Arbeitsmoral und Superreiche: Was ich beim Familiengespräch in Ostdeutschland gelernt habe

Kaffee, Kuchen und die ewige Klage über sinkende Arbeitsmoral. In einer Familie in Sachsen-Anhalt scheint alles gesagt – bis ein Vergleich mit Jeff Bezos’ Vermögen die Perspektive verschiebt. Was verrät uns das über Ostdeutschland?


Die Oma unseres Autoren versteht nicht, weshalb die Leute immer weniger arbeiten wollen. Schließlich, musste sie auch ihr ganzes Leben schuften

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Neulich bei Kaffee und Kuchen mit der Familie in Sachsen-Anhalt. Die Cousine serviert Apfelmustorte mit Sahnehaube. Dazu gibt es Kaffee, Cola-Bier und einen Austausch über ein neues Zeitungsprojekt in Ostdeutschland, das Charisma von Ulrich Siegmund und die neuesten Entwicklungen in Beruf und Familie.

Die Tante lenkt das Gespräch auf Arbeitsmoral. Ein Dauerbrenner in der Runde, ein Thema, bei dem sich alle, fast alle, am Tisch einig sind, ein dankbares Thema, um nicht über die eigene Erschöpfung zu sprechen. Sie könne nicht verstehen, warum die Menschen immer weniger arbeiten würden. Es gebe Leute, springt der Onkel bei, die würden die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall komplett mitnehmen. Die Oma verweist darauf, wie viel sie selbst ihr ganzes Leben gearbeitet habe.

Nachdem alle außer mir zustimmen, wird es still. Die Blicke richten sich auf mich, erwarten meinen Einspruch. Während einige mit der Kuchengabel noch ein zweites Stück Torte auf ihren Teller balancieren, überlege ich, was ich sagen soll. Ich erinnere mich, wie ich beim letzten Mal auf die Produktivität in Deutschland verwiesen hatte, die so hoch sei wie nie, ebenso wie die geleisteten Arbeitsstunden. Das Argument verfing nicht.

Noch schlimmer war es beim vorletzten Mal, als ich gefragt hatte, was denn eigentlich verwerflich daran sei, wenn Leute sich eine Auszeit aus einem Job nähmen, bei dem es vor allem darum geht, den Profit eines Unternehmens zu mehren. Kopfschütteln.

Alle sind sich plötzlich einig – bei der Begrenzung von Vermögen

Eher pflichtschuldig als motiviert setze ich an, als gerade alle auf den Fernseher schauen, der wie immer nebenbei läuft. Er zeigt gerade eine Werbung für Amazon. Da fällt mir eine Zahl ein, die ich neulich für ein Interview ausgerechnet hatte. Wusstet ihr, frage ich, wie lange eine Amazon-Lagerarbeiterin in Deutschland in Vollzeit arbeiten müsste, um auf das Vermögen von Jeff Bezos zu kommen? Jemand tippt auf einige Tausend Jahre. Es sind mehr als sechs Millionen Jahre, vorausgesetzt, sie muss kein Essen und keine Miete zahlen und kann jeden Euro sparen.

Das könne man doch nicht akzeptieren, sind sich alle am Tisch plötzlich einig. Es sollte eine Obergrenze für Vermögen geben, sagt der Onkel. Niemand brauche mehr als eine Milliarde, meint die Cousine. Die Oma erwidert, das sei bereits viel zu viel.

Den ganzen Nachmittag geht es nicht mehr um Arbeitsmoral. An der Wahlentscheidung wird es nichts ändern. Aber zumindest hat es dieses Mal geklappt, einen anderen Triggerpunkt zu setzen. Vielleicht schaffen wir es beim nächsten Kaffeekränzchen, darüber zu reden, woher der Reichtum von Jeff Bezos eigentlich kommt.