Geld ohne Staat: Hayek und dasjenige wettbewerbliche Geld

Der Schock saß tief. In der ersten Hälfte der 1970er Jahre erlebten die großen Industriestaaten einen Inflationsschub sondergleichen. Die Preise stiegen im Vereinigten Königreich um durchschnittlich 13,1 Prozent im Jahr, in Italien und Japan um mehr als elf Prozent und in den Vereinigten Staaten um 6,8 Prozent. Selbst die strenge Deutsche Bundesbank erlebte mit Inflationsraten von durchschnittlich 6,1 Prozent in den ersten fünf Jahren des Jahrzehnts ein Desaster. Der Inflationsschub nach Corona, der den Menschen zuletzt Kaufkraft raubte, erscheint im Vergleich mit dem damaligen Sturm wie ein milder Wind.

Auslöser für den Preisschub in den 1970er Jahren gab es mehrere. Die Vereinigten Staaten hatten die Goldbindung des Dollars aufgegeben. Der Ölpreisschock drückte die Preise nach oben. Regierungen und wirtschaftspolitisch relevante Akteure stemmten sich nicht energisch gegen die Inflation. Regierungen setzten auf Schulden gegen die Arbeitslosigkeit. Gewerkschaften setzten große Lohnerhöhungen durch. Über allem stand die Devise: „Lieber fünf Prozent mehr Inflation als fünf Prozent mehr Arbeitslosigkeit.“ Der keynesianische Glaube, mit mehr Geld die Arbeitslosigkeit drücken zu können, war weit verbreitet. So war zu viel Geld im Umlauf, das die Güter jagte und die Preise in die Höhe trieb. Es kam zur Stagflation: hohe Teuerung und hohe Arbeitslosigkeit.

Im Februar 1976, vor fünfzig Jahren, veröffentlichte der Ökonom Friedrich August von Hayek einen radikalen Vorschlag, um dem Inflationsspuk ein für alle Mal ein Ende zu bereiten. „Choice in Currency“, frei übersetzt „freie Wahl der Währung“, war das kurze Pamphlet betitelt. Hayek forderte darin nichts weniger, als das staatliche Notenbankmonopol zu streichen und die Geldversorgung in die Hände konkurrierender Anbieter zu geben. „Das Geld ist ein zu gefährliches Instrument, um es den zufälligen Zweckdienlichkeiten von Politikern und – wie es scheint – von Ökonomen zu überlassen“, argumentierte der Wirtschaftsnobelpreisträger von 1974. „Unsere einzige Hoffnung für stabiles Geld ist, das Geld vor der Politik zu schützen.“ So wichtig war Hayek das Thema, das er noch im selben Jahr die stark erweiterte Studie „Entnationalisierung des Geldes“ vorlegte.

Die Idee, die Geldversorgung dem politischen Tagesgeschäft zu entziehen, verfolgten auch andere. Sie dachten daran, die Geldpolitik strikten Regeln zu unterwerfen, so wie früher der internationale Goldstandard oder feste Wechselkurse die Spielräume nationaler Geldpolitik eingeschränkt hatten. Manche rieten zur Unabhängigkeit von Notenbanken, die heute als Standard gilt. Der Monetarist Milton Friedman empfahl eine Geldmengenregel. Danach sollte die Notenbank die Geldmenge Jahr für Jahr um einen festen Prozentsatz steigen lassen.

Geld vor der Politik schützen

Hayek aber hatte jede Hoffnung verloren, dass Notenbanken dauerhaft dem politischen Einfluss zu entziehen seien. Darin gründet sein Plädoyer für wettbewerbliches Geld. Zuerst dachte er daran, nationale Währungen auf dem Gebiet eines Landes konkurrieren zu lassen. Deutsche könnten so zum Beispiel ihre Einkäufe nicht nur in Euro, sondern auch in britischen Pfund oder in Dollar abwickeln, wenn diese Währungen wertstabiler wären. Schnell aber empfahl Hayek auch, private Finanzhäuser eigenes Geld ausgeben zu lassen.

Der Grundgedanke dahinter muss jedem Marktwirtschaftler sympathisch sein. In der Produktion von Autos und anderen Gütern setzen Ökonomen darauf, dass Unternehmen im Wettbewerb um das beste Angebot ringen und so die Konsumentenwünsche gut erfüllen. Die Idee, dass private Anbieter Geld bereitstellen und im Wettbewerb sich um größtmögliche Geldstabilität bemühen, entspricht dieser ökonomischen Logik.

So wie Regierungen Geldausgabegewinne einstreichen, kann die Bereitstellung von Geld für private Anbieter ein gutes Geschäft sein. Der Anreiz, stabiles Geld bereitzustellen, kommt dann im Wettbewerb durch die Kunden. Diese würden sich sofort einem anderen Geldanbieter zuwenden, falls ein Anbieter zu viel Geld in Umlauf bringt und damit die Stabilität seiner Währung gefährdet.

Free banking versus Monopol

Neu war die Idee nicht. Es gibt historische Episoden des „free banking“, in denen Banken mit eigenen Banknoten Geld im Wettbewerb bereitstellten, zum Beispiel in Schottland von 1716 bis 1844. Das ging nicht immer glatt, Banken gingen unter und brachten Unruhe in die Wirtschaft. Manche Ökonomen sehen das als Argument für das Geldmonopol des Staates. Andere argumentieren, dass das private Geld im Wettbewerb im historischen Vergleich gar nicht so schlecht dastehe. Sie verweisen auf die Inflationsschübe und wirtschaftlichen Verwerfungen, die monopolistische Notenbanken ausgelöst oder zugelassen haben.

Ein politischer Erfolg war Hayeks Vorschlag nicht. Im Vorgriff auf die Europäische Währungsunion wurde die Idee von Ökonomen viel diskutiert. Es gab Vorschläge für Parallelwährungen in Europa. Großbritannien, damals noch Mitglied der EU, brachte das Thema in den Rat der Finanzminister ein. Doch zu groß war dann in den 1990er Jahren der politische Wille von Frankreich und Deutschland, mit der Währungsunion die europäische Einheit zu fixieren, als dass die Idee des wettbewerblichen Gelds eine echte Chance gehabt hätte.

Zu ungewohnt sind wohl auch die Folgen: Wettbewerbliches Geld bedeutet in letzter Konsequenz, dass es keine einheitliche Inflationsrate mehr gibt, dass es keine Wechselkurse nationaler Währungen und dass es keine Geldpolitik mehr gibt. Hayek sah darin einen Vorteil. Er hielt den Schaden einer Geldpolitik, die die Wirtschaft makroökonomisch zu beeinflussen sucht, für größer als den Nutzen. In seinem Plädoyer gegen das Notenbankmonopol steckt auch die Sorge, dass die Politik mit immer mehr Schulden und Staatsausgaben die freiheitliche Gesellschaft gefährde.

Viele Ökonomen argumentieren gegen die Geldkonkurrenz, dass Geld ein natürliches Monopol und vom Staat bereitzustellen sei. Der Ökonom Roland Vaubel hielt immer dagegen. Erst wenn die Menschen selbst wählen könnten, welches Geld sie verwenden, werde sich zeigen, ob Geld ein natürliches Monopol sei. Dazu aber müsse der Staat schon die Konkurrenz anderer Währungen auf seinem Territorium zulassen.

Das in der Praxis gewichtigste Argument gegen wettbewerbliches Geld stammt vielleicht von Friedman. Es hat auch Relevanz für die Entwicklung digitaler Kryptowährungen, die wie Bitcoin eher Spekulationsobjekt als Konkurrenz zum Geld sind. Abstrakt sprächen alle Gründe für Hayeks Vorschlag, jedes legale Hindernis für die Entwicklung privaten Geldes abzuschaffen, sagte Friedman 1981. Die Erfahrung aber spreche dagegen, dass sich in größeren Ländern privates Geld breitmachen werde. Dafür müsse die monetäre Steuerung durch die Regierungen noch viel schlechter werden, als sie es in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen sei.

F. A. Hayek (1976): Choice in Currency. London: The Institute of Economic Affairs.F.A. Hayek (1976): Denationalisation of Money. London: The Institute of Economic Affairs.