Analyst übrig die Angriffe im Nahen Osten: „Die Gefahr eines Flächenbrandes ist real“

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Stand: 28.02.2026 • 13:55 Uhr

Wer unterstützt Iran im Nahen Osten? Wie groß ist die Gefahr eines dauerhaften Kriegs? Und was macht Moskau? Antworten auf diese Fragen gibt der Politikberater und Analyst Cornelius Adebahr im Interview mit tagesschau24.

Cornelius Adebahr, Politikberater und Analyst bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, äußerte sich im Interview mit tagesschau24 zu dem Angriff auf Iran und den möglichen Folgen.

tagesschau24: Was kann Iran militärisch Israel und den USA entgegensetzen?

Cornelius Adebahr: Die Iraner haben in den vergangenen Monaten seit dem Krieg im vergangenen Sommer ihr eigenes Arsenal an Waffen, vor allem an Mittelstreckenraketen, aber auch Drohnen wieder aufgebaut, um sich für diesen Fall zu rüsten.

Das heißt, es ist vor allen Dingen mit Angriffen durch ballistische Raketen zu rechnen. Das ist vermutlich das, was wir gerade sehen in der Region, seien es die US-Stützpunkte, seien es Ziele in Israel, die angegriffen wurden.

Unter den Verbündeten Irans sind vor allem die Hisbollah zu nennen. Oder die Huthi in Jemen, die die Schifffahrt empfindlich stören können. Da gibt es verschiedene Szenarien, die auch durchgespielt und sicher berücksichtigt wurden. Aber es ist eben so: Wenn man einen Krieg beginnt, ist der Ausgang ungewiss. Wir sprechen eben nicht nur über Angriff und Gegenschläge, sondern dass irgendwann sich eine eigene Dynamik entfaltet.

Iran stützt sich im Nahen Osten auf Milizen

tagesschau24: Iran galt lange als wichtige Macht im Nahen Osten, hat aber zuletzt an Einfluss verloren. Welche Länder unterstützen die Regierung in Teheran dennoch?

Adebahr: Länder an der Seite Teherans gibt es in dem Sinne nicht mehr. Syrien war der letzte große staatliche Verbündete bis zum Sturz von Baschar Al-Assad im Dezember 2024. Deshalb stützt sich Iran auf diese Milizen, die in der Region beispielsweise über religiöse Bindungen – also dem Schiismus oder eben der iranischen Ideologie zugehörig – mit Iran in einem Bündnis stecken.

Das ist sozusagen eine große Isolierung, die Iran über die vergangenen Jahre erfahren hat. Aus dem iranischen Selbstverständnis heraus ist das nur bedingt ein Problem.

Es geht darum, dass Iran sich außerhalb der eigenen Landesgrenzen verteidigen kann und will. Das ist sozusagen die Doktrin, die in Teheran vorherrscht. Und dafür haben in der Vergangenheit die Milizen gereicht.

Die arabischen Staaten haben in den vergangenen Jahren eine Wiederannäherung an Iran unternommen. Sie haben vor allen Dingen auch in Washington darauf gedrängt, dass es nicht zu einem militärischen Eingreifen kommt. Sie sind natürlich keine Verbündeten des Irans. Aber sie sorgen sich um die Lage in der Region insgesamt – um ihre eigene wirtschaftliche Prosperität – und haben deshalb gegen einen militärischen Angriff plädiert.

Was, wenn die ersten amerikanischen Soldaten sterben?

tagesschau24: Iran hat ja Vergeltungsangriffe auf mehrere US-Stützpunkte im Nahen Osten gestartet. Wie groß ist die Gefahr, dass die Lage dort völlig eskaliert und es zu einem Flächenbrand kommt?

Adebahr: Die Gefahr ist real, und den Berichten zufolge hat auch der oberste amerikanische Militär, (US-Präsident Donald) Trump, hierzu gesondert gewarnt. Er hat gesagt: Wir wissen nicht genau, was passiert. Wir sind natürlich Iran militärisch in der Summe überlegen. In seiner ersten Amtszeit ließ Trump einen iranischen General töten, und der Vergeltungsschlag traf tatsächlich einen amerikanischen Stützpunkt.

Seine damalige Begründung, den Schlagabtausch zu beenden, war, dass kein US-Militär gestorben sei. Es gab eben nur „Verletzungen“. Die Frage ist, wie lange sich das jetzt in diesem Konflikt aufrechterhalten lässt. Was passiert, wenn die ersten amerikanischen Soldaten sterben sollten oder amerikanische Zivilkräfte? Auch in der Region ist Trump gesondert unter Druck, hier gegenzuhalten und diesen Krieg zu einem Ende zu führen. Und da wissen wir nicht, wie lange das dauert.

„Ein Eingreifen Russlands steht nicht im Raum“

tagesschau24: Welche Rolle spielt Moskau in dieser Gesamtsituation? Russland hatte ja mehrfach iranische Drohnen gekauft.

Adebahr: Wir haben über die vergangenen Jahre eine Zunahme der Zusammenarbeit zwischen Russland und Iran gesehen, primär auf dem ukrainischen Konfliktfeld. Da hat Iran massiv die russische Seite mit seinen eigenen Drohnen unterstützt.

In den vergangenen Wochen wurde ein weiteres Militärabkommen zwischen beiden Ländern geschlossen, das Luftabwehrraketen in den Iran liefern sollte. Das ist natürlich zu früh, um jetzt noch einen Effekt zu haben. Aber man sieht diese enge Art der Zusammenarbeit nicht nur im militärischen Bereich, auch wenn es darum geht, beispielsweise US-Sanktionen zu vermeiden.

Ein Eingreifen Russlands steht bisher in diesem aktuellen Konflikt nicht im Raum. Aber grundsätzlich ist es natürlich schwierig, mit Recht und Gesetz, mit Völkerrecht gegen beispielsweise den russischen Angriffskrieg zu argumentieren, wenn die Amerikaner sich ihrerseits eben so sehr über Völkerrecht hinwegsetzen. Das ist sozusagen das Gesamtbild, das dadurch noch mal getrübt wird.

Das Interview führte Carl-Georg Salzwedel, tagesschau24. Für die schriftliche Fassung wurde es redigiert und gekürzt.

Source: tagesschau.de