Wirtschaftsforschung: Ein Frühwarnsystem zum Besten von die Inflation

Wenn Ökonomen wissen wollen, wie sich künftig die Inflation entwickelt, achten sie stets auch darauf, was die Bevölkerung erwartet. Auch Zentralbanker, die über die Höhe der Leitzinsen entscheiden, wollen möglichst schnell wissen, ob die Erwartungen der privaten Haushalte sich ändern. Sie wollen möglichst frühzeitig vermeiden, dass eine Lohn-Preis-Spirale in Gang kommt. Arbeitnehmer würden dann wegen steigender Preise höhere Nominallöhne fordern. Inflation und Lohnwachstum könnten sich so gegenseitig hochschaukeln.
Daher befragt zum Beispiel das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der Deutschen Bundesbank regelmäßig zwischen 2500 und 5000 repräsentativ ausgewählte Bürger, jeweils etwa 20 Minuten lang, welche Inflationsentwicklung sie in den kommenden zwölf Monaten erwarten. Die Befragung wird einmal im Monat durchgeführt, das dauert aber einige Zeit.
Wirtschaftsforscher aus Bonn, Frankfurt und Oslo haben nun einen neuen Index entwickelt, der mithilfe von Posts in sozialen Medien die Inflationserwartungen von Verbrauchern nahezu in Echtzeit überwachen kann. Grundlage dafür sind Posts auf der Plattform X (früher Twitter). Die Methode ist aber grundsätzlich auf andere Plattformen übertragbar. Die Ökonomen werteten dafür bisher mehr als zwölf Millionen deutschsprachige Tweets von mehr als einer Million Nutzer aus. Um brauchbare Ergebnisse zu bekommen, werden in einem ersten Schritt aus der schieren Masse der veröffentlichten Tweets diejenigen herausgesucht, die sich im weitesten Sinne mit dem Thema Inflation befassen. Das sind Beiträge, die Stichwörter enthalten wie etwa Preis, Lebenshaltungskosten, Inflation, Deflation, teuer, billig, Benzinpreis, Miete oder Energiekosten. Ausgeschlossen werden Retweets und auch solche Tweets, die mutmaßlich nicht von echten Menschen, sondern von Bots geschrieben wurden.
Der Index schlägt schnell an
Nachdem die relevanten Tweets identifiziert sind, die sich mit dem Thema Inflation befassen, wird in einem zweiten Schritt jeder Tweet eingeordnet, ob der Verfasser eher steigende oder fallende Preise erwartet oder sich sonst zur Inflation äußert. Für diese Einteilung wird Künstliche Intelligenz eingesetzt. Schließlich wird in einem dritten Schritt auf täglicher Basis berechnet, wie oft in den Tweets des betreffenden Tages von steigenden oder von fallenden Preisen die Rede ist.
Mit den bisherigen Ergebnissen sind die Forscher zufrieden. Der neue Index sei „ein effektives Frühwarnsystem für die tatsächliche Inflation und verbessert kurzfristige Prognosen entscheidend“, sagt der Bonner Ökonom Benjamin Born, der den Index gemeinsam mit Forscherkollegen entwickelt hat: „Unser Index ist direkt am Puls der Verbrauchererwartungen und zeigt an, sobald sich die Inflationsdynamik verändert.“ Der Index schlage sehr schnell an: „Wenn beispielsweise die Geldpolitik unerwartet gestrafft wird, sinkt unser Index nach etwas mehr als einer Woche“, schreiben die Forscher in einer gemeinsamen Studie: „Dies deutet darauf hin, dass die EZB die Inflationserwartungen der Öffentlichkeit innerhalb weniger Tage beeinflussen kann.“ Ihren Index sehen die Forscher nicht als Ersatz für Befragungen, sondern als Ergänzung.
Untersucht haben die Forscher auch, inwiefern das tatsächliche Verhalten der Verbraucher sich verändert, wenn sich ihre Inflationserwartungen ändern. Über solche Transmissionsmechanismen machen sich Ökonomen schon seit Jahrzehnten Gedanken, theoretisch denkbar sind ganz unterschiedliche Wirkungskanäle. Einerseits könnte die Furcht vor einem Anstieg der Inflation dafür sorgen, dass bestimmte – vor allem langlebige – Güter noch schnell gekauft werden, bevor sie teurer werden. Andererseits könnten Verbraucher auch aus Vorsicht sparsamer werden, weil sie damit rechnen, künftig real weniger Einkommen zur Verfügung zu haben.
Die Befunde sind in der Forschungsliteratur nicht eindeutig. Deshalb haben die Forscher ihren neuen Echtzeitindex auch mit Daten aus dem Onlinehandel verknüpft. Insgesamt haben sie Daten von mehr als 117 Millionen Einkäufen ausgewertet. Dabei zeigte sich: Wenn die Inflationserwartungen steigen, kürzen die Haushalte kurz danach ihre Ausgaben, insbesondere für solche Käufe, die nicht lebensnotwendig sind und sich daher aufschieben lassen, wie etwa Elektronik, Möbel und Reisen. Das macht sich kurzfristig laut den Forschern sogar in den Aktienkursen der Anbieter solcher Güter bemerkbar.