Energiewende: Eon setzt Netzagentur unter Druck

Der Energiekonzern Eon schraubt seine Investitionspläne hoch. Das Unternehmen profitiert davon, dass hierzulande die Stromnetze gewaltig ausgebaut werden müssen. Die Energiewende macht es nötig, dass viele neue Photovoltaik-Module und Windräder Netzanschlüsse brauchen; hinzu kommt, dass immer mehr stromfressende Rechenzentren entstehen und Industrieunternehmen öfter auf elektrische Prozesse umstellen. Zwischen 2026 und 2030 möchte Eon rund 48 Milliarden Euro in die Hand nehmen, wie das Unternehmen am Mittwoch im Zuge der Bekanntgabe der Geschäftszahlen für das Jahr 2025 in Essen mitteilte. Bislang hatte Eon für die Jahre 2024 bis 2028 mit Investitionen von 43 Milliarden Euro geplant.
Der Konzern hätte theoretisch auch die Möglichkeit noch fünf bis zehn Milliarden mehr zu investieren, sagte Finanzchefin Nadia Jakobi am Mittwoch vor Journalisten. Allerdings setzte Eon-Vorstandschef Leonhard Birnbaum zugleich der Bundesnetzagentur die Pistole auf die Brust. „Unsere Investitionen müssen sich rentieren“, sagte er, das sei die Voraussetzung. Wie viel Unternehmen wie Eon mit den Energienetzen verdienen dürfen, wird von der Bundesnetzagentur bestimmt. Mit der Behörde führe Eon „konstruktive Diskussionen“, sagte Birnbaum.
Verteilnetz ausbauen und modernisieren
Eon gehört fast ein Drittel der Leitungen, die den Strom hinter dem Übertragungsnetz zu Betrieben und Haushalten, bringen. Auch ist Eon Deutschlands größter Versorger mit rund 11,3 Millionen Strom- und 2,3 Millionen Gaskunden. Birnbaum hob hervor, dass Stand Ende 2025 rund 70 Prozent der deutschen Windkraft an Land und etwa die Hälfte der deutschen Photovoltaik ans Eon-Verteilnetz angeschlossen war. Eine der Hauptaufgaben der Essener in der Energiewende ist es, dieses Verteilnetz auszubauen und zu modernisieren. 40 Milliarden der geplanten 48 Milliarden Euro Investitionen sollen ins Netzgeschäft gehen.
In den kommenden Jahren könnten die Netzentgelte wegen des massiven Netzausbaus unter Aufwärtsdruck bleiben – und damit auch der Anteil der Netzkosten am Strompreis. Denn die Investitionen werden über Netzentgelte refinanziert und am Ende von den Kunden bezahlt; derzeit machen Netzkosten rund ein Viertel des Strompreises aus. Eon ist dabei in einer zwiegespaltenen Rolle: Der Konzern wirbt um Akzeptanz für die Energiewende, verdient aber im regulierten Netzgeschäft sein Geld gerade mit dem Ausbau, der kurzfristig die Preise treiben kann.
Birnbaums Ausweg aus diesem Dilemma ist lautes Rufen nach Effizienz. Zum Beispiel wettert er gern gegen Windräder, die lange stillstehen. „Wir haben Gebiete, wo wir wissen: Wenn wir dort anschließen passiert nichts, was für die Kunden von Vorteil ist“, sagte er am Mittwoch. Und: Der weitere Umbau des Systems müsse „so bezahlbar wie möglich“ stattfinden.
„Netzpaket“-Entwurf zeigt, in welche Richtung es geht
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) – übrigens eine ehemalige ranghohe Eon-Managerin – könnte ihm bei seinen Forderungen genau in die Karten spielen. Ein Entwurf für ein „Netzpaket“ aus dem Wirtschaftsministerium, der vor Kurzem in unabgestimmter Form vorab an die Öffentlichkeit gelangte, liest sich wie die Erfüllung eines Eon-Wunschzettels. Gesetz ist er noch längst nicht, doch er zeigt, in welche Richtung es geht.
So sieht der Plan vor, dass die Netzanbieter künftig stärker priorisieren dürfen, wem sie zuerst Netzanschlüsse verkaufen; derzeit geht das nach dem Prinzip „wer zuerst kommt mahlt zuerst“. Birnbaum lobte die geplante Abkehr von diesem Prinzip am Mittwoch ausdrücklich und verglich die bisherige Praxis mit einem „Handtuchauslegen im Netz“. Oft stünden hinter Reservierungen von Anschlusskapazitäten derzeit keine seriösen Vorhaben. Außerdem soll dem Entwurf zufolge mit verschiedenen Mechanismen verhindert werden, dass zu viele Anlagen in netztechnisch ungünstigen Gebieten entstehen, wo sie oft abgeregelt werden müssen.
Als umstrittenste Maßnahme in diesem Kontext gilt der „Redispatchvorbehalt“: Neue Anlagen sollen nur noch dann in Gebiete mit hohem Abregelungsrisiko gebaut werden dürfen, wenn man sich verpflichte, auf Entschädigungszahlungen im Fall von Abregelungen zu verzichten. Das ging zuletzt selbst dem Chef von Deutschlands größtem Energiekonzern RWE, Markus Krebber, zu weit, der das Vorhaben als „absurd“ bezeichnete. Wohlwollender äußerte sich Birnbaum. Wie genau man den Vorbehalt ausgestalte, könne ja noch verhandelt werden. Es sei gleichwohl „hervorragend, dass wir diese Diskussion führen“, er begrüße den „Grundgedanken“.
Milliardengewinn im abgelaufenen Geschäftsjahr
Mit Blick auf das abgelaufene Geschäftsjahr konnte Eon ein Milliardenplus vermelden. Der bereinigte Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) lag mit 9,8 Milliarden Euro am oberen Ende von Eons eigener Vorhersage. Der bereinigte Konzernüberschuss betrug drei Milliarden Euro. Für das laufende Geschäftsjahr erwartet der Konzern mit 9,4 bis 9,6 Milliarden Euro ein etwas niedrigeres Ebitda und nennt als Grund „temporäre regulatorische Effekte im Netzgeschäft“. Für die mittlere Frist rechnet Eon hingegen mit einem deutlichen Gewinnplus. Im Jahr 2030 soll das bereinigte Ebitda auf rund 13 Milliarden Euro gestiegen sein und der bereinigte Konzernüberschuss auf rund 3,8 Milliarden Euro.
An der Börse kamen die Zahlen gemischt an. Der Kurs der Eon-Aktie sank zunächst, erholte sich dann wieder und lag am Mittwochnachmittag leicht im Plus. Seit Jahresbeginn ist der Eon-Kurs allerdings mehr als 15 Prozent gestiegen, was auch mit der Wette auf starken Netzausbau wegen des Booms der Künstlichen Intelligenz zu tun haben dürfte. Die Dividende soll von 55 auf 57 Cent je Aktie steigen.