Nawalnyjs Arzt: „Epibatidin wirkt homolog wie Nowitschok“
Als Deutschland und vier weitere westliche Staaten neulich mitteilten, der russische Oppositionelle Alexej Nawalnyj sei im Straflager mit Epibatidin vergiftet worden, war Alexandr Polupan überrascht. Über das Toxin des in Ecuador beheimateten Dreistreifen-Baumsteigers aus der Familie der Pfeilgiftfrösche wusste der Arzt noch nichts.
In der medizinischen Fachliteratur seien keine klinischen Fälle beschrieben, in denen das Gift eingesetzt worden wäre, erläutert der 40 Jahre alte Intensivmediziner in einem Café der lettischen Hauptstadt Riga. Sofort las Polupan alles, was er zu Epibatidin finden konnte. Er musste nicht lange suchen, Moskauer Chemiker hatten es im vergangenen Jahrzehnt selbst in Fachzeitschriften veröffentlicht. „Diese Chemiker hatten offensichtlich die Aufgabe, die Substanz zu studieren, um zu verstehen, wie die Geheimdienste sie benutzen können, um ihre Feinde zu beseitigen“, sagt Polupan.
Für ihn war es ein Wiedersehen. Denn dieselben Forscher werden auch mit der Entwicklung von Nowitschok verbunden. Dem Kampfstoff, mit dem Nawalnyj, Präsident Wladimir Putins wichtigster Gegner, im Jahr 2020 schon einmal fast getötet worden war. Polupan ist einer von denen, die damals dafür sorgten, dass Nawalnyj überlebte. Nun las der Arzt die Schilderungen der Chemiker, wie Epibaditin synthetisiert, also im Labor hergestellt, und wie das Gift in Blutplasma nachgewiesen werden kann. Als Schmerzmittel kommt die Substanz demnach nicht infrage, sie ist zu giftig.
Epibatidin wirkt ähnlich wie Nowitschok
Nawalnyjs Mörder, folgert Polupan aus den Publikationen, hätten nun wohl deshalb Epibatidin gewählt, weil es für sie einfacher und sicherer zu handhaben sowie eine „zuverlässigere Tötungsmethode“ sei als Nowitschok. Dieser Kampfstoff sei als für einen Krieg konzipierte Massenvernichtungswaffe „schwierig für einen Einzelmord zu nutzen“. Dosiere man zu hoch, riskiere man viele „Kollateralvergiftungen“. Dosiere man zu niedrig, werde die Zielperson womöglich gerettet, wie Nawalnyj 2020.
Epibatidin, so Polupan, wirke ähnlich wie Nowitschok, letztlich ersticke das Opfer aufgrund einer Lähmung seiner Atemmuskulatur, und eigne sich besser zur „individuellen Beseitigung“ eines Gegners. Anders als bei Nowitschok, brauche es dafür „keine Chemiker“. Epibatidin müsse aber, um tödlich zu sein, nicht bloß über die Haut verabreicht werden, wie es bei Nowitschok ausreiche, sondern etwa in Essen oder ein Getränk gemischt werden.

Das war ein Leichtes im Falle des Gefangenen Nawalnyj, der im Straflager von Charp nördlich des Polarkreises ganz in der Gewalt des Systems war. Das exilrussische Portal The Insider fand im September 2024 heraus, dass im Entwurf eines Justizbeschlusses, der die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens zum Tod Nawalnyjs ablehnt, davon die Rede war, dieser habe während des Hofgangs – also bald nach dem Mittagessen – eine „jähe Verschlechterung seines Gesundheitszustands gespürt“, dann, zurück in der Zelle, über starke Bauchschmerzen geklagt, sich erbrochen und sei von Krämpfen geschüttelt worden. Die Beschreibung dieser Symptome fehlte dann in der Endversion des Beschlusses.
Seinerzeit sagte Polupan dem Portal, anders als mit einer Vergiftung könne man die Symptome kaum erklären, und vermutete, dieses Mal sei das Gift nicht über die Haut, sondern über das Körperinnere verabreicht worden. Heute hebt der Arzt hervor, dass Epibatidin viel leichter festzustellen sei als Nowitschok. „Die Täter müssen davon überzeugt gewesen sein, dass es niemals gelingen werde, Proben zu einem unabhängigen Labor zu schaffen.“
Zufällig wurde er zum Nervengift-Experten
Nawalnyjs Mitstreiter schweigen dazu, wie sie die im Westen untersuchten Proben aus Russland herausschmuggeln konnten, obwohl der Leichnam abgeschirmt und der Familie tagelang nicht herausgegeben worden war: Sie müssen ihre Helfer schützen. Auch die westlichen Staaten teilen anders als 2020 nicht mit, welche Labore beteiligt und welche Art von Proben untersucht wurden.
Blutplasma oder Gewebe eigneten sich dafür, sagt Polupan. Die Entnahme könne noch längere Zeit nach dem Tod erfolgt sein, weil der Organismus die Substanz dann nicht mehr abbaue. „Wenn das Biomaterial dann eingefroren wurde, was ich vermute, kann man noch nach hundert Jahren den Nachweis über die Vergiftung führen.“
Zum Experten für Nervengiftkampfstoffe wurde Polupan eher zufällig. Ab 2009 arbeitete er auf der Intensivstation des Burdenko-Instituts für Neurochirurgie in Moskau, Russlands bester Nervenklinik. Ein Lebenstraum, schon im Studium gefiel es ihm auf der Intensivstation am besten. Die Arbeit dort sei vielseitig, ständig erschienen neue Behandlungsmethoden, und man sehe das Ergebnis seiner Arbeit sofort, sagt Polupan: „Ein Mensch, der schon im Sterben lag, bleibt am Leben.“
Vom FSB in Omsk empfangen
Nachdem Nawalnyj im August 2020 an Bord eines Flugzeugs, das ihn aus Sibirien zurück nach Moskau bringen sollte, zusammenbrach, die Piloten in Omsk notlandeten und der Politiker in eine Notfallklinik der Stadt gebracht wurde, erhielt Polupan einen Anruf von Nawalnyjs Mitstreitern, ein Freund hatte seine Nummer weitergegeben. Damals kannte Polupan Nawalnyjs Korruptionsenthüllungen und war bei Demonstrationen gewesen, hatte den Politiker aber nur aus der Ferne gesehen.
Als Polupan nun in Omsk landete, empfingen ihn dort schon am Flughafen Männer in Zivil, die offensichtlich dem Geheimdienst FSB angehörten. Auch im Krankenhaus waren die Agenten überall. Nun sah Polupan Nawalnyj aus der Nähe, im Koma. Gegen die Muskelzuckungen gaben Polupan und sein Team dem Patienten Entspannungsmittel.
Aber nicht diese hätten Nawalnyj damals gerettet, sondern die Entscheidung der Erstretter, den Patienten rasch künstlich zu beatmen, sagt Polupan. Und hebt hervor: Wäre Nawalnyj im Februar 2024 auch nach der Vergiftung mit Epibatidin schnell intubiert worden, hätte ihn das womöglich gerettet.
Der FSB wollte den Patiententransport verhindern
In Omsk bestand Polupans Aufgabe darin, zu beurteilen, ob der Patient transportfähig sei und von dem angereisten Team der Berliner Charité ausgeflogen werden könne, was Nawalnyjs Frau und Mitstreiter anstrebten. Polupan hatte keine Einwände, der Patient war stabil. Aber er erhielt einen Anruf seiner Moskauer Klinikleitung: Es sei entschieden worden, dass Nawalnyj nicht transportfähig sei, das müssten er und alle anderen Ärzte auch den Verwandten kommunizieren, andernfalls werde das schwere Folgen haben. Die FSB-Männer machten klar, dass sie das Zimmer, in dem Polupan mit Nawalnyjs Frau sprechen sollte, abhörten. „Erinnern Sie sich daran, dass wir immer neben Ihnen sind“, hätten sie gesagt, berichtet Polupan.

Daher verließen er und Julija Nawalnaja das Klinikgebäude zur Raucherpause, und er eröffnete ihr, was in Moskau entschieden worden war. „Eine Schande“ sei das gewesen, sagt Polupan: „Irgendwelche FSB-Leute bestimmen das medizinische Vorgehen, und der Gesundheitsminister entscheidet persönlich, ob ein Patient verlegt werden darf oder nicht.“
Nach viel Hin und Her stimmten Moskaus Machthaber schließlich doch der Verlegung nach Deutschland zu. Auf öffentlichen und politischen Druck hin – und vermutlich in dem Irrglauben, dass es nicht gelingen werde, Nowitschok bei Nawalnyj nachzuweisen. „Gott sei Dank gelang es den deutschen Kollegen damals, sein Leben zu retten“, sagt Polupan. „Aber leider ist Putin nachtragend. Es war klar, dass er seinen Versuch wiederholen wird.“
Polupan setzte sich für Nawalnyjs Freilassung ein
Schon in Omsk hatte Polupan den Verdacht, dass Nawalnyj mit einer Organophosphat-Verbindung wie Nowitschok vergiftet worden war. Sein Verdacht verstärkte sich, als er nach seiner Rückkehr nach Moskau mehr zur Thematik las – und auch eigene Aufzeichnungen wieder studierte. Denn im Vorjahr hatte Polupan den Schriftsteller Dmitrij Bykow behandelt. Der prominente Putin-Kritiker war auf einem Flug von Jekaterinburg nach Ufa mit den gleichen Symptomen wie später Nawalnyj zusammengebrochen: Schweiß, Übelkeit, Atemnot, dem Gefühl zu sterben.
Zudem gab es auch bei Bykow Probleme mit dem Gesundheitsministerium, das den Transport nach Moskau verbieten wollte. In Bykows Fall sowie in anderen Fällen mutmaßlicher Giftanschläge in Russland gibt es, anders als bei Nawalnyj, keine Laborbestätigungen dafür, dass Nowitschok eingesetzt wurde.

Nachdem Nawalnyj nach der Rückkehr aus Deutschland aus Moskau im Januar 2021 noch am Flughafen festgenommen und unter harten Bedingungen inhaftiert worden war, setzte sich Polupan im Frühjahr jenes Jahres und wieder zwei Jahre darauf zusammen mit vielen weiteren russischen Ärzten in offenen Briefen dafür ein, den unter qualvollen Bedingungen gehaltenen Gefangenen medizinisch angemessen zu behandeln.
Bei Unterzeichnern fanden Durchsuchungen statt
Neben der russischen Staatsangehörigkeit besitzt Polupan die israelische; mit dem entsprechenden Pass reiste er nach Lettland ein, wo er schon 2022 nach dem russischen Überfall auf die Ukraine einige Zeit verbracht und begonnen hatte, die Sprache zu lernen, als Voraussetzung dafür, weiter in seinem Beruf arbeiten zu können. Denn Land und Leute gefielen ihm, er begann, die Übersiedlung aus Moskau vorzubereiten. Nun musste er improvisieren.
Aber auch im Exil schwieg Polupan nicht, setzte sich insbesondere für die Ärzte unter Russlands politischen Gefangenen ein und unterzeichnete ein halbes Jahr nach Nawalnyjs Tod einen weiteren offenen Brief von Medizinern an Putin, der forderte, die Umstände unabhängig zu ermitteln und die Schuldigen zu bestrafen. Vergebens. Bei mehreren Unterzeichnern, die noch in Russland waren, fanden Razzien statt. „Dabei wurden sie nach mir befragt“, sagt Polupan, „im Rahmen einer Vorermittlung um die Gründung einer Extremistengruppe.“
Heute sieht sich Polupan nicht unmittelbar gefährdet und „nicht einmal in den Top 1000“ von Leuten, für deren Beseitigung Putins Regime seine Ressourcen aufwenden würde. Aber er reist nicht in Länder wie Kasachstan, in denen er riskieren würde, an Russland ausgeliefert zu werden. Er ist ein Gegner des Regimes, durch das sich auch Lettland bedroht sieht. Dass Polupan trotzdem nicht dort bleiben dürfte, liegt an der Regierung in Riga, die seine Dienste als Intensivmediziner nicht will.

Dabei hat der Arzt zwei Jahre lang die Landessprache gelernt, 2024 den Test auf dem erforderlichen Niveau und im Jahr darauf die medizinische Prüfung bestanden, um auch in Lettland als Intensivmediziner zu arbeiten. Das war Polupans Ziel, denn in Dubai, wo er von Ende 2024 bis Ende 2025 etwas mehr als ein Jahr angestellt war, gefiel es ihm nicht. Rasch bot ihm ein Rigaer Krankenhaus an, im Januar 2026 auf der Intensivstation anzufangen. Die Klinik musste aber aufgrund eines neuen Gesetzes, das Russen und Belarussen die Arbeit in „Objekten der essenziellen Infrastruktur“ verbietet, zu denen auch öffentliche Krankenhäuser gezählt werden, beim lettischen Inlandsgeheimdienst eine Ausnahmeerlaubnis für Polupan beantragen. Und der Dienst lehnte ab: Eine solche Erlaubnis, hat er mitgeteilt, werde nur gewährt, wenn jemand über „einzigartiges Wissen“ verfüge, ein bloßer Fachkräftemangel reiche nicht aus.
Polupan sieht sich zwischen allen Stühlen
Dabei herrscht in Lettland, wo Mediziner im Vergleich zu Moskau und erst recht zu Dubai schlecht bezahlt werden, großer Ärztemangel. Polupan schickte dem Geheimdienst noch einen persönlichen Antrag mit seiner Biographie, fügte auch an, dass er in Lettland auch ukrainischen Flüchtlingen geholfen hatte. Auch das half nicht. In Privatkliniken könnte Polupan womöglich als Anästhesist arbeiten, aber dort gibt es keine Intensivstationen, und auf die russische Staatsangehörigkeit zu verzichten oder den lettischen Staat wegen Diskriminierung zu verklagen, wäre ein langwieriges Verfahren, in das Polupan nicht Zeit, Geld und Kraft investieren will.
Er sieht sich zwischen allen Stühlen: In Russland ist er als Nawalnyj-Unterstützer und Kriegsgegner gefährdet, in Lettland benachteiligt aufgrund einer „populistischen Maßnahme, alle Russen zu bestrafen“, wie der Arzt sagt. Gerade versucht noch eine andere Klinik im westlettischen Liepāja, Polupan anzustellen. Der rechnet aber nicht mehr damit, dass der Geheimdienst den Antrag bewilligt. Deshalb will Polupan jetzt schnell Deutsch lernen, um in der Schweiz als Intensivmediziner weiterzuarbeiten.
Source: faz.net