, in der Hoffnung, er könnte sich mit einer Schwächung des Regimes und Schäden am Atom- und Raketenprogramm zufriedengeben.
Der amerikanische Präsident und der israelische Ministerpräsident haben erklärt, dass die Militäroperation einen Regimewechsel ermöglichen soll. Zahlreiche Militärfachleute haben darauf hingewiesen, dass dieses Ziel ohne den Einsatz von Bodentruppen schwer zu erreichen sein könnte. Trump und Netanjahu haben die iranische Bevölkerung aufgerufen, sich nach dem Ende der heißen Phase der Operation zu erheben. Die Zivilbevölkerung ist jedoch, abgesehen von einigen kurdischen und belutschischen Einheiten, weitgehend unbewaffnet.
Ein weiterer Faktor ist das Verhalten der Regimekräfte. Sollten Teile des Sicherheitsapparats desertieren, wie Trump es gefordert hat, könnte das eine Kettenreaktion mit unbekanntem Ausgang auslösen. Bei den jüngsten Protesten im Januar schien das Regime nach innen aber noch gefestigt. Erkennbare Absetzbewegungen gab es nicht.
Auf das Worst-Case-Szenario eines Zusammenspiels äußerer und innerer Bedrohungen hat Iran seine bewaffneten Kräfte seit Jahrzehnten eingeschworen. Spezialeinheiten der Revolutionsgarde, der Polizei, des Geheimdienstes und der Basidsch-Miliz sind darauf vorbereitet, einen Volksaufstand auch unter Kriegsbedingungen niederzuschlagen. Am Samstag wurde gemeldet, dass die Basidsch-Miliz in allen Teilen Teherans für Patrouillen mobilisiert wurde.
Eine Mehrheit der Iraner sehnt einen Regimewechsel herbei. Entsprechend viele Iraner haben sich zuletzt für amerikanische Luftangriffe ausgesprochen, was angesichts der schlechten Erfahrungen, die das Land mit ausländischen Interventionen gemacht hat, bemerkenswert ist. Die Frage ist: Wie viele Iraner sind bereit, abermals ihr Leben dafür aufs Spiel zu setzen?
Laut iranischen Medien wurde eine Mädchengrundschule getroffen
Bei den Protesten im Januar hat die Bevölkerung bereits einen sehr hohen Preis gezahlt. Tausende wurden getötet, Zehntausende sind in Haft. Der Nationale Sicherheitsrat machte am Samstag deutlich, dass „die Sicherheitskräfte und die Justiz auf jegliche Bewegungen oder Kooperation mit dem Feind auf harsche Weise“ reagieren würden. Sie würden als „Söldner“ der USA und Israels behandelt. Der Rat rief die Bevölkerung auf, „verdächtige Aktivitäten“ zu melden.
Vorerst dürfte ein Großteil der Bevölkerung angesichts der Bombardements damit beschäftigt sein, die eigene Sicherheit zu gewährleisten. Langfristig dürfte die Reaktion der Bevölkerung davon abhängen, inwieweit sie überzeugt ist, dass die Kapazitäten des Regimes entscheidend geschwächt sind. Psychologische Kriegsführung wird eine wichtige Rolle spielen. Vor diesem Hintergrund kündigten die Basidsch-Miliz und andere Regierungsanhänger am Samstag an, sich heute auf dem Palästinaplatz zu einer Machtdemonstration zu versammeln. In den vergangenen Wochen sollen mit amerikanischer Hilfe Tausende zusätzliche Starlink-Terminals ins Land gebracht worden sein, um Kommunikation selbst dann zu ermöglichen, wenn das Regime, wie am Samstag der Fall zu sein schien, das Internet abermals abschaltete.
Auch zivile Opfer könnten die öffentliche Meinung in Iran gegen Israel und die USA wenden. Iranische Staatsmedien berichteten am Samstag, dass eine Mädchengrundschule in Minab getroffen worden sei. Es habe 40 Tote gegeben.
Source: faz.net