Meinung: Lasst die Hunde in den Flieger – und schmeißt die Käsefüße raus

In Italien dürfen künftig Hunde im Flugzeug auf ihrem eigenen Platz mitfliegen. Die Tiere müssen sich nicht mehr im Frachtraum fürchten – und ich mich weniger vor nervigen Sitznachbarn.
Wenn ich eine Flugzeugkabine betrete, schicke ich Stoßgebete in Richtung Himmel. Nicht aus Angst vor Turbulenzen oder technischen Defekten. Mir geht es um die Sitzplatzverteilung. „Bitte, lieber Luftfahrtgott, kein Kleinkind im Umkreis von drei Metern. Kein Hintermann mit Schlagzeugambitionen. Und wenn wir schon dabei sind: bitte auch kein Barfußmissionar mit Käsearoma.“
Künftig dürfen sich die Hundehasser meiner Gebetseinlage im Flugzeuggang anschließen. Denn als erste Airline in Europa erlaubt ITA Airways, die italienische Lufthansa-Tochter, Hunde bis zu 30 Kilo im Gastraum.
Bevor nun apokalyptische Bilder entstehen: Nein, künftig sitzt kein Schäferhund mit Lesebrille neben Ihnen und studiert die Zeitung. Dennoch dürften die Riesenwauzis bald die besten Plätze bekommen. Die Hunde werden von der Airline immer ans Fenster gesetzt, damit sie möglichst viel Abstand zu anderen Gästen haben, darunter ein saugfähiger Teppich, für den Pipi-Notfall. Sie liegen auf dem Boden, der Besitzer schirmt sie mit einem Gangplatz von den übrigen Reisenden ab. Und damit sie niemanden von unten in die Hacken beißen können, tragen sie einen Maulkorb.
Ich halte das für ein großartiges Pilotprojekt. Ich würde sofort mit meinem Corgi-Mix an Bord gehen – leider gilt das Ganze bislang nur für italienische Inlandsflüge. Schade. Denn ich säße nur zu gern am Gang und würde mich entspannt zurücklehnen, wenn hinter mir jemand raunt: „Muss das sein? Diese stinkenden Tölen jetzt auch noch hier?“ – Ja, Hans-Dieter, mein Lieber, genau wie du. Und deine verschwitzten Gore-Tex-Kumpanen.
Hunde im Flugzeug: Sie sind die besseren Passagiere
Man muss ehrlich sagen: Hunde wären im Flugzeug für die meisten das geringste Problem. Ich habe Langstreckenflüge erlebt, bei denen mein Sitznachbar beschloss, die Armlehne sei ein unverbindlicher Vorschlag und sein halber Körper sich auf meinem Arm ausbreitete. Ich habe unfreiwillig gekuschelt, Schuppenregen überstanden und wurde einmal im Schlaf zur sabbernden Schulterablage, weil der Kopf des Nebenmannes der Schwerkraft folgte.
Ganz zu schweigen vom olfaktorischen Potpourri in der Sardinenbüchse über den Wolken. Kaum hebt die Maschine ab, beginnt das große Schuhe-Ausziehen. Neun Stunden mariniert man in einer Mischung aus Schweiß-, Talg- und Fußkäsegeruch. Ich sitze dann vermummt wie auf Expedition, nur dass ich nicht den Himalaja bezwinge, sondern Reihe 32. Nach jedem Flug ist mein Duschbedürfnis größer als nach einer Trainingseinheit im Fitnessstudio. Ich habe das Gefühl, nach anderer Menschen Fuß und Atem zu riechen.
Im direkten Vergleich der Hygiene zwischen Mensch und Hund schneiden die Pelzträger übrigens erstaunlich gut ab. Sie putzen sich täglich. Akribisch. Ich möchte keine Statistik darüber sehen, wie viele Menschen ungeduscht an Bord kommen. Dem Geruch nach zu urteilen: so einige!
Außerdem werfen sich Hunde nicht mit ausladender Selbstverständlichkeit auf fremde Sitzhälften. Sie treten nicht rhythmisch gegen Rückenlehnen. Sie stemmen sich beim Aufstehen nicht am Vordersitz hoch, sodass man selbst erst nach hinten und dann wieder nach vorn schnellt, während von oben durch das angestrengte Stöhnen und Ausatmen eine Welle Mundgeruch herabschwappt. Sie sabbern einen über den Wolken nicht mal an, denn sie tragen ja einen Maulkorb.
Menschen sind, nüchtern betrachtet, oft ekliger als Hunde. Lauter auch. Rücksichtsloser sowieso. Natürlich kann es passieren, dass ein pelziger Mitreisender Angst bekommt und jault. Aber das Winseln eines Hundes empfinde ich als deutlich weniger strapaziös als das Dauergeplärre schlecht gelaunter Zweibeiner im Miniaturformat. Ein missmutiges Exemplar saß einmal neben mir im Flieger und hatte maximal schlechte Laune. Das Gesicht verschmiert mit Marmeladenbrot, aus der Nase ein Popel hängend, starrte mich der kleine Mensch mit Zornesfalte an. Dann schrie sie los, ihr Name muss Charlotte-lass-das-bitte, gewesen sein, so oft, wie ihre Mutter es wiederholte. Charlotte-lass-das-bitte spuckte dabei mit Absicht ihr Frühstück auf mich und bekam gleichzeitig einen Wutanfall, schlug um sich und trat gegen den Vordersitz, als würde sie uns nach Kapstadt strampeln. Mindestens eine Charlotte-lass-das-bitte ist aber auf jedem Langstreckenflug vertreten. Ich glaube, die Fluggesellschaften casten förmlich danach.
Hunde leiden meist im Frachtraum
Ein Hund in der Kabine würde sich vermutlich nicht so benehmen. Im Gegenteil, den kann man zur Beruhigung sogar streicheln und seine Flugangst mindern. Wichtig zu sagen ist jedoch auch: Beim Transport im Frachtraum, wie er bisher für Hunde über acht Kilo Pflicht war, sterben sie tausend Tode. Enge, Lärm, Temperaturschwankungen – für viele Tiere ist das purer Stress. Man kann ihnen nicht erklären, dass es „nur ein paar Stunden“ sind. Getrennt von ihren Haltern geraten sie in Panik. Und das, obwohl sie für viele längst Familienmitglieder sind, nicht Accessoires oder Gepäckstücke.
ITA Airways bringt mit seinem Pilotprojekt viele gute Dinge ins Rollen. Endlich kann man auch mit einem größeren Hund eine schöne Zeit im Urlaub verbringen. Die wenigen Jahre, die man mit seinem treuen Gefährten hat, muss man ihn so nicht abgeben, wenn der Urlaub naht. Und ja, die Airline hat übrigens auch an Menschen mit Angst vor Hunden oder Allergien gedacht: Sie dürfen den Platz wechseln. Es gibt also eine Alternative, die für jeden passen kann. Das finde ich fair, auch wenn ich leider keinen neuen Sitzplatz bekomme, wenn jemand neben mir stinkt, auf meine Armlehne wabert, mir ins Ohr brüllt oder meinen Rücken malträtiert.
Ich hoffe, dass dieses Pilotprojekt sich durchsetzt und auch in Deutschland bald Einzug hält. Ich würde lieber in einem ganzen Flieger voller Hunde sitzen, als mit Hans-Dieter und Charlotte-lass-das-bitte.
Source: stern.de