Der eine Satz, dieser Tricia Tuttle wohl den Job kostet
Bei der Abschlussgala der Berlinale ließ Tricia Tuttle die Drohung eines palästinensischen Aktivisten von der Bühne unwidersprochen. Auch zuvor agierte sie instinktlos. Nun soll die Festival-Chefin abberufen werden. Es hat etwas Tragisches – denn in Vielem war sie ein Lichtblick.
Paukenschlag am Mittwochnachmittag, an Tag vier nach der skandalträchtigen Abschlussgala der Berlinale: Deren Chefin, die US-Amerikanerin Tricia Tuttle, erst seit April 2024 im Amt, soll gehen. Das berichtet die „Bild“-Zeitung im Hinblick auf eine außerordentliche Sitzung der Führungsgremien der „Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH“ (KBB) am Donnerstag. Dort soll Tuttles Abberufung auf der Tagesordnung stehen. Einberufen habe die Sitzung Kulturstaatsminister Wolfram Weimer.
Die Berlinale wollte sich zu Spekulationen nicht äußern. Doch der Ton ist zerknirscht. Auch aus Regierungskreisen vernimmt man, dass die Meldung stimmt.
Am Samstagabend war es bei der Abschlussgala zu einem Zwischenfall gekommen, während der Dankesrede des Regisseurs Abdallah Alkhatib, der als palästinensischer Flüchtling in Deutschland lebt. Sein Spielfilmdebüt „Chronicles From The Siege“, das tragikomisch vom Alltag in einem ungenannten Kriegsgebiet erzählt, hatte den Nachwuchspreis der Sektion „Perspectives“ gewonnen, verliehen von einer unabhängigen Jury.
Alkhatib trat nach vorn, mit Palästinensertuch zum schwarzen Anzug, und schwadronierte in einer wirren Rede davon, Deutschland wäre Partner eines vermeintlichen „Völkermords in Gaza“. Und weiter, schon aus der beschworenen Perspektive eines künftig „befreiten“ Palästinenserstaats: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.“ Man muss nicht sehr fantasiebegabt sein, um hierin eine Drohung zu erkennen. Es kam zu unverständlichen Zwischenrufen. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ aus Protest den Saal. Moderatorin Désirée Nosbusch versuchte windelweich, die Wogen zu glätten.
Was man vermisste, war ein deutlicher Widerspruch. Auch und gerade von Tuttle – die seit ihrer Berlinale-Premiere im vergangenen Jahr, die auch von Gaza-Protesten überschattet war, wusste, wie sensibel das Thema hierzulande ist – hörte man an dieser Stelle: nichts. Man kann die Position vertreten, dass Kunst- und Meinungsfreiheit allerlei Unsinn deckt. Palästinensische Stimmen sollen selbstverständlich gehört werden. Palästinensische Filme sollen selbstverständlich prämiert werden, so sie denn preiswürdig sind.
Aber ebenso selbstverständlich stehen Institutionen des deutschen Staates – und die Berlinale ist eine maßgebliche – in der Pflicht und Verantwortung, unverbrüchliche Überzeugungen zu vertreten, notfalls offensiv. Dazu gehört an vorderster Stelle die Solidarität mit Israel, der Einspruch gegen Völkermord-Fantasien und die Bekämpfung jeglicher Träume, den israelischen Staat von der Karte zu tilgen, wie sie in der tragischerweise zur Folklore gewordenen Terrorparole „From the river to the sea“ zum Ausdruck kommen. Stattdessen hatte Tuttle bei der Premiere des später ausgezeichneten Films zwischen Palästinenserflaggen und -tüchern posiert. Auch das mindestens eine Instinktlosigkeit.
Tragik ist das Stichwort: Tuttle war eigentlich ein Lichtblick nach den dürren Chatrian-Jahren zuvor. Die Berlinale hat mit vielen Problemen zu knapsen, nicht zuletzt der veränderten Marketingstrategie der großen Studios, die vor allem auf Social Media setzen und vielleicht noch auf Cannes oder Venedig, aber nicht mehr auf Berlin. Mit mickrigen Bordmitteln hat Tuttle einen super Job gemacht. Der diesjährige Wettbewerb war ordentlich bis sehr gut, Tuttle selbst fand meist den richtigen Ton, uneitel, informiert und sympathisch. Wenige Tage zuvor hatte sie auf einen offenen Brief von Schauspielern um Tilda Swinton noch couragiert geantwortet. Und davor ihren Jury-Präsidenten Wim Wenders beherzt verteidigt. Mit seiner Weigerung, einen behaupteten Völkermord in Gaza offiziell zu verurteilen, und stattdessen seinem Bekenntnis zur Unabhängigkeit der Kunst von der Politik war der ganze Schlamassel erst losgegangen. 80 Schauspieler, darunter neben Swinton auch Javier Bardem, hatten auf Wenders’ Äußerung hin in ihrem öffentlichen Protest das „institutionelle Schweigen“ des Festivals zum Gaza-Krieg angeprangert.
Dass Tuttle im konsequenten Widerspruch gegen israelfeindliche Fake-News auf der Zielgeraden die Luft ausgegangen ist, mag auch daran liegen, dass ihr für die spezifisch deutschen Befindlichkeiten, die in den USA oder England so nicht gelten mögen, das Sensorium oder der Gestaltungswille fehlen. Womöglich ist ein absehbares Ende des Arbeitsverhältnisses auch gar nicht so einseitig. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Tuttle nach den Erfahrungen der ersten beiden Jahre als Chefin Lust oder Kraft fehlen, den verminten Boden weiter zu beackern. Ihr Abgang träfe die Berlinale in harten Zeiten umso härter.
Source: welt.de