Michel Friedman wird 70: Der Fragesteller

Er ist eitel. Er ist scharfzüngig und streitbar, furchtlos und intelligent. Mit einem Wort: Michel Friedman ist eine Herausforderung für jeden, der mit ihm zu tun hat, und deshalb empfinden ihn viele als Zumutung. Gerade hierzulande, wo der Konsens in öffentlichen Debatten in zu hohem Ansehen steht. Und wo Selbstbewusstsein gern als Ausdruck von Arroganz missverstanden wird.

Friedman hat auf verschiedenen Gebieten Karriere gemacht. Als Anwalt, als Politiker, als TV-Moderator, als Hochschullehrer, als Repräsentant des Judentums. Die Mischung zeugt von seiner Vielseitigkeit. Und auch von seiner Angst vor Langeweile. Die hat ihn zum Ausnahmefall eines Mannes werden lassen, der genauso gern Fragen stellt, wie er Antworten gibt. Er ist ein beliebter Interviewpartner für Medien aller Gattungen, weil er druckreif spricht, keine Angst vor starken Meinungen hat und auch nicht vor Provokationen (die stets wohlkalkuliert sind und nicht durch gewundene Erläuterungen wieder eingefangen werden müssen).

Fast genauso gern scheint er in die Rolle des Fragestellers zu schlüpfen. „Fast“ deshalb, weil er als Gastgeber in Gesprächsreihen auf großen Theaterbühnen in Frankfurt und in Berlin dazu tendiert, in den Fragen nahezulegen, was er für die richtige Antwort hält. Wer daraus schlösse, dass Friedman bei der Erwiderung des Gegenübers nicht genau hinhörte, täuscht sich. Ihm entgeht keine Nuance und vor allem keine Inkonsistenz. Dann will er es genau wissen, unnachgiebig, aber immer offen für ein Argument, das ihm noch nicht untergekommen ist. Genauso aufmerksam und fordernd erlebt man Friedman im persönlichen Gespräch, wenn es kein Publikum gibt, vor dem er glänzen könnte.

Mehr von seinem Schlag wären gut für das Land

Fragen stellen und sie selbst beantworten, das geht am besten als Buchautor. Also solcher hat Friedman enormen Erfolg, „Fremd“ und „Mensch!“ heißen zwei Bestseller. In „Schlaraffenland abgebrannt“ von 2023 analysierte er die Malaise der deutschen Wohlfühlgesellschaft; die Beschreibung der vielen Problemfelder geriet ihm dabei etwas holzschnittartig, fast populistisch, und einige Lösungsvorschläge kamen ziemlich pauschal daher. Aber aus jeder Zeile war der liberale Verfassungspatriot herauszulesen, der über die saturierte Verzagtheit seiner Landsleute und ihre mangelnde Begeisterungsfähigkeit für die Demokratie verzweifelt.

Dass seine Partei, die CDU, die er nach der Migrationsabstimmung im Januar 2025, in der Friedrich Merz die Unterstützung durch die AfD in Kauf nahm, verließ, inzwischen in der Falle hockt, schmerzt ihn besonders. Friedman hat ein ausgeprägtes Gespür für untergründige gesellschaftliche Verschiebungen; wer seine frühen Warnungen vor einem Revival des Antisemitismus als übertrieben abtat, ist eines Besseren belehrt worden.

Es gäbe Friedman nicht ohne Oskar Schindler, auf dessen Liste seine Eltern standen. In Paris geboren, kam er 1965 nach Frankfurt, wohin es seinen Vater aus beruflichen Gründen zog. Hier hat er seinen Lebensmittelpunkt, hier kann man ihn und seine Frau Bärbel Schäfer treffen, im Theater, auf Empfängen und Feiern, einen bestens vernetzten und akkurat gekleideten homo politicus, immer auf der Suche nach anregenden Gesprächspartnern. Am heutigen Mittwoch wird Friedman 70 Jahre alt. Hätten wir mehr von seinem Schlage, Deutschland wäre ein lebendigeres Land.

Source: faz.net