„Sie kamen, um die Mädchen mitzunehmen, damit sie die Nacht mit ihnen verbrachten“
Nach der Kapitulation Japans 1945 flammte der Bürgerkrieg in China wieder auf. Wie die Nationalchinesen unter Chiang Kai-shek ihre Chancen verspielten, zeigt der „Zwischenfall vom 28. Februar“, der sich 1947 auf der Insel Taiwan ereignete.
Die Kapitulation Japans am 2. September 1945 beendete zwar den Zweiten Weltkrieg in Asien, nicht aber den seit den 1930ern tobenden Bürgerkrieg in China. Sowohl die nationalchinesische Regierung der Kuomintang (KMT) als auch die Kommunistische Partei (KPCh) rüsteten umgehend zum Entscheidungskampf um die Macht.
Auf dem Papier waren die Trümpfe höchst ungleich verteilt. KMT-Führer und Generalissimus Chiang Kai-shek verfügte über 3,5 Millionen Soldaten, beherrschte die fruchtbarsten Regionen des Landes und war in den Kreis der Siegermächte des Weltkrieges aufgenommen worden. Die Truppen, die KP-Chef Mao Tse-tung befehligte, zählten nur 1,2 Millionen Mann und standen im unwirtlichen Nordwesten Chinas. Zwar wurde ihnen von der Sowjetunion japanisches Kriegsmaterial überlassen, was aber quantitativ deutlich weniger war als die Bestände, die die USA aus der kaiserlichen Hinterlassenschaft lieferten.
Beide Seiten hatten in dem seit 1937 dauernden Kampf gegen die japanischen Truppen schwere Verluste hinnehmen müssen. Aber die Ichi-go-Offensive, mit der das Kaiserreich 1944 mehrere chinesische Provinzen eroberte, hatte vier nationalchinesische Armeen vernichtet. Und das Herrschaftssystem, das die KMT nach der japanischen Kapitulation in weiten Teilen des Landes etablierte, war kaum geeignet, ihr Sympathien einzutragen. Ein Beispiel bot der sogenannte „Zwischenfall vom 28. Februar“ 1947 auf Taiwan.
Die Insel war als Ergebnis des Chinesisch-Japanischen Krieges von 1894/5 zu einer japanischen Kolonie geworden und hatte ein Eigenleben entwickelt. So beherrschten nur wenige Bewohner die chinesische Hochsprache Mandarin. Die Festlandchinesen, die 1945 zusammen mit dem neuen KMT-Gouverneur Chen Yi die Verwaltung übernahmen, hatten wenig übrig für die Taiwanesen, die sie für primitive Hinterwäldler hielten, zumal sie sich mit der japanischen Herrschaft arrangiert hatten.
Wie auf dem Festland gebärdeten sich die KMT-Behörden wie ein Besatzungsregime, schreibt der Historiker Jürgen Osterhammel: Steuern wurden drastisch erhöht, Arbeitsdienste eingefordert, der Handel mit Alkohol, Tabak und Streichhölzern wurde verstaatlicht, ausländische Marken wurden verboten. Die galoppierende Inflation zehrte an den ohnehin dürftigen Einkommen. Während die Einheimischen auf Taiwan Not litten, stellten die Neuankömmlinge vom Festland die Arroganz des Siegers zur Schau und behandelten die Insel als Pfründe, indem sie sie aussaugten und alle lukrativen Posten unter sich verteilten.
Um über die Runden zu kommen, engagierten sich viele Taiwanesen auf dem boomenden Schwarzmarkt. Als am 27. Februar 1947 ein Mitarbeiter des Monopolamtes eine Frau niederschlug, die in Taipeh westliche Zigaretten verkaufte und dies mit den exorbitanten Gewinnen der Großhändler entschuldigte, kam es zum Eklat. Wütende Passanten sprangen der Frau bei und trieben die Ordnungskräfte in die Flucht. Dabei zog ein Polizist seine Pistole und feuerte in die Menge. Ein Mann starb.
Daraufhin stürmte die Menge das Monopolamt, dessen Angestellte sich noch in Sicherheit bringen konnten, bevor es angezündet wurde. Als reguläre Truppen das Feuer eröffneten, stürmten die Demonstranten den nahegelegenen Radiosender und machten das Geschehen bekannt. Am 28. Februar brach ein Aufstand aus, der weite Teile der Insel erfasste. Ein Komitee aus einheimischen Honoratioren und Intellektuellen übernahmen die Verwaltung in den Rebellengebieten und forderte freie Wahlen, eine Polizei-Miliz aus Oberschülern sorgte für Ordnung.
Gouverneur Chen Yi täuschte Verhandlungsbereitschaft vor, bis genügend Soldaten zusammengezogen waren. Am 8. März begann der Gegenschlag, der mit äußerster Brutalität geführt wurde. „Die Soldaten schossen sich den Weg frei“, schrieb ein neuseeländischer Augenzeuge über diese Razzien. „Sie kamen, um die Mädchen mitzunehmen, damit sie die Nacht mit ihnen verbrachten.“ Die Regierung verhängte das Kriegsrecht. Zwischen 18.000 und 28.000 Personen, darunter zahlreiche Angehörige der taiwanesischen Oberschicht, fielen dem Terror zum Opfer. Ende Mai wurde der Aufstand von offizieller Seite für beendet erklärt.
Ähnlich zerrüttet war das Verhältnis zwischen KMT-Funktionären und Bevölkerung auf dem Festland. Chiangs Leute, die endlich ihre Basis im Südwesten, wo sie vor den Japanern Zuflucht gefunden hatten, verlassen konnten, benahmen sich „wie zu den schlimmsten Warlord-Zeiten“, schreibt Osterhammel. „Das Übermaß an Entbehrungen, das den Bauern auferlegt wurde, verstärkte die Wirkungen von Hungersnöten. Riesige Armeen versorgten sich auf Kosten der Dörfler, ohne sich, wie die KP-Truppen etwa in Yan‘an (im Norden), selbst an der Produktion zu beteiligen.“
Weil Maos Leute nach dem Prinzip „Fairness der Forderungen und Gegenseitigkeit der Leistungen“ handelten, präsentierten sie sich als überzeugendes Gegenbild zum KMT-Regime. Selbst Chiang Kai-shek erkannte: „Um die Wahrheit zu sagen, hat es in China oder im Ausland niemals eine so verrottete und degenerierte revolutionäre Partei gegeben wie die unsrige heute; und es gab keine, der es in ähnlicher Weise an Lebendigkeit und Disziplin und noch mehr an Maßstäben für Gut und Böse fehlte. Diese Art von Partei hätte schon lange zerstört und beseitigt werden sollen.“
Ihrem Führer fehlte die Kraft dazu. Stattdessen setzte er auf eine militärische Lösung im Bürgerkrieg. Aber Chiangs Diagnose traf auch auf seine Armeen zu. Obwohl deutlich in der Überzahl und besser bewaffnet, ließ ihre Moral mehr als zu wünschen übrig. Ganze Einheiten gingen zu den Kommunisten über, die von Millionen Bauern unterstützt wurden. Im Winter 1948/49 wurden die Nationalchinesen von den Kommunisten entscheidend geschlagen.
1,2 Millionen KMT-Mitglieder flohen nach Taiwan, wo Chiang die Republik China etablierte. Erst nach seinem Tod 1975 begann die langsame Liberalisierung des autoritären Regimes. 1987 wurde der seit der Staatsgründung geltende Ausnahmezustand beendet, 1992 das Parlament erstmals frei gewählt.
Seit 1997 ist der 28. Februar ein gesetzlicher Feiertag und ein herausragendes Datum in der Gedenkkultur Taiwans, erinnert es doch daran, wie sehr sich Festlandchinesen und die Bewohner Taiwans bereits vor 80 Jahren auseinandergelebt hatten.
Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte der Krieg im Pazifik zu seinem Arbeitsgebiet.
Source: welt.de