„Fehlgeleitet“ – AfD-Abgeordnete kritisieren Umgang jener Spitze mit Verwandtenaffäre
In der AfD-Bundestagsfraktion herrscht Unmut darüber, wie der Vorstand um Alice Weidel und Tino Chrupalla auf schwere Vorwürfe der Vetternwirtschaft reagiert. Abgeordnete warnen in einem internen Antrag vor einem „massiven Reputationsschaden“ für ihre Partei.
Acht AfD-Abgeordnete fordern den Vorstand der Bundestagsfraktion um Alice Weidel und Tino Chrupalla in der sogenannten Verwandtenaffäre zu Konsequenzen auf. Dies geht aus einem Beschlussantrag an die Fraktion hervor, der WELT AM SONNTAG vorliegt.
Bisherige Berichte des Fraktionsvorstands über die Vorwürfe der Vetternwirtschaft werden „von den Antragstellern als unzureichend angesehen“, heißt es darin. Eingereicht wurde der Antrag von einer Gruppe um Torben Braga aus Thüringen, den Nordrhein-Westfalen Matthias Helferich sowie den Bremer AfD-Landeschef Sergej Minich.
„Seit Wochen stehen schwerwiegende Vorwürfe im Raum, deren Anzahl nahezu täglich zunimmt. Ungeachtet dieser Dynamik beschränkte sich die Behandlung in der letzten Fraktionssitzung – der ersten seit Bekanntwerden der Vorwürfe – auf wenige Sätze“, beklagen die Abgeordneten. In der Fraktionssitzung habe bislang keine Debatte zu dem Thema stattgefunden. In den vergangenen Wochen wurden zahlreiche Fälle von AfD-Abgeordneten bekannt, die in ihren Büros enge Angehörige von Parteifreunden oder sogar eigene Partner beschäftigt haben.
„Da intern bisher keine inhaltliche Aufarbeitung erfolgte, bilden öffentliche Pressestatements und Medienberichte derzeit die einzige Informationsquelle für die Abgeordneten über die Strategie und den Umgang der Fraktionsführung mit diesen Fällen“, schreibt die achtköpfige Gruppe weiter. „Dieser bisherige öffentliche Umgang erscheint jedoch fehlgeleitet: Der reine Verweis auf Fehlverhalten anderer Parteien oder die Einordnung als politisch motivierte Kampagne ignoriert jene problematischen Fälle, die – wenn auch formal rechtmäßig – Graubereiche der Gesetzgebung gezielt zur privaten Selbstbereicherung nutzen.“
Mit dem Anspruch als „Partei des Rechtsstaats und des verantwortlichen Umgangs mit Steuermitteln“ sei dies „nicht vereinbar“. Die Antragsteller beabsichtigen, den Fraktionsvorstand durch einen Beschluss in der nächsten Sitzung in der kommenden Woche zu beauftragen, Auskunft über die „geplanten Konsequenzen im Zusammenhang mit Berichten über problematische Beschäftigungsverhältnisse in der Fraktion“ zu geben.
Weidel äußert sich intern deutlich kritischer als öffentlich
Die Beantwortung von 15 Fragen soll demnach „Transparenz darüber herbeiführen, welche konkreten Maßnahmen der Fraktionsvorstand zur weiteren Aufklärung und systematischen Aufarbeitung ergreift“. Die Führung soll etwa beantworten, welche konkreten Fälle von Vetternwirtschaft bekannt seien, wie dabei „zwischen legitimer Mitarbeit und missbräuchlicher Vorteilsgewährung“ unterschieden werde, ob eine externe Compliance-Instanz beauftragt werde und welche Fraktionsmitglieder bereits signalisiert hätten, „von ihren Ämtern zurückzutreten oder betroffene Anstellungsverhältnisse umgehend zu beenden“.
„Welche Strategie verfolgt die Fraktionsführung, um den drohenden massiven Reputationsschaden abzuwenden?“, wollen die Abgeordneten weiter wissen. Zudem fragen sie, ob der Vorstand die „Einrichtung eines internen Whistleblower-Systems“ beabsichtige, „damit Fraktionsmitglieder oder -mitarbeiter ohne Repressalien auf Missstände hinweisen können“.
Am Dienstag hatte Fraktionschefin Weidel die Vorwürfe pauschal als „haltlos und völlig aufgebauscht“ bezeichnet. Es habe sich bisher „nichts“ herausstellen können, „was problematisch gewesen wäre“.
Intern äußerte sie sich nach Informationen von WELT AM SONNTAG deutlich kritischer und zeigte sich demnach offen, im Verhaltenskodex der Fraktion Regelungen für die Beschäftigung von Mitarbeitern zu finden. Chrupalla hatte am Dienstag von Fällen gesprochen, in denen „einiges sehr weit ausgedehnt“ worden sei.
Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Zweiwöchentlich erscheint seine Kolumne „Gegenrede“. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“.
Source: welt.de