Die Clintons und Epstein: Auch diesmal steht Hillary hinter Bill

Hillary Clinton wird an diesem Donnerstag zu ihren Beziehungen zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein befragt – und wie so oft in ihrer politischen Karriere wird es einmal mehr darum gehen, ihren Mann zu verteidigen. Es ist vor allem Bill Clinton, dem eine zu große Nähe zu Epstein vorgeworfen wird: Er sei mit ihm gereist, habe sich in seinem Umfeld bewegt und Epstein damit Zugang zu politischen und philanthropischen Netzwerken verschafft.

Hillary Clinton selbst wird keine besondere Nähe zu Epstein vorgeworfen. Wohl aber, dass sie ihren Ehemann wieder einmal deckt, dass sie womöglich Wissen über Epsteins Machenschaften für sich behalten habe. Das ist für die gescheiterte Präsidentschaftskandidatin von 2016 nichts Neues: Dass sie zu Bill hält, also zu einem Mann, dem nicht nur Affären, sondern auch sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden, irritiert viele Amerikaner – zumal die Verteidigungsstrategie der Clintons über die Jahrzehnte meist darin bestand, die betroffenen Frauen zu diskreditieren.

Junge demokratische Frauen und alte republikanische Männer, allen voran Donald Trump, werfen Hillary Clinton Doppelmoral vor: Sie positioniere sich öffentlich als Feministin – verrate aber andere Frauen und die eigenen Ideale, sobald es ihrer Karriere und der ihres Ehemanns diene. Es ist ein Vorwurf, der Hillary Clinton seit Jahrzehnten begleitet.

1974: Umzug nach Arkansas

In den Siebzigern verließ Hillary Rodham Washington, um Bill Clinton nach Arkansas zu folgen. Freunde und Wegbegleiter waren entsetzt. Denn in Washington galt sie als politisches Talent am Beginn einer vielversprechenden Karriere; der Südstaat Arkansas war wirtschaftlich rückständig und politisch erzkonservativ – kein gutes Pflaster für eine linksliberale Ostküsten-Juristin. Später erklärte sie, damals ihrem Herzen statt ihrem Verstand gefolgt zu sein.

Für Bill Clinton zahlte sich ihre Entscheidung aus: Er wurde 1978 mit gerade einmal 32 Jahren Gouverneur. Doch auch Hillary Rodham war nicht bereit, ihre Ambitionen aufzugeben. Sie wurde Partnerin in einer Anwaltskanzlei und damit die Hauptverdienerin der Familie und behielt auch nach der Hochzeit ihren Namen. Den Wählern in Arkansas schien das nicht zu gefallen. Nach nur zwei Jahren wählten sie Bill Clinton ab. Und Hillary handelte, mutmaßlich einmal mehr gegen ihre Überzeugungen: Sie veränderte ihre Garderobe, tauschte die Brille gegen Kontaktlinsen, trug die Haare heller – und übernahm den Namen ihres Mannes. „Ich befand es für wichtiger“, schrieb sie Jahrzehnte später, „dass Bill wieder Gouverneur werden konnte, als auf meinem Mädchennamen zu beharren.“

Ihre Strategie ging auf, Bill Clinton wurde 1982 wiedergewählt – und bis heute streiten die Beobachter darüber, ob sie sich damals als politisch klug und pragmatisch erwiesen oder sich selbst und den Feminismus verraten hat.

Bill und Hillary Clinton tanzen am Abend seiner Amtseinführung im Januar 1993 miteinander.
Bill und Hillary Clinton tanzen am Abend seiner Amtseinführung im Januar 1993 miteinander.dpa

1992: Stand by Your Man

Schon bevor Bill Clinton Präsident wurde, kostete ihn eine Affäre beinahe die Karriere. Und es war Hillary Clinton, die ihn rettete. Einige Monate vor der Präsidentenwahl hatte Gennifer Flowers, eine ehemalige Nachrichtensprecherin und Sängerin, der Klatschpresse erzählt, dass sie mehr als zehn Jahre lang eine Affäre mit Bill Clinton gehabt habe. Jahre später konnten ähnliche Vorwürfe Donald Trump nicht mehr schaden, doch damals waren die Zeiten andere: Nur vier Jahre zuvor war der demokratische Präsidentschaftsbewerber Gary Hart wegen bekannt gewordener Untreue aus dem Rennen ausgeschieden. Die Affäre war also gefährlich für Bill Clinton.

Und was tat Hillary Clinton? Sie trat im Fernsehen auf, bei „60 Minutes“ im Sender CBS, und erklärte, warum sie zu Bill stehe – und warum die Amerikaner das auch tun sollten. Wie schon in Arkansas versuchte sie dabei, das Bild einer selbstbestimmten Frau aufrechtzuerhalten. Bei ihr sei es nicht wie in dem Countrysong „Stand by Your Man“, der an betrogene Frauen appelliert, zu ihren Männern zu halten, die es nun mal nicht besser wüssten. „Ich sitze hier, weil ich ihn liebe, ihn respektiere“, so Hillary Clinton im Fernsehen, „und das achte, was er durchgemacht hat und was wir gemeinsam durchgemacht haben.“

Gennifer Flowers im Januar 1992 auf einer Pressekonferenz neben ihrem Anwalt
Gennifer Flowers im Januar 1992 auf einer Pressekonferenz neben ihrem AnwaltAP

Später wurde bekannt, dass Bill Clintons Team einen Privatdetektiv angeheuert hatte, um Flowers’ „Charakter und Glaubwürdigkeit anzufechten“. Ob Hillary Clinton dabei treibende Kraft war oder bloß davon wusste und nichts dagegen unternahm, ist nicht bekannt. Doch in einem Interview sagte sie in dieser Zeit: Könnte sie Flowers als Anwältin ins Kreuzverhör nehmen, würde sie sie „ans Kreuz nageln“.

1994: Der Paula-Jones-Komplex

Kurz nachdem Bill Clinton Präsident geworden war, erschütterten weitere Vorwürfe gegen ihn die Öffentlichkeit und die Ehe der Clintons. Polizisten berichteten, sie hätten Bill Clinton Frauen zugeführt. Eine dieser Frauen war Paula Jones, eine 24 Jahre alte Regierungsangestellte und Mitarbeiterin Clintons in seiner Zeit als Gouverneur. 1994 reichte sie gegen Bill Clinton Klage wegen sexueller Belästigung ein: Er habe sie 1991 in einem Hotel zum Oralverkehr gedrängt.

Die Verteidigungsstrategie ähnelte der im Fall Flowers: Clintons Anwalt verbreitete Gerüchte über Nacktfotos von Jones und versuchte, Beweise für ihre angebliche Promiskuität zu finden. Auch hier ist unklar, inwieweit Hillary Clinton in diese Taktik eingebunden war. So oder so ging sie auf; Jones wurde in der Öffentlichkeit unter anderem als „Trailerpark-Abschaum“ beschimpft. 1998 wurde die Klage abgewiesen. Die Begründung: Auch wenn Jones durch Bill Clinton „vielleicht nicht ganz anständig behandelt“ worden sei, so sei ihr auch kein Schaden entstanden.

Schwerwiegende Folgen für die Clintons hatte der Fall dennoch. Denn es gelang Jones’ Anwälten, Clinton im Januar 1998 zu einer Vernehmung vorzuladen. Dabei befragten sie ihn – unter Eid – auch zu seinem Verhältnis zu Monica Lewinsky.

1998: Die Lewinsky-Affäre

Am 26. Januar 1998 erklärte Bill Clinton im Weißen Haus, er habe niemals eine sexuelle Beziehung mit „dieser Frau“, Monica Lewinsky, gehabt. Unter Applaus verließ er kurz nach dieser Lüge den Raum – gefolgt von Hillary Clinton. Am Tag danach verteidigte sie ihn öffentlich, wieder einmal in einem Fernsehinterview auf CBS. Die Vorwürfe seien Teil einer fortlaufenden politischen Kampagne gegen ihren Ehemann, gar einer „großen rechten Verschwörung“.

Später wurde klar: Clinton hatte sehr wohl eine Affäre mit Lewinsky gehabt. Sie dauerte anderthalb Jahre lang, er war damals 49 Jahre alt und als Präsident der USA der wohl mächtigste Mann der Welt, sie war 22 und eine unbezahlte Praktikantin. Statt Verständnis oder Mitgefühl für die junge, unglücklich verliebte Frau zu zeigen, bezeichnete Hillary Clinton Lewinsky Berichten zufolge als „narzisstische Spinnerin“. Die Affären ihres Ehemanns soll sie als „Bimbo-Ausbrüche“ charakterisiert haben. Der englische Slangausdruck „Bimbo“ bezeichnet einfältige, aber attraktive Frauen, im Deutschen entspricht ihm am ehesten die Bezeichnung „dummes Blondchen“.

Dieses undatierte Standbild aus einem Video von Sky News zeigt ein Zusammentreffen zwischen dem damaligen Präsidenten Bill Clinton und Monica Lewinsky.
Dieses undatierte Standbild aus einem Video von Sky News zeigt ein Zusammentreffen zwischen dem damaligen Präsidenten Bill Clinton und Monica Lewinsky.dpa

Interessanterweise schadete Hillary Clinton ihr Umgang mit der Lewinsky-Affäre nicht, im Gegenteil: Während die Amerikaner sich schwer mit ihr getan hatten, als sie für eine Gesundheitsreform kämpfte, stiegen ihre Beliebtheitswerte als betrogene Ehefrau an. Und das wusste sie zu nutzen. Während der Senat 1999 entschied, nicht über Bill Clintons Amtsenthebung abzustimmen, beschloss sie, als Senatorin des Staates New York zu kandidieren – und gewann. Ihre Gegner warfen ihr Opportunismus vor: Sie trete nur an, um später einmal Präsidentin zu werden.

2015/2016: Vorwürfe im Präsidentenwahlkampf

Bei ihrem ersten Versuch, selbst Präsidentin der Vereinigten Staaten zu werden, hatte Hillary Clinton 2007 im Vorwahlkampf gegen Barack Obama und andere Kandidaten noch hervorgehoben, das höchste Amt nicht „als Frau“ erringen zu wollen. Beim zweiten Versuch acht Jahre später dagegen machte sie sich stolz die Deutung einiger Mitbewerber zu eigen, sie „spiele die Frauenkarte“.

Bei einer Wahlkampfveranstaltung in New Hampshire Ende 2015 fragte eine Frau Clinton, was sie den Frauen sagen würde, die ihrem Mann sexuelle Übergriffe vorgeworfen hatten. Statt von ihrem früheren, viel kritisierten Verhalten abzurücken und sich mit den Frauen anstelle ihres Mannes zu solidarisieren, antwortete Clinton, sie würde sagen, dass man zunächst jedem glauben sollte, „bis man aufgrund von Beweisen daran zweifelt“.

Donald Trump im Oktober 2016 bei einer Veranstaltung mit Juanita Broaddrick
Donald Trump im Oktober 2016 bei einer Veranstaltung mit Juanita BroaddrickREUTERS

Auch Donald Trump, damals republikanischer Präsidentschaftskandidat, wusste Bill Clintons Fehlverhalten und Hillary Clintons Umgang damit für sich zu nutzen. Im Wahlkampf veranstaltete er eine Art Pressekonferenz mit Frauen, die Vorwürfe gegen Bill Clinton erhoben. Unter ihnen war auch Juanita Broaddrick, eine 73 Jahre alte ehemalige Krankenschwester, die Bill Clinton vorwarf, sie 40 Jahre zuvor vergewaltigt zu haben – und Hillary Clinton, ihn gedeckt zu haben. Wochen nach der angeblichen Vergewaltigung habe sie Hillary Clinton bei einer Spendenaktion für Bill Clinton getroffen. Die habe ihr angeblich für „alles, was Sie für Bills Wahlkampf tun“, gedankt. Als Broaddrick gehen wollte, habe Hillary sie am Arm gepackt und gesagt: „Verstehen Sie, was Sie alles tun?“ Aus Broaddricks Sicht eine Drohung.

Hillary Clintons Sprecher verteidigte sie mit den Worten, mit der Erfindung neuer Details werde versucht, sie in jahrzehntealte Anschuldigungen hineinzuziehen. Dabei sei Hillary Clinton „ihr ganzes Leben lang für Frauen eingetreten“.

2018: Umgang mit #MeToo

Im Zuge der Enthüllungen zu Hollywood-Mogul Harvey Weinstein im Herbst 2017 und der MeToo-Bewegung, die daraus entstand, blickte die amerikanische Öffentlichkeit ein weiteres Mal auf Hillary Clintons Umgang mit dem Fehlverhalten ihres Mannes.

Hillary Clinton versuchte sich in einem Spagat: Einerseits erklärte sie immer wieder, Frauen müssten gehört, ihnen müsse geglaubt werden. Ihre öffentliche Sichtweise auf Bill änderte sie allerdings nicht.  So sagte sie noch im Jahr 2018, dessen Affäre mit der unbezahlten, 25 Jahre jüngeren Praktikantin Lewinsky sei kein Machtmissbrauch gewesen: Lewinsky sei schließlich längst erwachsen gewesen.

2026: Der Epstein-Skandal

Hillary Clinton hat mehrfach betont, sie könne sich nicht daran erinnern, Epstein jemals getroffen zu haben; seiner Komplizin Ghislaine Maxwell sei sie nur wenige Male begegnet. Bei ihrem Mann ist das anders, sein – viele Jahre zurückliegender – Umgang mit Epstein ist gut belegt. Dennoch spricht Hillary Clinton, wenn es um die Vorwürfe geht, in Wir-Form von sich und ihrem Mann. „Wir haben nichts zu verbergen. Wir haben wiederholt die vollständige Freigabe dieser Akten gefordert“, sagte sie etwa in Bezug auf die Ermittlungsunterlagen. Und: „Wir glauben, dass Transparenz das beste Mittel ist, um Missstände aufzudecken.“

Source: faz.net