Kein Mädchen muss sich heute zur Eva zeugen lassen

„Sie hieß Eva. Braune Haare, rehbraune Augen“: Um eine alte Interview-Äußerung des baden-württembergischen CDU-Spitzenkandidaten ist eine Sexismus-Debatte entbrannt. Paradoxerweise kann man Manuel Hagel fast dankbar dafür sein.

Dass Manuel Hagel, CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Baden-Württemberg, wegen eines alten Interviews in einem Lokalsender politisch diskreditiert wird, in dem er mit leuchtenden Augen von den „braunen Haaren“ und „rehbraunen Augen“ von „Eva“, einer mutmaßlich 16-jährigen Realschülerin, geschwärmt hat, ist absurd – und verrät viel über die Art, wie in Deutschland über Sexismus gesprochen wird.

Vor einigen Tagen hatte die Grünen-Bundestagsabgeordnete Zoe Mayer in den sozialen Medien einen Clip in Umlauf gebracht, der Hagel in der „Regio TV“-Sendung „Auf ein Bier mit“ aus dem Jahr 2018 zeigt. Der damals 29-jährige Politiker sitzt einem Moderator gegenüber, in einem Bildnis der Provinzialität, wie von einem postmodernen Edgar Reitz inszeniert: zwei schwäbelnde junge Männer beim Bier am Holztisch einer Schenke, am Nebentisch Rentner gebeugt über zünftiges Essen.

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Im Gespräch, das in voller Länge 30 Minuten dauert, geht es um die Nahbarkeit von Politik: Hagel betont, die Politik müsse sich einer Sprache bedienen, die die Menschen da draußen verstehen. Um seinen Punkt zu illustrieren, zieht Hagel rhetorisch ungeschickt ein Beispiel hervor, in das er sich verstrickt und das ihm heute, als auf ein paar Minuten verkürzter Clip, seinen Wahlkampf überschattet: Er sei in einer Realschule in seinem Wahlkreis gewesen, „eine Klasse, 80 Prozent Mädchen“.

Hagels Augen leuchten, die Mundwinkel zucken jovial: „Also da gibt es für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine als diesen.“ Er werde es „nie vergessen“, schwärmt Hagel: „Die erste Frage, sie hieß Eva. Braune Haare, rehbraune Augen“. Der Moderator schaltet sich ein: „Die wird jetzt rot zu Hause, wenn sie das sieht“, beide lachen.

Eva habe gesagt, sie habe erst gar nicht kommen wollen, weil Politiker immer nur schwätzten, berichtet Hagel, da habe er sich gedacht, „der Abend, äh, der Morgen fängt ja schon gut an“. Später habe er Eva dann doch noch von sich überzeugen können: „So schlecht war’s nicht, Herr Hagel!“. Mädchen beeindruckt, Politiker zufrieden?

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So einfach ist es heute nicht mehr. Seitdem der Ausschnitt geteilt wurde, sind vor allem zwei Deutungen im Raum: Die einen meinen, das Ganze sei eine geschickt gestellte Rechtfertigungsfalle der Grünen, aus der Hagel kaum unbeschadet herauskomme, auch wenn Cem Özdemir, Spitzenkandidat der Grünen in Baden-Württemberg, den Vorfall inzwischen abmoderiert hat. Die anderen sehen eine Form von verklemmt schwäbischem Locker-Room-Talk mit verräterischen freudschen Fehlleistungen am Werk, der eine Charakterschwäche Hagels offenbare, die mindestens dem Amt eines Politikers unangemessen sei, wenn sie nicht gleich epsteinhafte Züge offenbare.

Die Wahrheit liegt woanders: Hagels Kommentar war sexistisch, ob er so gemeint war oder nicht. Wer hier einen unbedeutenden Ausrutscher sieht, weiß nicht, was es bedeutet, als Mädchen zuerst nach seinem Körper beurteilt zu werden, statt zunächst nach dem, was man zu sagen hat. Nichts anderes meint Sexismus. Kein Mädchen muss sich heute von einem Mann zur Eva machen lassen.

Die Französin Gisèle Pelicot macht in diesen Tagen mit ihrem beeindruckenden Buch deutlich, dass Sexismus ein gesellschaftliches Phänomen ist, nicht die Schwäche eines einzelnen Charakters. Paradoxerweise kann man Hagel fast dankbar sein für seinen Auftritt, weil er zeigt: Ja, so sah das mal aus im deutschen Fernsehen; das war 2018, nicht 1958. Dass Hagel seine Äußerungen umgehend als Fehler eingeräumt hat, zeigt, dass wir heute einen Schritt weiter sind. Dazu gehört aber auch die Einsicht: nicht jeder Mann, der sich sexistisch äußert, ist ein unbelehrbarer Sexist.

Source: welt.de