Konflikt mit Afghanistan: Pakistan sieht sich im Krieg

Seit Monaten schwelt zwischen beiden Ländern ein Konflikt, in dem es im Kern um die pakistanische Extremistengruppe Tehrik-e Taliban Pakistan (TTP) geht. Die Regierung in Islamabad wirft der Taliban-Regierung in Afghanistan vor, den Dschihadisten Unterschlupf zu gewähren. Kabul bestreitet das.
Beide Seiten machen höchst unterschiedliche Angaben über die Totenzahlen der aktuellen Eskalation. Pakistan behauptet, 133 Taliban-Kämpfer getötet und weitere 200 verwundet zu haben, aber selbst kaum Verluste erlitten zu haben. Lediglich zwei Sicherheitskräfte seien getötet worden. Die Taliban dagegen behaupten, 55 pakistanische Soldaten getötet zu haben. Das Verteidigungsministerium in Kabul gab zudem an, dass man einige Soldaten gefangen genommen sowie 19 Grenzposten und zwei lokale Stützpunkte erobert habe. Acht afghanische Soldaten seien getötet worden.
Pakistan hatte die Taliban unterstützt
Das pakistanische Militär teilte mit, es habe Luftangriffe auf afghanische Militärstützpunkte und Munitionsdepots geflogen. Das wäre eine erhebliche Eskalation des Konflikts, in dem Pakistan bislang vornehmlich mutmaßliche Stellungen der TTP ins Visier genommen hatte. So hatte das Land im vergangenen Oktober vergeblich versucht, den TTP-Anführer Noor Wali Mehsud in Kabul zu töten.
Unmittelbarer Auslöser der Eskalation waren afghanische Angriffe auf Grenzposten in der pakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkwa. Die Taliban reagierten damit auf jüngste pakistanische Angriffe auf afghanische Grenzprovinzen, bei denen nach Angaben der Vereinten Nationen mindestens 13 Zivilisten getötet wurden, darunter Frauen und Kinder. Pakistan wollte damit Terrorangriffe der TTP im eigenen Land vergelten, die nach seinen Angaben von afghanischem Gebiet ausgegangen seien.
Als die Taliban 2021 die Macht in Afghanistan übernahmen, setzte Pakistan zunächst auf eine Verbesserung der Beziehungen. Schließlich hatte der pakistanische Geheimdienst die Islamisten in ihrem Kampf gegen die ausländischen Truppen in Afghanistan und die mit dem Westen verbündete Regierung unterstützt.
Die TTP hat dem Taliban-Führer Loyalität geschworen
Doch das Verhältnis verschlechterte sich rasch, nachdem die Dschihadistengruppe TTP in Khyber Pakhtunkhwa sich gewaltsam immer mehr Einfluss sicherte. Die Zahl der Terroropfer in Pakistan steig 2025 auf den höchsten Stand in mehr als zehn Jahren. Etwa 660 Sicherheitskräfte und 580 Zivilisten wurden getötet. Ein erheblicher Teil davon ging auf das Konto der TTP. Nach Darstellung Pakistans sind sie auch deshalb militärisch erstarkt, weil sie nach dem Abzug der ausländischen Truppen aus Afghanistan moderne westliche Waffen der besiegten afghanischen Armee erbeutet hätten.
Zuletzt hatten die Spannungen mit Kabul wieder zugenommen, nachdem in diesem Monat bei mehreren Selbstanschlägen zahlreiche Soldaten getötet wurden, darunter an ranghoher Militärangehöriger. Um die Taliban dazu zu zwingen, gegen TTP-Kämpfer im eigenen Land vorzugehen, hat Pakistan in den vergangenen Jahren auch wirtschaftliche Sanktionen verhängt, die Grenze für den Handel geschlossen und Hunderttausende afghanische Flüchtlinge in ihr Heimatland abgeschoben.
Vor der Machtergreifung der Taliban in Afghanistan haben die pakistanischen Extremisten teilweise mit diesen zusammen gekämpft. Sie haben sich gegenseitig Rückzugsorte gewährt und sind ideologisch und als Paschtunen ethnisch eng miteinander verbunden. Die TTP hat dem Taliban-Führer Loyalität geschworen und betrachtet dessen Machtübernahme in Afghanistan als Inspiration. Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass die TTP in Grenzgebieten auf afghanischer Seite präsent ist.
Pakistan fürchtet einen Zweifrontenkrieg
Die Taliban-Regierung argumentiert, dass keines der beiden Länder in der Lage sei, die bergige Grenzregion zu kontrollieren. Sie wirft Pakistan zudem vor, Afghanistan zum Sündenbock für innerstaatliche Konflikte zu machen.
In der mehrheitlich paschtunischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa gibt es großen Unmut über die Zentralregierung und die Aufstandsbekämpfung des Militärs. Immer wieder werden Zivilisten vertrieben oder geraten selbst ins Visier des Sicherheitsapparats. Verschärft wird der Unmut durch die Inhaftierung des früheren Ministerpräsidenten Imran Khan, der in der Provinz über erhebliche Sympathien verfügt und dessen Partei PTI die Provinz regiert.
Befeuert wird der Konflikt zwischen Pakistan und Afghanistan außerdem durch die Annäherung der Taliban-Regierung mit Pakistans Erzfeind Indien. Im Oktober 2025 bombardierte die pakistanische Luftwaffe Kabul just in dem Moment, in dem erstmals ein Taliban-Minister Neu-Delhi besuchte. Das pakistanische Militär sieht in dieser Verbindung eine Bedrohung für das eigene Land, weil es einen Zweifrontenkrieg und eine Infiltration durch die poröse Grenze zu Afghanistan fürchtet. Verteidigungsminister Asif warf den Taliban am Freitag vor, Afghanistan zu einer „indischen Kolonie“ zu machen.
Im Herbst 2025 hatten die Türkei und Qatar als Vermittler einen Waffenstillstand zwischen den Konfliktparteien durchgesetzt. Mehrere Verhandlungsrunden brachten jedoch keine tragfähige Lösung des Konflikts. Die Taliban-Regierung könnte von der aktuellen Eskalation mit dem militärisch überlegenen Gegner insofern profitieren, als dass sie den Nationalismus schüren könnte. Das Nachbarland Pakistan ist in der afghanischen Bevölkerung seit Jahrzehnten verhasst.
Source: faz.net