Sabotage gegen eigenes Land: So erpresst Russland Familien ukrainischer Gefangener

Sabotage gegen eigenes LandSo erpresst Russland Familien ukrainischer Gefangener

27.02.2026, 16:12 Uhr

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Nach einem Gefangenenaustausch halten verzweifelte Ukrainerinnen Fotos ihrer vermissten Angehörigen in die Höhe – in der Hoffnung, dass freigelassene Soldaten ihre Gesichter wiedererkennen und Auskunft über ihr Schicksal geben können. (Foto: picture alliance / NurPhoto)

Verzweifelt suchen Familien ukrainischer Kriegsgefangener im Netz nach Hinweisen zu ihren Angehörigen. Russland nutzt diese Not gezielt aus: Einem Bericht zufolge werden Familien systematisch erpresst und zu Sabotageakten oder der Weitergabe militärischer Informationen gezwungen.

Moskau setzt einem Medienbericht zufolge Angehörige von ukrainischen Kriegsgefangenen systematisch unter Druck und bringt sie unter anderem dazu, Sabotageakte gegen das eigene Land zu begehen. Russlands Nötigung und Erpressung finden oft leichte Ziele unter Angehörigen, die verzweifelt nach Informationen über vermisste Familienmitglieder suchen.

Die Zeitung „Kyiv Independent“ berichtet etwa über den Fall einer Frau, deren Mann seit 2022 in russischer Gefangenschaft sitzt. Jahrelang gab es keine gesicherten Informationen über seinen Verbleib. Dann, Anfang Februar 2025, meldete sich ein Unbekannter bei ihr – er behauptete, eine Zelle mit ihrem Mann geteilt zu haben, wie die Online-Zeitung berichtet.

Was als Informationsaustausch begann, eskalierte laut dem Bericht schnell zur offenen Erpressung. Die Unbekannten sollen von der Frau verlangt haben, als Gegenleistung einen Kommunikationsturm zu sprengen und ukrainische Militärstellungen zu verraten. Um sie gefügig zu machen, hätten sie ihren Mann ans Telefon gezwungen. Bei späteren Gesprächen sei im Hintergrund Foltergeschrei zu hören gewesen.

Die Frau weigerte sich dem Bericht zufolge zu kooperieren und meldete den Kontakt dem ukrainischen Geheimdienst. Ihr Mann wurde demnach später zu 18 Jahren Haft in einer sibirischen Strafkolonie verurteilt.

Strategie zur Destabilisierung der Ukraine

Petro Yatsenko, Sprecher der ukrainischen Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene, bezeichnet die Erpressungen laut „Kyiv Independent“ als bewusste russische Strategie zur Destabilisierung der Ukraine. Die Methoden seien über die Jahre gezielter und brutaler geworden. Während Russland in den ersten zwei Kriegsjahren das Ziel verfolgt habe, Familien gegen die ukrainischen Behörden aufzubringen, würden die verzweifelten Angehörigen heute immer öfter aufgefordert, zur Tat zu schreiten: Militärfahrzeuge in Brand zu setzen, Standorte von Luftabwehrsystemen zu nennen oder Sabotageakte durchzuführen. Zuletzt seien Angehörige auch gebeten worden, Starlink-Terminals für den russischen Militäreinsatz zu registrieren. Anfang des Monats hatte SpaceX den Zugang zum Internetsystem Starlink für russische Streitkräfte blockiert.

Yatsenko sagte, dass die Zusammenarbeit mit den Russen auch den Gefangenen schade. „Wenn eine Familie kooperiert, hat Russland keinen Anreiz, diesen Gefangenen auszutauschen. Warum sollten sie dieses Druckmittel verlieren?“, sagte Yatsenko.

Eigentlich sieht das internationale Kriegsvölkerrecht vor, dass Gefangene registriert und deren Familien informiert werden. Doch das setzt voraus, dass Russland diese Daten auch tatsächlich weitergibt – was laut dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz oft nicht oder nur verzögert geschieht.

Steht Geheimdienst FSB dahinter?

Ukrainische Behörden und Investigativjournalisten sehen hinter den Erpressungen eine koordinierte Kampagne des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB. Der US-finanzierte Sender Radio Free Europe/Radio Liberty enthüllte vor rund einer Woche private Nachrichten eines russischen Generals, die unter anderem seine Zusammenarbeit mit dem FSB bei der Verwertung ukrainischer Kriegsgefangener belegen sollen. In einem der veröffentlichten Gespräche erklärt ein FSB-Offizier demnach, dass man „frische Gefangene“ brauche, um deren Familien auszubeuten. In einem anderen fragt der General, ob die inhaftierten ukrainischen Soldaten noch gebraucht oder getötet werden sollten.

Besonders leichte Ziele seien Menschen, über deren Angehörige es keine offiziellen Informationen gebe, so der „Kyiv Independent“. Laut Internationalem Komitee vom Roten Kreuz könne die Bestätigung einer Gefangennahme drei bis vier Monate dauern – sofern Russland die Daten überhaupt übermittle. In dieser Ungewissheit suchten viele Familien in sozialen Netzwerken nach Hinweisen und hinterließen dort Kontaktdaten, die von russischer Seite gezielt genutzt würden.

Quelle: ntv.de, uzh

Source: n-tv.de