„Selbst welcher Schiedsrichter konnte es nicht verdeutlichen“ – Schlotterbeck rätselt oberhalb Rot
Die Pleite in der Champions League hinterlässt bei Borussia Dortmund tiefe Spuren. Verwunderlich war neben der Leistung auch die Rote Karte für Nico Schlotterbeck. Das Aus dürfte zudem Folgen haben – nicht zuletzt mit Blick auf Schlotterbeck.
Es bedurfte der Klarstellung. Zumindest aus Sicht von Nico Schlotterbeck. Rot in der Nachspielzeit. Nur warum? Der Abwehrchef von Borussia Dortmund, nach seinen muskulären Problemen noch im Reha-Modus, war im Duell bei Atalanta Bergamo nur Bankdrücker.
„Zu der Situation möchte ich kurz etwas klarstellen“, ließ Schlotterbeck nach dem schmachvollen 1:4 und dem Aus des BVB in der Champions League auf seiner Instagram-Seite wissen: „Nachdem gefühlt zehn Spieler von Atalanta gleichzeitig aufgesprungen sind und sich lautstark beschwert haben, bin ich ebenfalls aufgestanden und habe gesagt, sie sollen sich wieder hinsetzen.“ Das sei schon alles gewesen, „ohne Beleidigungen, ohne Respektlosigkeiten oder sonst irgendetwas. Warum ich dafür die Rote Karte gesehen habe, konnte mir der Schiedsrichter selbst nach dem Spiel nicht erklären. Das wollte ich einfach zur Klarstellung sagen“.
Der Patzer von BVB-Torwart Kobel löste eine Kettenreaktion aus
Natürlich hatte das ein Vorspiel. Es war die Folge der spielentscheidenden Szene in der Nachspielzeit. 1:3, aufgeheizte Stimmung, die Dortmunder durften nach dem 2:0-Sieg hoffen, dass sie die verkorkste Partie noch zu einem guten Ende führen könnten.
Als sich alle schon auf die Verlängerung eingestellt haben, hatte Borussias Torwart Gregor Kobel einen langen Ball abgelaufen, spielte ihn jedoch weit außerhalb des Strafraums ohne Not und völlig unbedrängt in die Füße von Bergamos Mittelfeldspieler Mario Pasalic. Der hob den Ball in den Strafraum, BVB-Verteidiger Ramy Bensebaini klärte ihn mit der Hacke, traf jedoch den heranfliegenden Nikola Krstovic an der Stirn. Der Montenegriner blutete heftig am Kopf.
Schiedsrichter José Maria Sanchez Martinez wurde vom Video-Assistenten an die Seitenlinie geschickt. Nach Ansicht der Bilder entschied der spanische Unparteiische auf Elfmeter und Gelb-Rot für Bensebaini. Zuvor aber hatte er schon Schlotterbeck und Atalantas bereits ausgewechselten Abwehrspieler Giorgio Scalvini auf der Bank Rot gezeigt. Der Ex-Herthaner Lazar Samardzic verwandelte den Strafstoß, das Aus von Dortmund war damit besiegelt.
Kobel suchte erst gar nicht nach Ausreden für seinen bösen Patzer. „Ich habe in dieser Sekunde die falsche Entscheidung getroffen und nehme das auf meine Kappe“, sagte Kobel. Es tue ihm „leid für die Jungs. Es war mein Fehler. Ich wollte ihn weghauen, aber der Ball lag nicht richtig, um ihn sauber zu schlagen. Aber am Ende musst du den Ball natürlich klären, scheißegal wie. Es ist super hart für die Mannschaft“. Und dürfte Folgen haben, nicht zuletzt mit Blick auf Schlotterbeck.
Der Nationalspieler lässt die BVB-Bosse seit Monaten im Unklaren darüber, ob er seinen Vertrag verlängert. Er will neben viel mehr Geld künftig auch eine Art Titelgarantie. Doch das frühe Aus im DFB-Pokal (3. Runde gegen Leverkusen) und nun in der Champions League sprechen nicht für eine Verlängerung. „Trotz Gehaltsverdopplung auf rund 14 Millionen Euro. Trotz einer angebotenen Ausstiegsklausel. Trotz XXL-Wohlfühl-Programm“, wie die „Bild“ kommentierte.
Fakt ist aber nunmehr auch: Elf Millionen Euro einkalkulierte Mehreinnahmen sind durch das Aus futsch. Statt Top-Duellen in der nächsten Runde gegen Arsenal oder den FC Bayern ist der BVB auf einmal zu schlecht für die Top 16 in Europa. Vier Pleiten und zwei Unentschieden, dazu 19 Gegentreffer bedeuten in zehn Spielen Königsklassen nur noch Mitläufer-Status. Das konnte selbst Trainer Niko Kovac mit seinen Bessermacher-Qualitäten am Ende nicht mehr kaschieren.
Der 26 Jahre alte Schlotterbeck dagegen will zumindest spüren, dass der BVB zuvorderst national wirklich in der Lage ist, bis zum letzten Spieltag mit Bayern München, am Samstag Gegner in der Bundesliga (18.30 Uhr, im WELT-Liveticker), mithalten zu können. Was dann natürlich auch international die Perspektive verbessern würde.
Er will sehen, dass die Dortmunder Verantwortlichen die Kaderqualität mit Transfers massiv aufwerten. Beides ist – Stand jetzt – für ihn kaum positiv zu bewerten. Parallel dazu intensiviert Real Madrid sein Werben um ihn. Tendenz: Abgang im Sommer, wenn die Ablöse (60 Millionen Euro plus X) stimmt. Flucht-Sog nicht ausgeschlossen: Auch Felix Nmecha, Serhou Guirassy oder Karim Adeyemi liebäugeln mit Wechseln.
pk
Source: welt.de