Die Clintons und Epstein: Hillary muss wieder einmal zu Händen ihren Mann ohne Rest durch zwei teilbar stillstehen
Dass die Anhörung Hillary Clintons zu den Epstein-Files ein politisches Ablenkungsmanöver der Republikaner ist, überrascht niemanden. Doch was lernen wir daraus über den Umgang der Öffentlichkeit mit machtorientierten Frauen?
Hillary Clinton steht zu ihrem Mann, selbst dann, wenn dieser nicht an ihrer Seite steht
Foto: Charly Triballeau/AFP/Getty Images
Eine sichtlich genervte und müde Hillary Clinton tritt nach der Anhörung am Donnerstag vor die Presse. Betont nochmals, sie habe Jeffrey Epstein nie getroffen, Ghislaine Maxwell sei nur eine flüchtige Bekanntschaft gewesen. Dass ihr versagt worden sei, den Termin öffentlich abzuhalten, sodass sie nun der Öffentlichkeit die Inhalte nacherzählen müsse.
Mit einem sarkastischen Lächeln berichtet sie davon, dass sie wieder und wieder mögliche Beziehungen zum verurteilten Sexualstraftäter und Besuche auf dessen Insel verneinen musste – und dass es am Ende „recht ungewöhnlich“ geworden sei. Sie sei zu UFOs und „Pizzagate“ befragt worden, also der von Rechten im Wahlkampf 2016 gestreuten Verschwörungstheorie, dass sie in einen aus einer Washingtoner Pizzeria agierenden Kinderprostitutionsring involviert sei.
Alles, was ihr wichtig sei, habe sie ohnehin in ihrem Eröffnungsstatement gesagt. In dieser fast vierseitigen Erklärung bezeichnet sie ihre Vernehmung als „parteipolitisches Theater“ und dreht den Spieß um: Wenn es dem Committee ernst mit der Aufklärung von Epsteins Verbrechen sei, solle es statt ihr lieber eine Person befragen, die zehntausendfach in den Files vorkomme und die in vom Department of Justice mutmaßlich zurückgehaltenen Dokumenten abscheulicher Verbrechen an einer Überlebenden beschuldigt werde: Präsident Trump.
Amerikas Rechte ist von Hillary Clinton besessen
Ausführlich geht sie in diesem Papier auch auf ihre Anstrengungen gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel ein, die bis in ihre Zeit als First Lady zurückreichten und von der Trump-Administration fast vollständig zurückgefahren worden seien. Für den demokratischen Abgeordneten James R. Walkinshaw aus Virginia ist klar, dass es sich bei dieser Vorladung um ein politisch motiviertes Manöver handele, um den „lang gehegten Fiebertraum, in dem die Republikaner Außenministerin Clinton einsperren wollen“, zu verwirklichen.
Auch die politische Kommentatorin des CNN, Nia-Malika Henderson, spricht von der Anhörung als „letztem Kapitel der republikanischen Obsession“ mit der Figur Hillary Clinton, die so „gedemütigt und beschämt“ werden solle, bis sie endgültig „am Boden liege“.
Abgesehen von den offensichtlichen parteipolitischen Auseinandersetzungen geht es jedoch um etwas ganz Anderes. Seit den Anfängen von Hillary Clintons Karriere scheint die Öffentlichkeit geradezu besessen von der Frage: Ist sie für die Verfehlungen ihres Ehemannes verantwortlich? Sofort nach ihrer kurzen Ansprache vor dem Anhörungssaal möchte eine Journalistin von ihr wissen, ob sie sich zu 100 Prozent sicher sei, dass Ex-Präsident Bill Clinton, der vielfach in den Epstein-Files, auch auf Fotos und in Verbindung mit Frauen, vorkomme, nichts Gravierendes zu den Verbrechen wisse.
Das sei sie, denn sein Kontakt sei schon vor der ersten Verurteilung Epsteins 2008 abgebrochen, und vorher habe ja kaum jemand etwas von dessen kriminellen Aktivitäten ahnen können. Das scheint angesichts der dauerhaften Präsenz offensichtlich minderjähriger Frauen in Epsteins Orbit kaum glaubhaft. Als eine andere Journalistin nach Aufnahmen von Bill Clinton in einer Badewanne fragt, hat sich die Ex-Außenministerin schon von ihrem Redepult abgewandt und antwortet nicht mehr.
Bill Clintons Image zerstörte Hillarys Karriere. Er bleibt beliebt
Immer wieder musste Hillary Clinton für ihren Ehemann geradestehen. Während seines Präsidentschaftswahlkampfs 1992 klebte sie in der Interviewsendung „60 Minutes“ eisern an seiner Seite – mit der Aussage, sie sei keine „kleine Frau, die zu ihrem Mann steht“, in der sie auf den Song „Stand by your Man“ von Tammy Wynette anspielte – und unterstützte seine Behauptung, er habe keine Beziehung zu Gennifer Flowers gehabt.
1998 gab er den Sex mit Flowers zu. Auch in der Monica-Lewinsky-Affäre blieb sie bei ihm, und im Wahlkampf 2016 bezog sie sich u. a. auf ihren Glauben und die Parabel vom Verlorenen Sohn, um zu erklären, warum sie ihm trotz diverser Affären und Anschuldigungen stets die Treue gehalten habe. Zu dieser Zeit postete ihr Opponent Trump ein Instagram-Video mit Bildern des Ehepaares Clinton, Monica Lewinsky und Bill Cosby, dessen Sexualstraftaten damals gerade öffentlich wurden, und betitelte es höhnisch mit „true defender of women’s rights“. Trump, dem seit den 1970er Jahren bis heute von mindestens 28 Frauen sexuelles Fehlverhalten von Grapschen bis zu Vergewaltigung vorgeworfen wird, brandmarkte Bill als „abuser“ und Hillary als „enabler“.
In der Tat zeigte sich Hillary Clinton immer dann, wenn es um den Machterhalt ihres Mannes ging, wenig an feministischer Solidarität interessiert. Die Ermittlungen gegen ihren Ehegatten, bei denen es auch um dessen Beziehung zur Praktikantin Monica Lewinsky und den Vorwurf der sexuellen Belästigung durch Paula Jones ging, tat sie als „gewaltige rechte Verschwörungstheorie“ ab. Gennifer Flowers bezeichnete sie gegenüber ABC News als „irgendeine gescheiterte Kabarettsängerin, die nicht viel vorzuweisen hat“ und war laut New York Times zudem in deren Beschattung durch einen Privatdetektiv, der Negatives aus ihrem Privatleben für die Presse ausgraben sollte, involviert.
Genützt hat ihr diese „Bros before Hoes“-Strategie letztlich weitaus weniger als ihrem Mann. Der ging mit Zustimmungswerten von 65 Prozent aus dem Amt und ist bis heute höchst beliebt. Sein Verhalten hat letztlich nicht seine, sondern ihre Karriere zerstört. Doch Frauen in den Eliten haben bis heute offensichtlich kaum eine Wahl.
Wenn sie patriarchale, sexistische Verfehlungen anprangern und diese Männer aus ihrem Leben verbannen, verlieren sie den Zugang zur Macht, weil sie als Bedrohung von deren Funktionsweisen wahrgenommen werden. Wenn sie stillhalten, weg erklären, entschuldigen oder andere beschuldigen, werden sie einerseits als Zerstörerin von Familienwerten und andererseits als unglaubwürdig, schwach oder unsolidarisch gesehen. Hillary Clinton hat mit und wegen Bill die Wahlen 2008 und 2016 verloren und sich nicht scheiden lassen. Unwahrscheinlich, dass Epstein das Fass zum Überlaufen bringt.