Einig nur gegen die Wehrpflicht: Eine evangelische Gemeinde diskutiert Krieg und Frieden

Vor der Berliner Gethsemanekirche steht mal wieder eine Mahnwache. An einer Leine hängen Plakate gegen Hochrüstung. „Appell für den Frieden“, erläutert Steffi Schulz mit leicht aggressivem Unterton. Sie sei Lehrerin und Mutter von drei Söhnen und wolle nicht, dass die im Krieg sterben, „auch nicht in einem gerechten Krieg.“ Das Wort „gerecht“ betont sie distanzierend. Es sei „irre, was passiert“, Deutschland lasse sich wieder in Kriege verwickeln – „ohne mich!“ Von der Kirche erwarte sie, dass nicht nur Mainstreammeinungen gehört werden.

Genau das versucht die Evangelische Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord mit dem Gesprächsabend „Wehrpflicht und Frieden“ am 26. Februar. In der Reihe „Lasst uns reden“ soll die ganze Bandbreite der Gesellschaft zu Wort kommen, auch „Statements von christlichen Militärangehörigen, einer Pazifistin und von Jugendlichen aus der Gemeinde“.

Die meiste Redezeit gibt Moderatorin Ulrike Bieritz den Promis. An Cocktailtischchen vor dem Altar steht Anna-Nicole Heinrich, die junge Vorsitzende des evangelischen Kirchenparlaments. Mit ihr diskutiert der häufig als „umstritten“ etikettierte Politikwissenschaftler und „Zeitenwende“-Kritiker Johannes Varwick von der Universität Halle-Wittenberg. Beide schlüpfen in ihre Rollen und äußern Erwartbares, einig nur in der Ablehnung der Wehrpflicht – Wehrdienst müsse freiwillig bleiben.

Heinrich verteidigt die neue Friedensdenkschrift der EKD, die eine „Ethik rechtserhaltender Gewalt“ formuliert. „Kriegstüchtigkeit“ erscheint darin – zugespitzt formuliert – als Nächstenliebe. Auch atomare Abschreckung wird nicht grundsätzlich verworfen, während christlicher Pazifismus als „Ausdruck individueller Frömmigkeit“ sich „als allgemeine politische Theorie ethisch nicht begründen“ lasse.

Wie war das mit der christlichen Feindesliebe?

„Für viele von uns in der Friedensarbeit war es irritierend“, sagt die Theologin und Pazifistin Antje Heider-Rottwilm, „die Äußerungen zur Gewaltfreiheit in der Friedensdenkschrift zu lesen“. Als eine der Statement-Geberinnen in Gethsemane erinnert sie an den Vorrang der Gewaltfreiheit und an Jesu Gebot der Feindesliebe. „Wir dürfen dem Bösen nicht mit gleichen Mitteln Widerstand leisten“, findet Heider-Rottwilm.

Anders als der öffentliche Diskurs es nahelege, gebe es eben nicht nur die Auswahl zwischen Treten und Getretenwerden, zwischen Verachten und Verachtetwerden. Kirche müsse die Spielräume des Handelns weiten. „Soziale Verteidigung“ sei wichtig, Widerstand könne auch gewaltlos erfolgen – laut Studien sei er dann sogar wirksamer und nachhaltiger. „Gewaltfreiheit ist nichts für Feiglinge“, betont die Theologin, „auch sie fordert Opfer.“ Die Reflexion darüber und die Ermutigung dazu fehle in der Friedensdenkschrift.

So weit würde Varwick nicht gehen: „Die Ukrainer wären von sozialer Verteidigung kaum begeistert.“ Er sei kein Pazifist und auch nicht in der Kirche. Ihm gehe es um eine „Sicherheitspolitik mit Maß und Mitte“. Die Welt sei tatsächlich in Unordnung, wie auch der Untertitel der EKD-Denkschrift nahelegt: „Wir können nicht so weitermachen wie bisher, und es ist aufrecht und ehrlich, sich damit auseinanderzusetzen“. Aber er meine nicht, „dass es Aufgabe von Kirche sein kann, dem militarisierenden Zeitgeist hinterherzuhecheln“.

Lauter Applaus ertönt im Kirchenschiff. Varwick beobachtet eine „Aufrüstungsorgie“ und Überbetonung des Militärischen. Nukleare Abschreckung zu enttabuisieren sei der falsche Weg: „Wir sollten nicht einem olivgrünen Zeitgeist hinterherrennen und affirmativ Partei ergreifen, wie das in dieser Schrift leider der Fall ist.“

Hier haben „alle ihren Platz“: Pazifisten wie die Bundeswehr

Heinrich liest die Denkschrift „ganz anders“. Die durch „Zielkonflikte“ ausgelösten Dilemmata würden darin nicht aufgelöst, „der aufgeheizte Diskurs versachlicht“. „In dieser angespannten Lage brauchen wir alle Kräfte, um zu einem gerechten Frieden zu kommen“, meint die Kirchenfrau, „da haben alle ihren Platz, auch die Pazifisten, aber eben auch die Bundeswehr als Teil der friedensstiftenden Kraft.“

Für sie spricht Majorin Nora Bach-Sliwinski, stellvertretende Bundesvorsitzende der Gemeinschaft katholischer Soldaten. Die Fallschirmjägerin war sieben Monate in Afghanistan. Sie habe bewusst entschieden, Soldatin zu werden: „Ich will etwas für mein Land tun, ich will mit allen Mitteln unsere Freiheit verteidigen.“ Soldaten stünden für Werte ein, die Gefahr rücke näher. Im Übrigen sei sie auch deshalb zur Bundeswehr gegangen, damit kontroverse Debatten wie diese möglich bleiben. „Kein Soldat will, dass Krieg kommt“, versichert Bach-Sliwinski. „Aber wenn wir nicht üben, wenn wir keine starke Reserve ausbilden, dann haben wir am Ende keine Leute, wenn es ernst wird, dann wird es hektisch, dann wird es auch blutig.“

Es sei eine „ehrenwerte Position, zum Militär zu gehen“, findet Varwick, doch wo seien die Strategien, die Frieden fördern? „Da haben wir verhängnisvolle Fehler gemacht in den letzten Jahren.“ Er sei nicht gegen die Bundeswehr und halte Militär für ein notwendiges politisches Mittel. Verteidigungsfähigkeit sei wichtig, aber „Politik muss in erster Linie dem Frieden dienen“. Die deutsche Politik befinde sich „auf einem verhängnisvollen Irrweg, indem sie einseitig Kriegstüchtigkeit propagiert“.

Eine Welt ohne Gewalt? „Vielleicht im Jenseits“

An einem Pfeiler der Kirche hängt, als Teil einer Ausstellung zu 1989, das berühmte Zitat des Propheten Jesaja: „Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen.“ Es wurde zum gewaltfreien Kampfruf der christlichen Bürgerrechtler gegen den Terror des DDR-Regimes.

An die gesamtdeutsche, säkulare Variante „Frieden schaffen ohne Waffen“ erinnert Moderatorin Bieritz. Heinrich wertschätzt das „idealistische Ziel“, relativiert es jedoch mit Verweis auf das Hier und Jetzt: „Wir müssen Menschen schützen, die von Gewalt bedroht sind.“ Die Denkschrift atme „die Realität, in der wir sind“, und mache Kirche „realitätsnäher“. Eine „Welt ohne Gewalt sei erst im Jenseits erreichbar – hoffentlich.“

Die Kirche müsse schon in dieser Welt gegen den „Mainstream für Frieden und Nächstenliebe streiten“, widerspricht eine ältere Frau aus dem Publikum. Sie vermisse „das prophetische Element“ und erwarte, dass gerade die Kirche für „die utopische, für die unrealistische Hoffnung“ einsteht, statt die Stationierung von Atomwaffen zu legitimieren. „Sind die Propheten jetzt doch alle gestorben“, ruft sie erregt, „oder kommt da noch was?“

Die Kirche ist gut besucht, etwa 250 Interessierte sind gekommen, darunter viele junge Menschen, aber auch Zeitzeugen der Friedlichen Revolution von 1989. Einer älteren Frau hängt ein Plakat vor der Brust: „Warum ich nie für mein Land kämpfen würde“. Sie meldet sich zu Wort: „Ich nehme euer Opfer nicht an. Ich habe kein Recht, dass junge Leute ihr Leben, ihre Gesundheit opfern, um mich zu verteidigen.“ Und erntet Applaus. Außerdem glaube sie nicht, „dass Putin vorm Brandenburger Tor steht“.

Halten wir diese Gesellschaft für „verteidigungswürdig“?

Mit einem Wort von Martin Luther – „man soll nicht den fremden Arsch durchs Feuer reiten“ – scheint ihr ein älterer Mann zunächst zuzustimmen, um sich dann jedoch vehement gegen die Kritiker der „Zeitenwende“ zu wenden. Er habe den Wehrdienst in der DDR aus politischen und religiösen Gründen total verweigert, „aber die Zeiten haben sich geändert“. Putin wolle nicht nur keinen, „er kann auch keinen Frieden, er braucht den Krieg“. Auch diesem Redebeitrag applaudieren viele. „Halten wir diese Gesellschaft für verteidigungswürdig?“, fragt der Mann, „unsere Freiheit, unseren Rechtsstaat und unseren Wohlstand?“ Wenn das so sei, müsse man sie verteidigen, „und das hat nichts mit Kriegstüchtigkeit zu tun“.

Die Gegenrede hält ein junger Mann, der in der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit aktiv ist und den Grünen vorhält, es gehe ihnen „nur um Militarisierung“. Im Freitag habe er gelesen, wie die Männer auch in der Ukraine unter der Wehrpflicht litten, wie sie von den Straßen entführt würden und wie auf Rentner geschossen werde, die ihnen helfen wollten. „Wir müssen verteidigungsfähig sein“, sagt auch er, „aber nicht für Militarisierung“.

Der örtliche Grünen-Funktionär verwahrt sich gegen den Vorwurf, keine Friedenspartei mehr zu sein und verweist auf seinen sowjetischen Großvater, der Stalingrad überlebt und als Chefingenieur Panzer gegen die Deutschen produziert habe. Sein deutscher Großvater sei beim alliierten Bombardement in Dresden verbrannt, und er selbst wisse, „auf welcher Seite sie heute stünden!“

Der Bundeswehr-Brief mit dem Fragebogen

Die Schülerin Mascha nutzt die Gelegenheit, für einen Schulstreik gegen Wehrpflicht zu werben, der nächste sei am 5. März – „Kommt alle!“ Sie sei „gegen eine Zukunft in Schützengräben“ und fordert „Klimagerechtigkeit statt Zerstörung, mehr Geld in Soziales und Bildung statt Milliarden ins Militär, mehr Friedensbildung an Schulen“.

Ella und Moritz sind mit Jahrgang 2009 noch zu jung für den Bundeswehr-Brief mit dem Fragebogen, seien aber jetzt schon „überfordert“ davon. Es sei „total schwierig und komplex“, ja „beängstigend“, findet Ella. Moritz sieht „die Wichtigkeit des Militärs, aber ich persönlich sehe mich dort nicht, und so geht es vielen, sie wollen nicht selbst an der Waffe dienen.“ Ein anderer Schüler will das auch nicht: „Ich kann nicht auf einem Schlachtfeld stehen und einem Menschen in den Kopf schießen.“

Schülerin Lotta sagt, hier erlebe sie zum ersten Mal eine ausgewogene Diskussion. „Alle anderen Podien, Gespräche, und auch der Kika sind sehr beeinflusst vom Verteidigungsnarrativ.“ Freie Gewissensentscheidung sei nicht möglich, „wenn die öffentliche Debatte so einseitig ist“.