Indien | Indien: In jener Metropole Mumbai wird eine neue Stadtautobahn zum Besten von viele zum Verhängnis

In Mumbai stehen glänzende, die Sonne spiegelnde Hochhäuser, aus denen heraus die Reichen den Panoramablick auf das Arabische Meer genießen, neben fensterlosen Hütten, die über Abwasserkanälen gebaut sind. Neun von zehn indischen Milliardären leben in Mumbai und Umgebung, aber auch mehr als sechs Millionen Slumbewohner, die Hälfte der Bevölkerung dieser Megastadt.

Nun verfügt sie über ein neues Symbol für die Kluft zwischen Arm und Reich: eine schnelle achtspurige Stadtautobahn, die – glaubt man Kritikern – nur den Begüterten dient, obwohl sie mit Steuergeldern gebaut wurde. Diese Piste sollte Abhilfe schaffen bei ständig verstopften Straßen in der Wirtschaftshauptstadt des Landes, die auf einer 40 Kilometer langen und zehn Kilometer breiten Halbinsel liegt.

Bauland ist hier so rar wie Schnee. Die neue Küstenstraße musste daher auf Terrain gebaut werden, das dem Meer abgewonnen wurde. Als technisches Meisterwerk ist sie ein Traum für Autofahrer, die bisher wegen permanenter Staus im Schnitt mit acht Stundenkilometern unterwegs waren.

Am Marine Drive im Süden, wo die Trasse beginnt, geht es in einen mehr als 1,6 Kilometer langen Unterwassertunnel hinein, der zu einer großen Schleife über das glitzernde Meer führt. Nur müssen zwei Drittel der 22,5 Millionen Einwohner der Metropolenregion Mumbai statt eines Pkw überfüllte Busse und Bahnen benutzen. Wer es nicht hineinschafft, fährt draußen mit und hält sich so gut wie möglich fest. Im Schnitt bis zu sieben Menschenleben kann der tägliche Horror dieses lokalen Nahverkehrs kosten.

Sozialhilfe für Wohlhabende

„Die neue Küstenautobahn wurde exklusiv für die Elite gebaut“, kritisiert die Umweltaktivistin Avlokita Shah. „Die Milliarden, die sie kostet, hätten besser für den öffentlichen Nahverkehr ausgegeben werden sollen, um einer Mehrheit von Nutzen zu sein. Was gebraucht wird, sind Straßenreparaturen, zusätzliche Busse mit mehr Haltestellen und erweiterten Routen sowie ein Ausbau der U-Bahn.“

Eine „Sozialhilfe für Wohlhabende“ nennt Hussain Indorewala, der am Kamla-Raheja-Vidyanidhi-Institut für Architektur und Umweltstudien lehrt, die Küstenstraße. „Sie repräsentiert einen massiven Transfer von Reichtum an die Reichen und bringt dem Rest nur zusätzliche Kosten.“

Praveen Shastri, der an der Churchgate-Bahnstation Schuhe putzt, zuckt auf die Frage, was er von der Straße halte, mit den Schultern. „Was weiß ich schon darüber?“ Um die Mittagspause ist es ruhig an der Station. Wenn der Berufsverkehr beginnt, werden die Bahnsteige von Pendlern nur so wimmeln. „Die Autobahn hilft nicht Leuten wie mir. Mein Weg von der Arbeit nach Hause wird nicht einfacher. Im Zug nach Borivali, wo ich wohne, ist weiterhin nie ein Sitzplatz zu bekommen“, meint Shastri. „Was das am Ende eines langen Tages bedeutet – wen interessiert das schon?“

Antwort aus dem 20. Jahrhundert

Der Investmentbanker Vivek Tiwari dagegen liebt die neue Piste, weil sie seine Anfahrt zum Büro im südlichsten Distrikt Nariman Point um 45 Minuten verkürzt. „Es ist ein beeindruckendes Bauwerk und herrlich, darauf zu fahren. Leider kann nicht die gesamte Infrastruktur gleichmäßig zwischen Arm und Reich aufgeteilt werden. Es stimmt, dass nur eine Minderheit von Leuten, zu denen ich gehöre, die Straße nutzt. Vielleicht hilft uns gerade das, mehr ökonomisches Wachstum zu generieren. Davon profitieren alle.“

Der Umweltanthropologe Nikhil Anand hält nichts von einer Autobahn, die verschiedene Gegenden Mumbais verbindet, um dem starken Verkehr entgegenzuwirken. Das sei nicht nur elitär, sondern überholt. „Eine Antwort aus dem 20. Jahrhundert auf ein Problem des 21. Jahrhunderts.“

Tatsächlich sind Stadtautobahnen eine in Verruf geratene Lösung der 1960er Jahre, als Straßen gebaut wurden, um in den USA durch den Verkehr blockierte Stadtteile besser zu verbinden. Dabei wurde die Notwendigkeit einer alternativen Verkehrsinfrastruktur ignoriert, was mehr Menschen dazu zwang, sich ein Auto zu kaufen. „Die damaligen Maßnahmen haben nur Eigentümern privater Fahrzeuge genutzt.

Es wurde versäumt, ein Verkehrsnetz der öffentlichen Vorsorge aufzubauen. Stattdessen wurde die Nachfrage nach Autos stimuliert. Das Ergebnis war mehr Verkehr“, urteilt Nikhil Anand. „Das hat die Emission von Treibhausgasen forciert. Außerdem wurde Mumbai durch das Abholzen der Mangroven in den Feuchtgebieten entlang der Küste noch anfälliger für Überschwemmungen.“

Die Erträge haben sich halbiert

Während der Bauarbeiten schrien sich Experten heiser, dass die Landgewinnung am Meer die Lebensgrundlage der Koli-Fischer-Community, der ursprünglichen Bewohner der Küste Mumbais, zerstöre. Seit Generationen trocknen sie an den Stränden ihren Fang und reparieren dort ihre Boote und Netze. Das bestätigt der 45-jährige Deepak Namaposhe, der an einem grauen Abend in seiner Fischerhütte am Strand von Khar Danda sitzt. Sein wettergegerbtes Gesicht ist von Anspannung gezeichnet.

In der angenehmen Meeresbrise spielen Jungen Cricket, während Männer unter Planen hocken und grüne Netze flicken. An anderen Teilen der Küste, an denen die Straße bereits gebaut ist, hat Namaposhe beobachtet, dass traditionelle Laichgebiete und Fischgründe verloren gingen, die täglichen Erträge sich halbierten, während die Kosten stiegen. Da inzwischen die zweite Bauphase der Stadtautobahn begonnen hat, sind durch den fernen Dunst die im Wachsen begriffenen Aufschüttungen zu erkennen.

Der Fischer befürchtet, dass Khar Danda die gleichen Folgen drohen wie anderen Orten. „Mit welchem Recht nehmen sie das Land weg, auf dem mein Vater, Großvater und Ur-Großvater gelebt haben? Es ist unser Land. Wenn die Straße fertig ist, haben wir keinen Zugang mehr zum Meer. Wir müssen einen Umweg machen, doppelt so viel Zeit und doppelt so viel Diesel verbrauchen. Am Ende haben wir weniger Fang.“ Er weist mit dem Arm in Richtung Strand. „Diese freie Fläche wird verschwinden, Investoren wollen an dieser Stelle Wohnungen bauen. Die Autobahn hilft ihnen, Käufer zu finden.“ Fotografieren lassen will er sich nicht. Er wolle nicht als „Unruhestifter“ dastehen.

An der Küste ist die Stadtautobahn ein Glücksfall für Immobilienentwickler, die um die wenigen noch verfügbaren Grundstücke in Mumbai konkurrieren. Das für den Straßenbau aufgeschüttete Land bietet zugleich neue, große Flächen für den Bau von Glastürmen und Luxuswohnungen im Wert von mehreren Milliarden Rupien. „Die Straße hat die Menschen vom Meer entfernt. Dabei ist das Meer Mumbais schönstes Gut“, findet der Ladenbesitzer Anil Gaitonde. Die Stadtautobahn ist ein wesentlicher Grund dafür, dass Mumbai heute stellenweise einer riesigen Baustelle gleicht. Turmdrehkräne prägen die Skyline, mehr Umweltverschmutzung ist auf das rasante Bautempo zurückzuführen. Dabei ist im Vorort Worli eine Art „Milliardärszeile“ entstanden, die einen atemberaubenden, unverbauten Blick auf das Meer bietet. Die reichsten Familien haben an diesem begehrten Ort Wohnresidenzen erworben.

Trotz aller Proteste habe das Oberste Gericht von Mumbai im Dezember entschieden, dass 45.000 Mangrovenbäume für das Projekt gefällt werden dürfen, sagt Avlokita Shah, die Umweltaktivistin. „Diese Mangroven dienten als natürliche Barriere gegen Sturmfluten und eine Bodenerosion. Jedes Jahr werden Teile Mumbais während des Monsuns überflutet. Wer die Mangroven zerstört, schadet einem empfindlichen Ökosystem, das sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt hat.“

Von der Schönheit des Ozeans suspendiert

Für ungemein viele Bewohner Mumbais, nicht nur die Fischer, bedeutet die Autobahn Verlust. Darüber wird oft kaum geschrieben oder gesprochen, weil das wenig fassbar ist. Es geht um einen ungehinderten Zugang zur Küste. Die Schönheit des Ozeans und die Ruhe, die er bietet, waren von unschätzbarem Wert und ein seltenes, noch dazu kostenloses Vergnügen, das Millionen Menschen in einer überfüllten Weltstadt nicht missen wollten.

Nach einem langen Arbeitstag konnten Arbeiter, Büroangestellte, Familien und junge Paare die bisherige Straße an mehreren Punkten in den Außenbezirken Haji Ali, Breach Candy oder Worli überqueren, um am Meer entlangzuspazieren. Jetzt versperrt ihnen ein achtspuriges Monstrum den Weg. Es wurden zwar einige Unterführungen angelegt, damit Fußgänger und Radfahrer die ihnen vertraute Promenade erreichen können, doch sind es zu wenige. Um am Strand zu sein, sind lange Fußwege nötig. Sie werden all jenen zum Hindernis, die sich nach einem langen Arbeitstag müde und erschöpft fühlen.

Amrit Dhillon ist Korrespondentin in Delhi, sie arbeitet für die BBC und britische Zeitungen wie den Guardian