Verena Lueken: „Alte Frauen“: „Männer werden weise – Frauen werden antik“
Alte Jungfer, böse Hexe oder verbitterte Alte werden sie manchmal genannt. Frauen, die in den Wechseljahren angeblich zur Furie oder zur selbstgerechten „Karen“ werden. Letztere erkennt man an ihrer Kurzhaarfrisur und daran, dass sie sich gerne über alles und jeden beschwert, so besagt es zumindest das Internet-Meme.
Wenn eine Frau älter wird, ist es oft nicht ihre Lebenserfahrung, die hervorgehoben wird. „Männer werden weise. Frauen werden alt“, fasst Verena Lueken diese ungleiche Betrachtung zusammen. In ihrem Buch porträtiert die langjährige Redakteurin im Feuilleton der F.A.Z. elf Frauen, die älter als achtzig sind, unter ihnen Schriftstellerinnen, Malerinnen, Tänzerinnen, Filmemacherinnen, um dieser Ungleichheit etwas entgegenzustellen.
Alte Frauen sind nicht einfach nur „alt“
Natürlich geht es in den Gesprächen hin und wieder um Alter, Schönheitskult und Jugendwahn. Es geht aber auch um Einsamkeit und Fremdsein, um Sex und Feminismus, Ehrgeiz und Mut. Denn selbstverständlich haben auch alte Frauen Träume, Bedürfnisse und Ängste. „Der Bezugspunkt ihres Lebens und ihres Denkens ist nicht das Alter“, schreibt Lueken zu Beginn des Buches. Stattdessen habe sie „diskrete Feministinnen, kämpferische Intellektuelle, Liebende, Unangepasste“ und „Entdeckerinnen“ kennengelernt.

Mit manchen ihrer Gesprächspartnerinnen traf sie sich mehrmals, reiste nach Berlin, Rom oder New York. Dass sie die Frauen an ihren Wohn- und Wirkungsorten besucht hat, macht die Qualität der Gespräche aus. Lueken gelingt es, behutsam die Charakterzüge und Eigenheiten der „alten Frauen“ herauszuarbeiten.
Isabella Ducrot etwa ist Malerin und Textilkünstlerin. Ihr erstes Bild hatte sie mit Mitte 50 gemalt, drei Jahrzehnte später das erste Mal in einer Galerie ausgestellt. Erst im letzten Drittel ihres Lebens erlangte sie mit ihren bunt bedruckten Webstoffen internationale Bekanntheit.
Ähnlich erging es auch Carmen Herrera. Die mittlerweile verstorbene Künstlerin aus Kuba malte ihr Leben lang, verkaufte ihr erstes Bild aber erst mit 89 Jahren. Später eröffnete sie als erste Kubanerin eine Ausstellung im Whitney Museum of American Art in New York. Gegenüber Lueken sagte die Malerin, sie habe es nicht ausstehen können, so lange ignoriert worden zu sein, aber es habe ihr auch Freiheiten gegeben.
Sex, Fürsorge, Streit, Performancekunst
Dass die Arbeit im Alter auch mal beschwerlich sein kann, erzählt die Autorin Vivian Gornick mit frappierender Ehrlichkeit. Auf ihren langen Spaziergängen durch Manhattan machte sie unzählige Beobachtungen, die sie in einem ihrer bekanntesten Bücher mit dem Titel „Eine Frau in New York“ („The Odd Woman in the City“) zu Papier brachte. Doch nach einem Sturz ist Gornick ängstlicher geworden, und sie habe gemerkt, dass ihr Energielevel sinke. Lange Spaziergänge seien da nicht mehr drin.
Auch Liebe und Sex müssen im Alter keinesfalls Tabuthemen sein, findet Jane Campbell. Die britische Schriftstellerin lebt in einem ehemaligen Pub in Oxford. Sie hat unter dem Titel „Kleine Kratzer“ („Cat Brushing“) dreizehn fiktive Kurzgeschichten über alte Frauen veröffentlicht, die Sex haben und fürsorglich sind, streiten und manipulieren. Die eben all das machen, was Frauen im Alter oft abgesprochen wird.
Performative Grenzen bricht schließlich die Choreographin Katharine Sehnert. Die ehemalige Assistentin von Pina Bausch wurde für das Performance-Projekt „Dressing the City“ engagiert, bei dem menschliche Darsteller in ein Wechselspiel mit den stoischen Gebäuden und Objekten in der Stadt treten. Mit Mitte 80 performt sie immer noch, wie Lueken es im Buch beschreibt, vor „überraschten Passanten eine Art Poledance am Laternenmast“. In orangefarbene Trainingsjacke, schwarze Lederleggins und rote Ballerinas gekleidet, hat sie die Jacke in einer fast erzwungenen Umarmung um sich und den Laternenmast geschlungen.
So ehrlich, eigenwillig und freigeistig all diese Frauen auch sein mögen, sind sie keinesfalls Randfiguren der Gesellschaft. Verena Lueken gelingt es, auf kluge, unsentimentale Weise elf Porträts dieser „alten Frauen“ zu zeichnen, die weise und sinnlich zugleich sein können, humorvoll und kontrolliert, frei und widersprüchlich.
Verena Lueken: „Alte Frauen“. Ullstein Verlag, Berlin 2025. 320 S., Abb., geb., 24,99 Euro.
Source: faz.net