„In Deutschland wird Pflegebedürftigkeit oft nur verwaltet“, warnt Aufsichtsorganisation
Statt die Gesundheit pflegebedürftiger Alter zu verbessern, werde zu oft einfach die Verschlechterung des Zustands dokumentiert – bis am Ende nur noch das Pflegeheim infrage komme, kritisiert die Vize-Chefin des Medizinischen Dienstes Bund. Eine Reform sei vonnöten.
Der Begutachtungsdienst von Kranken- und Pflegekassen hat vor erheblichen Missständen in der ambulanten Pflege gewarnt. „Die 60 Prozent der Pflegebedürftigen, die allein sind oder von Angehörigen gepflegt werden, sind im Dunkeln. Die Pflegebedürftigen und deren Familien werden allein gelassen“, sagte die Vize-Chefin des Medizinischen Dienstes Bund, Carola Engler, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).
Niemand kümmere sich standardmäßig darum, wie die Situation durch Reha-Maßnahmen oder durch Physio- oder Ergotherapie stabilisiert oder verbessert werden könne. „Unsere Gutachter sehen zwar die Möglichkeiten und schreiben Empfehlungen in ihre Gutachten. Aber das verpufft dann oft, weil sich niemand zuständig fühlt“, beklagte sie.
Der Medizinische Dienst stelle dann eine immer weitere Verschlechterung des Zustands fest, bis am Ende nur noch das Pflegeheim infrage komme, berichtete Engler. „In Deutschland wird die Pflegebedürftigkeit oft nur verwaltet“, kritisierte sie. Für die geplante Pflegereform forderte sie, in einem ersten Schritt dem Medizinischen Dienst einen Zugriff auf die elektronische Patientenakte zu ermöglichen.
Die Gutachter hätten dann alle relevanten Gesundheitsdaten, um die Situation besser einschätzen zu können. „Gleichzeitig wird so aber auch der Hausarzt eingebunden, der durch das Pflegegutachten entscheidende Informationen erhält und dann empfohlene Therapien oder Hilfsmittel verordnen könnte“, argumentierte sie.
Schwellenwerte für Pflegebedürftigkeit nicht anheben
Engler warnte die schwarz-rote Koalition zudem davor, die Schwellwerte für die Einstufung in die fünf Pflegegrade anzuheben. Richtig sei, dass die damalige große Koalition bei der Pflegereform 2015 die Schwellwerte großzügiger festgelegt habe als von einer Expertenkommission empfohlen. Dieser Eingriff habe mit dafür gesorgt, dass sich seitdem die Zahl der Pflegebedürftigen auf 5,8 Millionen mehr als verdoppelt habe.
„Es wäre allerdings fahrlässig, jetzt aus Kostengründen einfach die damals von den Wissenschaftlern vorgeschlagenen Werte festzulegen“, sagte sie. Es gebe heute eine völlig andere Lage. „Die Alterung schreitet voran, die Bedarfe sind anders, die Familienverbände werden schwächer“, sagte sie. Wenn man die Kriterien ändern wolle, müsse das gesamte Begutachtungsverfahren auf wissenschaftlicher Basis überprüft und erst dann gegebenenfalls angepasst werden. „Nur die Schwellwerte zu ändern, greift zu kurz“, mahnte sie.
jac
Source: welt.de