In Berlin sind jedweder polyamorös, in Oslo gibts schnell Sex: Wie 5 europäische Städte daten

Nach einer Trennung im vergangenen Jahr stürzte ich mich ins Online-Dating. Ich begann, mit Spiegel-Selfies zu experimentieren, und verbrachte ganze Abende damit, kunstvolle Fotos von meinem eigenen Hintern zu machen. Ich quälte mich mit meiner dreizeiligen Biografie für mein Profil herum. Ich legte sogar ein Notizbuch neben mein Bett, auf dessen erster Seite „Die spontanste Sache, die ich je getan habe“ stand, damit ich Stift und Papier griffbereit hatte, falls mir die Antwort im Traum einfallen würde.

Ich hatte meine frühen Dreißiger damit verbracht, an einer scheiternden Beziehung festzuhalten, was mir das starke Gefühl gab, in einer Warteschleife gefangen zu sein. Es fühlte sich an, als wäre ich dazu bestimmt, jeden Abend bis zu meinem Tod eine leicht abgewandelte Version desselben Streits zu führen.

Ich swipe weiter, überzeugt davon, dass sich mein zukünftiger Mann im nächsten Hinge-Profil versteckt – nur noch einen Klick entfernt

Als ich mit dem Dating begann, war das Scrollen auf der Dating-Plattform Hinge wie das Shoppen für eine andere Zukunft. Ich sah mir Bilder von Männern an, die kleine Hunde im Arm hielten und mit Tennisschlägern wedelten, und berauschte mich an dem Gedanken, wie viel Spaß wir gemeinsam mit den kleinen Hunden und beim Tennisspielen haben würden. Irgendwann begann ich, mein Handy vor dem Schlafengehen in einem Schrank in der Küche zu verstecken. Denn wenn ich es in meinem Zimmer aufbewahrte, spürte ich, wie all meine neuen Leben mich riefen. Manchmal, wenn ich aufstand, um es zu verstecken, fühlte ich mich vom schnellen Scrollen ganz schwindelig.

Wenn ich mich zu persönlichen Dates traf, waren diese nicht immer so unterhaltsam wie in meinen Fantasien. Die Männer aus Fleisch und Blut, die ich in Kneipen traf, wirkten meist kleiner und hatten weniger zu bieten als auf ihren 2D-Profilfotos. Ich hatte oft das Gefühl, dass ich auch nicht ganz an mein Hinge-Ich heranreichte. Meine echte Stimme klang immer viel lauter und weniger sinnlich als meine Sprachnachrichten. Einmal fragte ich einen Mann, ob ich ihn küssen dürfe, und er antwortete: „Nein, danke, alles gut“, als hätte ich ihm Kartoffelchips angeboten.

Ein anderer Mann fragte mich, wen ich sonst noch auf meiner „Liste“ für diese Woche hätte. Es implizierte, dass wir beide unsere privaten Partner-Harems hätten, mit denen wir abwechselnd Essen und Weintrinken gehen. Und in gewisser Weise hatte ich tatsächlich meinen eigenen privaten Harem im Handy. Wäre ich vielleicht entspannter und sorgloser gewesen – eher wie meine Hinge-Version –, hätte ich ganz locker Zeit mit vielen verschiedenen Partnern verbringen können, ohne zwanghaft bereits unser ganzes gemeinsames Leben vorauszuplanen. Doch in meinem Kopf gibt es eine Stimme, die von der Anzahlung für ein Haus und einer abnehmenden Anzahl von Eizellen spricht. Diese Stimme ist mir peinlich, aber ich kann sie scheinbar nicht übertönen.

In England und Wales leben mehr als 70 Prozent der Menschen zwischen 30 und 64 in festen Beziehungen

Es ist mittlerweile ein Gemeinplatz, dass Dating-Apps nicht funktionieren. Zwischen 2023 und 2024 haben fast 1,4 Millionen Menschen die zehn beliebtesten Dating-Apps in Großbritannien verlassen. Allein Hinge verlor 131.000 Nutzer. Ich bin verantwortlich für die Rubrik „Blind Date“ im Guardian und erhalte jeden Monat Hunderte von E-Mails, in denen mir Leute mitteilen, dass Dating-Apps nicht funktionieren. Interessanterweise stellen viele Absender diese Krise als ein typisch britisches Problem dar. Kürzlich schrieb mir eine Frau, dass sie nicht mehr swipen könne, weil sie „ganz England auf Hinge durchgeswiped“ habe.

Vielleicht liegt ein Teil des Problems darin, dass wir hier in Großbritannien immer noch so viel Wert darauf legen, einen Partner fürs Leben zu finden. In England und Wales leben mehr als 70 Prozent der Menschen im Alter zwischen 30 und 64 Jahren in festen Beziehungen, sodass ich mich als Single unnormal fühle. Einen Partner zu finden, ist auch eine finanzielle Notwendigkeit. Durchschnittsbürger können sich allein nicht die Miete leisten – geschweige denn eine Hypothek.

Seit dem Tinder-Boom im Jahr 2013 ist es möglich, innerhalb einer Stunde Hunderte potenzieller Partner durchzugucken. Angesichts dieser großen Auswahl wäre es rational, im Laufe seines Lebens viele verschiedene kurze Liebesaffären zu haben. Aber eine dauerhafte Bindung zu finden, ist in Großbritannien immer noch so zentral für ein erfülltes Leben, dass ich weiter swipe, überzeugt davon, dass mein Ehemann sich im nächsten Hinge-Profil versteckt – nur einen Klick entfernt.

Um meinen Horizont zu erweitern, habe ich mich drei Monate lang mit der Frage beschäftigt, ob andere europäische Kulturen vielleicht erfolgreicher in Sachen Liebe sind. In Großbritannien sprechen wir über die Hoffnungslosigkeit des Datings, als wäre es eine unabänderliche Tatsache. Aber was, wenn das nicht so sein muss? Ich fragte mich, ob andere Kulturen in ihrer Herangehensweise an Romantik vielleicht etwas differenzierter – oder klarer – sind. Daher sprach ich mit Anthropologen, Sexualtherapeuten und Dating-Spezialisten in Berlin, Paris, Oslo und Rom. Die unten beschriebenen Dating-Stile sollen nicht ganze Städte repräsentieren. Aber durch Gespräche mit Menschen aus verschiedenen Ländern erhielt ich einen Einblick darin, wie man außerhalb Großbritanniens damit umgeht, und gewann einen dringend nötigen neuen Blick auf die Dinge.

Berlin: „Hier sind alle polyamorös“

Kürzlich rief mich eine Freundin an und sagte, wenn sie jemals wieder eine monogame Beziehung haben wolle, müsse sie in eine andere Stadt ziehen, „denn in Berlin sind alle polyamorös“. Um diese These zu überprüfen, wandte ich mich an den Anthropologen Fabian Broeker, der 2023 eine Studie über Nutzer von Dating-Apps in der deutschen Hauptstadt veröffentlicht hat.

Broeker, der an der London School of Economics arbeitet, erklärt mir, seine Forschung deute darauf hin, dass Dating in Berlin nicht mehr „unbedingt mit dem traditionellen Verständnis der Suche nach einem langfristigen Partner verbunden“ ist. Stattdessen habe es sich zu einer Art „Freizeitbeschäftigung“ entwickelt – etwas, das man nur zum Spaß macht, wie einen Nachmittagsspaziergang. Man könne in einer Woche mit drei verschiedenen Menschen Sex haben, ohne die Erwartung, jemanden davon jemals wiederzusehen. Und das würde nicht als unnormal angesehen.

Seit dem Fall der Berliner Mauer wird die Stadt mit sexueller Freiheit assoziiert. Der frühere Bürgermeister von Berlin, der Sozialdemokrat Klaus Wowereit, bezeichnete die Stadt 2003 bekanntlich als „arm, aber sexy“. Laut Daten aus dem Jahr 2024 lebt mehr als die Hälfte der Berliner in Einpersonenhaushalten. Das bedeutet, dass man als Single zur Mehrheit gehört, anders als in London, wo Paarbeziehungen die Norm sind. Die in Berlin lebende Kulturkritikerin Maxi Wallenhorst erklärte mir, dass Berlins hedonistische Herangehensweise an Intimität zum Teil durch den Mietmarkt ermöglicht werde. „Auch wenn die Wohnungskrise hier ebenfalls eskaliert, gibt es weniger Druck, sich zu verlieben, um Miete zu sparen.“

Manche, wie meine Freundin, empfinden die entschlossen lockere Einstellung der Stadt zum Dating als frustrierend. Auf Tiktok wimmelt es von (meist britischen) Expats, die zum Thema posten, wie unmöglich es ist, einen festen Partner zu finden. Wallenhorst weist jedoch darauf hin, dass Berlin zwar eine „Hauptstadt der Nicht-Monogamie“ sei, was aber „nicht unbedingt bedeutet, dass es unmöglich ist, eine feste Beziehung zu haben“.

Eine feste Beziehung hat in Berlin einfach eine andere Bedeutung. Wenn man ein Baby haben möchte, entscheidet man sich vielleicht dafür, dies mit einem besten Freund zu tun, anstatt mit einem Partner. Oder man wird Teil eines „Power-Quartetts“ und hat drei verschiedene, gleichermaßen engagierte Freunde. In Berlin muss man keinen Partner finden, um als vollständig zu gelten oder sich finanziell abzusichern – Romantik ist eher eine angenehme Ergänzung zu einem bereits voll funktionsfähigen Leben.

Paris: „Das Romantischste, was man sich vorstellen kann? Großartiger Sex und intellektuelle Verbindung“

Berlin mag die Hauptstadt der Nicht-Monogamie sein, aber in Paris ist „Polyamorie“ negativ konnotiert. Ich rufe die Autorin Alice Pfeiffer an, um sie zu fragen, ob der Ruf ihrer Stadt als Heimat der Dreiecksbeziehung gerechtfertigt ist. Sie erzählt mir, dass die Verwendung des Wortes „Polyamorie“ als unfein gilt – nicht, weil die Pariser treu wären, sondern weil es der Untreue ihren transgressiven Reiz nimmt. „Die Leute betrügen, sie reden nur nicht darüber“, erklärt Pfeiffer. „Betrügen ist ein Nationalsport.“

Die Journalistin Barbara Krief erzählt mir, dass die Haltung der Pariser gegenüber der Monogamie Teil einer größeren kulturellen Betonung der Leidenschaft sei. Sie sagt, dass viele der 30- bis 40-jährigen Pariser, denen sie begegnet, Untreue als etwas betrachten, das die Ehe verbessern kann. „Ich kann nicht für ganz Paris sprechen, aber viele Leute, die ich kenne, warten, bis die Kinder etwas größer sind, und suchen dann außerhalb ihrer Beziehung nach Leidenschaft. Man hört nicht auf, mit seinem Mann oder seiner Frau Sex zu haben, wenn man eine Affäre beginnt – die Ehe läuft weiter wie gewohnt. Es versteht sich von selbst, ohne dass es ausdrücklich gesagt werden muss, dass man Affären oder Schwärmereien haben kann, ohne dass das die Beziehung gefährdet.“

Britische Statistiken legen nahe, dass dort Männer häufiger fremdgehen als Frauen. Laut Krief suchen dagegen „Pariser Frauen in sexueller Hinsicht romantischen Genuss auf eine Weise, die üblicherweise mit dem männlichen Sexualtrieb assoziiert wird“.

Nicht mit einem Mann oder einer Frau zu schlafen, weil es das erste Date ist? Das gilt vielen Frauen als Zeit- und Lustverschwendung

Meiner Erfahrung nach erwarten Frauen in London immer noch, dass bis zum zweiten oder dritten Treffen gewartet wird, bevor sie Sex haben. Wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, frage ich mich, ob ich immer noch glaube, dass ich durch Sex mit einem Mann eines meiner begrenzten Güter verschenke und mich selbst der Gefahr aussetze, verletzt zu werden. Krief behauptet, dass in ihrem Freundeskreis keine Frau jemals auf Sex verzichten würde, wenn sie Lust darauf hat. „Sie würden sagen, dass es Zeitverschwendung ist, nicht mit einem Mann zu schlafen, mit dem sie schlafen wollen, nur weil es das erste Date ist – denn sie mögen Sex und wollen ihre Lust befriedigen.“

Laut Krief, die queer ist, finden auch alle Lesben, die sie kennt, ebenfalls nichts dabei, beim ersten Date Sex zu haben. „Wir sehen in Paris immer diese britischen Frauen in kurzen Kleidchen und denken uns: Ist ihnen nicht kalt? Aber ich wette, sie sind nicht so sexuell freizügig wie französische Frauen. Eine Französin trägt vielleicht eine Jogginghose, aber sie ist bereit, dich beim ersten Date oral zu befriedigen.“

Vielleicht lässt sich der Pariser Dating-Stil mit der französischen Kunst und Kultur erklären, in der die Ehe nicht unbedingt als ein Happy End angesehen wird. „Unsere Filme und Bücher enden nicht mit einer Hochzeit“, erklärt Krief. Ehe und Partnerschaft werden eher als Teil einer sich entwickelnden Geschichte verstanden und nicht als krönende Errungenschaft. „Französische Filme vermitteln uns den Eindruck, dass das Romantischste, das man haben kann, nicht Heirat ist, sondern großartiger Sex und intellektuelle Verbindung. Und zwar nicht nur mit einer Person. Man kann es mit mehr als einer Person haben.“

Oslo: Erst Sex, dann Date – und immer „ein Hintertürchen offen halten“

In Oslo kommt es tendenziell schneller zum Sex. Laut Julien Bourrelle, Experte für interkulturelle Kommunikation und Autor des Buches The Social Guidebook to Norway, wird Sex als weit weniger intim angesehen als ein Abendessen oder sogar Kaffeetrinken mit einem potenziellen Partner. „Man lernt sich in einer Bar kennen, geht miteinander nach Hause und hat Sex. Dann trifft man sich am nächsten Wochenende wieder in der Stadt und geht wieder miteinander ins Bett.“ Erst nachdem man ein paar Mal ungezwungenen Sex hatte, ziehen die Beteiligten vielleicht den nächsten Schritt in Betracht und verabreden sich zu einem Date. „Es ist das Gegenteil der romantischen amerikanischen oder italienischen Art, bei der ein Mann versuchen würde, eine Frau mit Kaffee und Abendessen zu umwerben.“

Bourrelle führt die Dating-Kultur in Oslo auf die große kulturelle Bedeutung von Unabhängigkeit zurück. Man möchte niemals, dass sich jemand einem gegenüber verpflichtet fühlt, also versucht man, sich selbst und dem Partner oder der Partnerin in der Anfangsphase einer Beziehung „eine Hintertür offen zu halten“. „Wenn ich Ihnen den Kaffee bezahle, hätten Sie unbewusst das Gefühl, etwas schuldig zu sein“, erklärt er. „Um diese Unabhängigkeit zu erhalten, vermeiden wir es daher, für andere zu bezahlen.“

Norwegische Frauen wollen oft nicht die Gefühle der Männer verletzen

Bourrelle sieht dieses Beharren auf einer „Ausstiegsmöglichkeit“ nicht als Bindungsangst, sondern als Zeichen der übermäßigen Empathie der Norweger. Norweger „fügen ungern Schmerz zu“. Daher achteten sie darauf, Sexpartnern und Sexpartnerinnen nicht das Gefühl zu geben, in einer Falle zu sitzen. Umgekehrt versuchten sie, nicht zu viele Hoffnungen zu wecken, um möglichst einen „Schmerz der Ablehnung“ zu vermeiden.

Die norwegische Kultur ist stark egalitär geprägt. Männer und Frauen erhalten gleiche Bezahlung und es wird von ihnen erwartet, dass sie zu Hause und in der Gesellschaft ähnliche Rollen übernehmen. Interessanterweise scheinen jedoch Frauen die Macht zu haben, wenn es um Beziehungen geht.

Laut Bourrelle ist es in der Regel die Frau, nicht der Mann, die ihren Partner auf Distanz hält, bis sie „zu 100 Prozent sicher ist, dass sie sich binden will“. Die Frau hat auch mehr Bedenken, zu überschwänglich zu sein, wenn sie zum ersten Mal mit einem Mann schläft, weil sie seine Gefühle nicht verletzen möchte, falls sie später ihre Meinung ändert.

Anrempeln an der Bar: In Norwegen gibt es ein ganz spezielles Flirt-Ritual

Ich erwarte immer noch, dass der Mann den ersten Schritt macht oder die erste Nachricht schickt, nachdem wir unser erstes Date hatten. Wenn ich mich wirklich damit auseinandersetze, gehe ich wohl davon aus, dass er als Mann irgendwie von Natur aus stärker ist und weniger leicht durch Ablehnung verletzt wird als ich – aber in der Dating-Kultur von Oslo sind es die Gefühle des Mannes, die geschützt werden müssen.

In Norwegen hat man sogar ein spezielles Flirt-Ritual entwickelt, um sicherzustellen, dass die „Ausgangstür“ offenbleibt. Laut Bourrelle machen Frauen dort typischerweise einen Mann, den sie attraktiv finden, in einer Bar ausfindig und tun dann so, als würden sie ihn aus Versehen leicht anrempeln. Anstatt also direkt Hallo zu sagen oder den Mann auf einen Drink einzuladen, stößt sie das Objekt ihres Interesses sanft mit der Schulter an, um dessen Aufmerksamkeit zu erregen.

Wenn man sich aus der Nähe nicht attraktiv findet, entschuldigt man sich einfach für das „versehentliche“ Anrempeln und geht weiter. Der Gedanke, jemanden in einem Londoner Pub mit der Schulter anzurempeln, klingt ziemlich reizvoll. Die Frau macht den ersten Schritt, aber beide haben einen plausiblen Ausstieg parat. Niemand muss zurückgewiesen werden.

Rom: Viele junge Menschen müssen bei ihren Eltern wohnen bleiben – das hat Folgen für ihre Sexualität

In Rom ist die Dating-Kultur viel formeller. Laut der Psychologin und klinischen Sexologin Donatella Fiacchino ist es für Frauen immer noch üblich, sich vor einem Date die Haare machen zu lassen und vielleicht sogar ein neues Outfit zu kaufen. „Ich kann normalerweise erkennen, wenn ein Paar zum ersten Mal miteinander ausgeht, nicht nur, weil sie nervös wirken, sondern weil sie sehr schick aussehen und die Frau komplett geschminkt ist“, sagt sie. In der Regel lässt sich die Frau vor dem großen Tag auch ungewollte Körperhaare mit Wachs entfernen. „Sie lässt sogar ihre Unterarme waxen.“

Dabei legt Fiacchino Wert darauf zu betonen, dass „Rom wie eine Zwiebel ist; sie hat verschiedene Schichten“. Die Einstellung zum Dating kann daher zwischen den Stadtteilen sehr unterschiedlich sein. Die südlichen Teile der Stadt sind weniger konservativ, während es im Norden „sehr stereotype Geschlechterrollen im Umgang heterosexueller Paare miteinander“ gibt. Es wird erwartet, dass der Mann die Rechnung bezahlt oder zumindest anbietet, dies zu tun, und den ersten Schritt macht.

In London kommt es sehr selten vor, dass ein Fremder einen auf der Straße oder in einer Bar zu einem Date einlädt, weil wir die Suche nach Liebe an Apps ausgelagert haben. Intimität ist heute etwas, das wir privat – und oft verzweifelt – mitten in der Nacht auf unseren Handys suchen. In Rom hingegen ist es laut Fiacchino immer noch üblich, dass Singles sich gegenseitig in der Öffentlichkeit um ein Date bitten, wobei in der Regel davon ausgegangen wird, dass das die Aufgabe des Mannes ist.

Einen Mann direkt im Hotel für Sex treffen? „Das würde in Rom niemals passieren“, sagt Stefano Petrella

Auch beim Sex wird vom Mann erwartet, dass er die Initiative ergreift, berichtet Fiacchino. Da Singles in Rom meist in Mehrgenerationenhaushalten leben, kann es allerdings ziemlich kompliziert sein, einen Ort für Sex zu finden. Fast 70 Prozent der 18- bis 34-Jährigen leben in Italien bei ihren Eltern, besagen Daten aus dem Jahr 2023, und die Mieten in Rom steigen, was ein unabhängiges Leben erschwert. Fiacchino sagt, dass sie viele Patienten behandelt, die in Mehrgenerationenhaushalten leben und sexuelle Funktionsstörungen entwickelt haben, wie beispielsweise die Unfähigkeit, einen Orgasmus zu erreichen, was teilweise mit dem Mangel an Privatsphäre zusammenhängt.

Abgesehen von sexuellen Einschränkungen scheinen die Römer besser als die Briten darin zu sein, romantische Momente zu genießen. Marina Iakovleva hat sich auf kulturelle Unterschiede spezialisiert und betreibt den Youtube-Kanal Dating Beyond Borders. Die Römer legten Wert darauf, einen „romantischen Ort“ auszuwählen und während eines Dates eine „schöne Umgebung“ zu schaffen, erzählt sie. Während es in London üblich ist, drei Pints zu trinken, nicht zum Vergnügen, sondern um den Druck eines ersten Dates zu bewältigen, treffen sich die Römer zu einem „Aperitivo“ und trinken in Maßen.

Ich spreche auch mit Stefano Petrella, einem homosexuellen römischen Journalisten, über seine Erfahrungen. Wenn er sich in anderen europäischen Städten verabrede, sei es üblich, dass Männer ihn direkt in seinem Hotel treffen wollen, um sofort Sex zu haben: „Das würde in Rom niemals passieren; man würde immer einen Aperitivo trinken gehen.“ Selbst die zwanglosesten Begegnungen haben etwas von einem besonderen Anlass.

Es hat etwas Befreiendes, meine Dating-Gewohnheiten als kulturell bedingt zu betrachten

Vor Kurzem habe ich jemanden kennengelernt, den ich mag. Ich merke jetzt schon, dass ich mich auf eine Art und Weise verhalte, die furchtbar britisch ist. Ich warte darauf, dass er mir zuerst eine Nachricht schickt, weil ich Angst habe, mich zu angreifbar zu machen. Am Anfang habe ich jedes Mal, wenn wir uns trafen, mindestens vier Drinks getrunken, weil ich meine Nervosität betäuben wollte. Ich habe auch Schwierigkeiten, mich davon abzuhalten, Jahrzehnte in die Zukunft zu projizieren. Ich fantasiere und gerate in Panik über die nächsten 25 Jahre, anstatt einfach nur den Moment zu leben.

Es ist wahrscheinlich nicht fair, meine Probleme auf meine Nationalität zurückzuführen, und ich sollte die Verantwortung für meine eigenen Neurosen übernehmen. Aber es hat auch etwas Befreiendes, meine Dating-Gewohnheiten als kulturell bedingt zu betrachten. Wenn die Art und Weise, wie ich Liebe suche, keine angeborene, unvermeidliche Eigenart meiner Persönlichkeit ist, dann kann ich mich vielleicht ändern. Wenn ich mir das Beste aus anderen europäischen Dating-Stilen aussuchen könnte, würde ich gerne davon ausgehen können, dass ich die Macht habe, wie die Frauen in Oslo, und lernen, den Moment zu genießen, wie die Römer. Vor allem möchte ich versuchen, französischer zu sein und aufzuhören, die Ehe als eine Art perfektes Happy End zu betrachten.

Das wird bestimmt nicht funktionieren. Ich stecke vermutlich zu sehr in meiner eigenen Haut. Aber es fühlt sich gut an, es sich vorzustellen.

Kitty Drake ist Autorin und Redakteurin. Sie lebt in London. Beim Guardian verantwortet sie das Format „Blind Date“, das Leserinnen und Leser für Dates zusammenbringt, ebenso wie beim von ihr mitgestalteten „Dining across the divide“, das Teilnehmende ergründen lässt: Kann gemeinsames Essen helfen, politische Differenzen zu überbrücken?