Epstein, die Royals und Afghanistan: Auf einmal geht es um Geheimnisse, nicht Missbrauch
Es sind nicht die Missbrauchsvorwürfe, wegen derer der Ex-Prinz verhaftet wurde: Während Prince Harry in Afghanistan diente, eröffnete sein Onkel Andrew dort Investitionsgespräche mit Epstein
Ein Geheimnis, das nur bestimmte Menschen teilen: Wie ziehe ich mich für diese Art „Outing“ richtig an?
Foto: Imago / Capital Pictures
Der britische Ex-Prinz steht seit mehr als 15 Jahren unter Verdacht, in Epsteins Missbrauchsnetzwerk verwickelt zu sein. Doch als er vergangene Woche verhaftet wurde, warf ihm die Polizei nicht Vergewaltigung oder sexuellen Missbrauch vor, sondern mögliche Regelverstöße aus seiner Zeit als Handelsgesandter. Wie passt das zusammen? Und warum spielt Afghanistan schon wieder eine Rolle?
Das Foto des britischen Ex-Prinzen Andrew Mountbatten-Windsor während seiner Festnahme ging weltweit durch die Medien. Zwar wurde er nach elf Stunden aus dem Polizeigewahrsam entlassen, doch die Ermittlungen im Zusammenhang mit der Epstein-Affäre dauern an. Der Vorwurf: möglicher Amtsmissbrauch während seiner Zeit als britischer Sonderhandelsgesandter.
Andrew pflegte über Jahre ein enges Verhältnis zu Jeffrey Epstein. Zahlreiche E-Mails, Reisebewegungen und Fotografien belegen die Nähe. Als Mitglied des britischen Königshauses verschaffte er Epstein Zugang zu aristokratischen Netzwerken, exklusiven Veranstaltungen und königlichen Immobilien. Auch Epsteins Komplizin Ghislaine Maxwell verkehrte im Umfeld der Royals. Fotos zeigen Maxwell unter anderem gemeinsam mit dem US-Schauspieler Kevin Spacey in repräsentativen Räumen königlicher Anwesen. Und Epstein und Maxwell waren 2006 zusammen mit Harvey Weinstein Gäste in Andrews Royal Lodge in Windsor, wohin er die drei zu einem Maskenball anlässlich des 18. Geburtstags seiner Tochter eingeladen hatte.
Weitaus gravierender sind jedoch die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs. Die US-Klägerin Virginia Giuffre beschuldigte Andrew, sie als Minderjährige sexuell missbraucht zu haben. 2021 reichte sie in den USA Zivilklage ein. 2022 wurde der Fall außergerichtlich beigelegt – ohne Schuldeingeständnis. Andrew verlor in der Folge seine militärischen Ehrentitel und offiziellen royalen Funktionen. Giuffre starb im April 2025 durch Suizid.
Helmand: Krieg, Opium, Geschäftsinteressen
Die aktuellen strafrechtlichen Ermittlungen drehen sich jedoch nicht primär um die Missbrauchsvorwürfe, sondern um mögliche Pflichtverletzungen im Amt. In einer E-Mail aus dem Dezember 2010 sprach Andrew gegenüber Epstein von „hochwertigen, kommerziellen Investitionsmöglichkeiten“ in der afghanischen Provinz Helmand.
Zu diesem Zeitpunkt war Helmand einer der blutigsten Schauplätze des zwanzigjährigen NATO-Krieges in Afghanistan. Die Region galt als Hochburg der Taliban, zugleich als Zentrum des globalen Opiumanbaus. Westlich unterstützte lokale Machthaber, Milizenführer und Drogenhändler dominierten Teile der Provinz. Großbritannien stellte dort einen Großteil der internationalen Kampftruppen.
Parallel dazu gerieten britische Spezialeinheiten – insbesondere der Special Air Service (SAS) – wegen mutmaßlicher außergerichtlicher Tötungen ins Visier interner und journalistischer Untersuchungen. Recherchen legen nahe, dass zwischen November 2010 und Mai 2011 mindestens 54 Afghanen bei nächtlichen „Antiterror-Operationen“ getötet wurden. Interne Hinweise auf mögliches Fehlverhalten sollen innerhalb militärischer Führungsebenen bekannt gewesen sein.
Prince Harry kämpfte im Afghanistankrieg, zeitgleich diskutierte Andrew Investitionsmöglichkeiten
Vor diesem Hintergrund wirft Andrews E-Mail Fragen auf: Warum sprach ein offizieller britischer Handelsgesandter mitten in einem eskalierenden Kriegsgebiet über Investitionsmöglichkeiten – und warum tat er dies gegenüber einem privatwirtschaftlichen Akteur wie Epstein?
Sollte er tatsächlich vertrauliche Handels- oder Reisedokumente weitergegeben haben, könnte dies den Straftatbestand des „Misconduct in Public Office“ erfüllen – ein Delikt, das im britischen Recht mit mehrjährigen Haftstrafen geahndet werden kann.
Auch innerhalb der Royal Family existieren direkte Bezüge zum Afghanistankrieg. Prince Harry war zweimal in Afghanistan stationiert. In seiner Autobiografie Spare schrieb er, 25 „Feinde“ getötet zu haben. Die Zahl leitete er nach eigenen Angaben aus Aufnahmen militärischer Überwachungssysteme ab – eine nüchterne technologische Bilanzierung von Tötungen im Rahmen des „War on Terror“.
Die Gleichzeitigkeit dieser Ebenen ist bemerkenswert: Während britische Soldaten in Helmand kämpften und Zivilisten starben, diskutierte ein hochrangiger Repräsentant des Königshauses mit einem verurteilten Sexualstraftäter über kommerzielle Chancen in derselben Region.
Für das britische Königshaus bleibt die Verbindung zwischen Andrew und Epstein ein anhaltender Reputationsschaden. Die Ermittlungen umfassen inzwischen Durchsuchungen mehrerer Wohnsitze Andrews in Norfolk und Berkshire. Das Parlament prüft die Offenlegung weiterer Dokumente aus seiner Zeit als Handelsgesandter.
Unabhängig vom strafrechtlichen Ausgang ist eines klar: Epstein erhielt über Andrew Zugang zu elitären Netzwerken, symbolträchtigen Räumen und institutioneller Nähe zur Monarchie. Die Affäre offenbart nicht nur individuelle Verfehlungen, sondern strukturelle Verbindungen zwischen politischer Macht, militärischen Einsätzen und ökonomischen Interessen.