Die Abrechnung
Sepp Blatter war 17 Jahre Präsident der Fifa. Nun holt er zum großen Schlag gegen seinen Nachfolger aus. Er identifiziert Gianni Infantino als Komplizen Donald Trumps, schimpft über Vasallentum und Abhängigkeiten. Der Verband sei zu einer Diktatur verkommen.
Das Interview findet in einem Zunfthaus aus dem 14. Jahrhundert in der Altstadt von Zürich statt, im so genanten „Haus zum Rüden“. Und Sepp Blatter hat einiges mitzuteilen. Seine Worte sind eine Abrechnung mit Fifa-Präsident Gianni Infantino und US-Präsident Donald Trump.
Blatter, der im März 90 Jahre alt wird, war Infantinos Vorgänger beim Weltfußballverband, arbeitete von 1975 an für die Fifa, erst als Direktor für Entwicklungsprogramme, ab 1981 als Generalsekretär. 1998 wurde er dann zum Präsidenten gewählt und stand aufgrund seiner Handlungen und Politik selbst häufig in der Kritik. Am 2. Juni 2015 stellte er sein Amt als Folge der Korruptionsskandale bei der Fifa zur Verfügung.
Frage: Herr Blatter, im Sommer findet zum zweiten Mal eine WM auf amerikanischem Boden statt. Bei der Premiere 1994 in den USA waren Sie als Fifa-Generalsekretär unter Präsident João Havelange dabei. Welche Erinnerungen haben Sie an den 17. Juni 1994, den Tag des WM-Eröffnungsspiels zwischen Titelverteidiger Deutschland und Bolivien in Chicago (1:0) – als ein weißer Ford Bronco dem Fußball die große Show stahl: die Verfolgungsjagd des mutmaßlichen Mörders und Ex-Football-Superstars O.J. Simpson auf einem Highway in L.A., die 95 Millionen Menschen im US-TV live mitverfolgten?
Sepp Blatter: Alan Rothenberg, der Chef des amerikanischen WM-Organisationskomitees, war völlig verzweifelt, dass so etwas ausgerechnet passierte, als die WM losgehen und eigentlich die ganze Welt bei der Eröffnungsfeier und dem Eröffnungsspiel zuschauen sollte. Aber mit Unvorhergesehenem muss man immer rechnen – gerade in den USA, dem Land der 1000 Möglichkeiten.
Frage: Unberechenbar ist vor allem US-Präsident Donald Trump, der die Vereinigten Staaten spaltet. Befürchten Sie, dass er die WM als Bühne für seine Selbstinszenierung missbrauchen wird?
Blatter: Natürlich wird sich Trump inszenieren, das macht er doch jetzt schon! Dafür braucht er seinen neuen Freund, den Fifa-Präsidenten Gianni Infantino. Wobei der Ausdruck „Komplize“ besser passt als „Freund“. Infantino hat Trump ja schon die WM-Trophäe, den Pokal für seine „famose“ Klub-WM im vorigen Sommer und den Fifa-Friedenspreis ins Oval Office gestellt.
Frage: Der damalige US-Präsident Bill Clinton betonte auf der WM-Eröffnungsfeier 1994 in seiner Rede, dass die Liebe zum Fußball eine universelle Sprache sei, die Menschen verbinde. Trump hat WM-Einreiseverbote gegen Fans aus 39 Ländern verhängt, darunter Iran, Senegal und Haiti, die für das Turnier qualifiziert sind. Wie müsste Infantino reagieren?
Blatter: Es gibt bei jeder WM einen Vertrag zwischen der Fifa und dem Ausrichter, 2026 sind das die USA, Mexiko und Kanada. Darin steht, dass alle Sportler, Offizielle und Fans der qualifizierten Mannschaften und alle Schiedsrichter ein Visum bekommen müssen. Das muss Infantino Trump klarmachen und darauf bestehen, dass der Vertrag erfüllt wird. Seine Sympathiewerte könnten wieder steigen, wenn er sagen würde: „Ich werde Trump zwingen, dass alle Berechtigten ein WM-Visum bekommen.“ Aber das macht er nicht, weil die beiden Komplizen sind.
Frage: Infantino bleiben ja noch vier Monate bis zum WM-Beginn im Juni, um Visa-Druck zu machen…
Blatter: Dann wissen wir auch endlich, welche 48 Mannschaften dabei sind. Das ist für mich ein No-Go, dass erstmals in der Geschichte der Fifa bei der Auslosung der Gruppen im Dezember 2025 (wegen der Play-offs im März 2026; d. Red.) nicht klar war, wer überhaupt für die WM qualifiziert ist.
Frage: Auf dem Uefa-Kongress in Brüssel forderte EU-Sportkommissar Glenn Micallef (36/Malta) Infantino auf, die Sicherheit der Fans aus Europa in den USA sicherzustellen. Grund ist die Ankündigung, dass die umstrittene Einwanderungsbehörde ICE, deren Beamte zwei unschuldige US-Bürger in Minneapolis erschossen haben, eine zentrale Rolle bei den WM-Sicherheitsmaßnahmen spielen soll.
Blatter: Die Sorge des EU-Sportkommissars ist berechtigt. Man muss dieses Turnier aufgrund der politisch instabilen Situation und der Sicherheitslage in den USA kritisch hinterfragen. Was in Minneapolis passiert ist, ist schlimmer als alles, was je in Katar passiert ist, das die WM 2022 ausgerichtet hat. Ich hoffe sehr, dass König Fußball stärker ist als Politik und Ruhe einkehrt, sobald der Ball in den USA rollt.
Frage: DFB-Vizepräsident Oke Göttlich hat als Präsident des FC St. Pauli wegen Trump und Infantino eine Debatte um einen WM-Boykott angeschoben und damit scharfe Kritik beim DFB, in der Bundesliga und in der Bundesregierung ausgelöst. Wie stehen Sie zu einem Boykott?
Blatter: Ich bin gegen einen WM-Boykott. Die wichtigsten Akteure im Fußball sind die Spieler, und die wollen unbedingt an der WM teilnehmen. Wenn Verbände entscheiden würden, wir fahren nicht, würde das einen Aufstand geben, auch unter den mehr als zwei Milliarden Fußballfans weltweit.
Frage: In Seattle findet das sogenannte „Pride Match“ im Rahmen der alljährlichen Festivitäten der LGBTQ+-Community statt. Die Teilnehmer Iran und Ägypten wollen das Regenbogen-Spiel unbedingt verhindern, protestieren bei der Fifa, obwohl diese nicht der Organisator der Rahmenveranstaltungen ist. Wie sollte die Fifa mit dem brisanten Thema umgehen? Im Iran kann Homosexualität mit dem Tod bestraft werden. Totschweigen, wie es bisher der Fall ist?
Blatter: Es gibt eine einfache Lösung: Wenn eine Mannschaft qualifiziert ist und sich aus welchen Gründen auch immer weigert, ein Spiel zu bestreiten, dann soll sie erst gar nicht zur WM anreisen. Dann rutscht eine andere Mannschaft auf den freien Platz nach. Fertig!
Frage: Trump droht, demokratisch regierten Städten wie Seattle die WM-Spiele bei Unruhen zu entziehen. Darf sich die Fifa mit Infantino ein solches Eingreifen gefallen lassen?
Blatter: Auf keinen Fall! Der WM-Spielplan mit den Daten und Städten steht seit Langem fest, an die organisatorische Disziplin muss sich gehalten werden, auch von Trump und Infantino.
Frage: Trump droht Grönland mit der Annexion, er hat Venezuelas Staatspräsidenten Nicolás Maduro (63) in die USA entführen lassen, droht dem Iran mit seinen Flugzeugträgern. Von Infantino hat er trotzdem den extra erfundenen Friedenspreis bekommen, weil Trump vergeblich auf den Friedensnobelpreis gehofft hatte. Vorige Woche saß Infantino mit roter USA-Basecap in Trumps neuem „Friedensrat“, den fast ganz Europa ablehnt. Wie würden Sie Infantinos Haltung gegenüber Trump bezeichnen?
Blatter: Als unterwürfig. Der Friedenspreis für Trump ist eine unverständliche Angelegenheit. Infantino biedert sich bei Trump an, weil er ihn braucht. Und er braucht Saudi-Arabien. Die Saudis haben seine Klub-WM mit einer Milliarde US-Dollar finanziert. Und sie richten die WM 2034 aus. Die Fifa ist abhängig vom Geld aus Saudi-Arabien.
Frage: Infantino war auch dabei, als auf Initiative von Trump in Scharm al-Scheich der Vertrag über eine Waffenruhe im Gazastreifen zwischen der Terror-Organisation Hamas und Israel unterzeichnet wurde. Was hat ein Fifa-Präsident da verloren?
Blatter: Nichts. Und wegen einer Reise mit Trump nach Saudi-Arabien zum Kronprinzen Mohammed bin Salman ist Infantino zu spät aus Riad zum Fifa-Kongress nach Paraguay gekommen und hat alle stundenlang warten lassen. Als Zeichen des Protestes haben die europäischen Mitglieder im Fifa-Rat zwar den Saal verlassen. Aber das war ein Schlag ins Leere. Denn das Stimmrecht liegt bei den 211 Verbänden, nicht beim Fifa-Rat. Die Verbände sind leider nicht aufgestanden, sie hatten nicht den Mut zu gehen.
Frage: Könnte hinter Infantinos großer Nähe zu Trump auch ein kluger Schachzug stecken: Durch den direkten Draht könnte er auf Trump einwirken, falls der im Zusammenhang mit der WM auf dumme Gedanken kommen sollte?
Blatter: Ich habe bis jetzt noch nicht ein einziges Mal gehört oder gelesen, dass Infantino Trump bei irgendeiner Gelegenheit gestoppt hätte, obwohl dessen Politik zum Himmel schreit.
Frage: Infantino besitzt neuerdings auch die libanesische Staatsbürgerschaft. Würde es Sie überraschen, wenn er 2034 ein paar WM-Spiele in den Libanon als Co-Gastgeber von Saudi-Arabien vergeben würde? Er hat dem Land schon den Bau eines Stadions für 20.000 bis 30.000 Zuschauer versprochen …
Blatter: Der Libanon hat 2000 die Asien-Meisterschaft ausgerichtet. Aber WM-Spiele kann ich mir hier nicht vorstellen. Seine Frau kommt aus dem Libanon, ich vermute, das ist der Grund.
Frage: Infantino plädiert für die Rückkehr des wegen des Ukraine-Krieges international geächteten Russlands in den Welt-Fußball. Ukraines Außenminister Andrij Sybiha bezeichnet ihn als „moralisch degeneriert“. Stimmen Sie ihm zu?
Blatter: Ich bin kein Richter. Meine Meinung zu Russland: Man sollte die Politik vom Sport, vom Fußball trennen. Wir können nicht jedes Land, das sich mit einem anderen im Krieg befindet, ausschließen, sonst dürfte nicht nur Russland betroffen sein. Und es gibt bereits mehrere Verbände, die russische Sportler teilnehmen lassen, etwa im Tennis oder in Kürze bei den Paralympischen Winterspielen in Italien.
Frage: Wie würden Sie Infantinos Führungsstil als Fifa-Präsident beschreiben?
Blatter: Er regiert wie ein Sonnenkönig. Ich habe aus der Fifa gehört, dass er nicht begrüßt werden will, wenn er in der Fifa-Zentrale auftaucht, was selten der Fall ist. Weil ihn irgendwann jemand mit „Bonjour, Monsieur Blatter“ angesprochen haben soll. Es darf auch niemand mit ihm im Lift fahren. Er schottet sich total ab. Aber der Fußball wird auch Infantino überleben.
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Frage: Sie selbst haben als Fifa-Präsident auch in der Kritik gestanden, gerade im Zusammenhang mit diversen Korruptionsskandalen Ihrer Kollegen im Fifa-Exekutivkomitee. Können Sie heute sagen, dass Infantino – wenn auch unfreiwillig – Ihr bester Image-Berater ist, weil er Sie im Vergleich geradezu als Ausbund an Anstand und Integrität erscheinen lässt?
Blatter: Vielen Dank für die Blumen, die ich gerne annehme (lacht). Aber es ist auch wahr: Ich habe ein reines Gewissen. Ich habe nie gegen meine Pflichten und das Gesetz verstoßen. Wenn ich irgendwann gen Himmel fahre und meinen Vater treffe, wird er sagen: Du hast zwei meiner drei Ratschläge befolgt. Erstens: Wir Blatters nehmen nur Geld an, das wir verdient haben. Zweitens: Wir Blatters bezahlen unsere Steuern. Nur an seinen dritten Rat habe ich mich nicht immer gehalten – leider: Leihe niemandem Geld, denn du bekommst es nicht zurück.
Frage: Die Fifa erwartet durch die WM 2026 eine Steigerung der Einnahmen um 200 Prozent im Vergleich zur WM 2022 in Katar: insgesamt rund drei Milliarden US-Dollar. Die teuren Tickets können sich nur Gutverdiener leisten, nicht der einfache Fan. Ist das noch die Fifa, für die Sie 40 Jahre „For the Good of the Game“ gearbeitet haben?
Blatter: Nein. Wer ist heute die Fifa? Sie besteht nur noch aus ihrem Präsidenten Infantino. Die Fifa ist eine Diktatur! Der Fifa-Rat mit fast 40 Personen hat nichts zu sagen. Zwischen mir und der Fifa besteht auch nur noch Kontakt über Rechtsanwälte. Strafrechtlich bin ich nie verurteilt worden, aber die Fifa versucht weiter, auf der arbeitsrechtlichen Ebene gegen mich vorzugehen, obwohl alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Das hat auch das Arbeitsgericht in Zürich in erster Instanz klar entschieden, die Fifa ist aber in Berufung gegangen. Mein Kampf geht also mit fast 90 Jahren weiter.
Frage: Mit welchem Ziel?
Blatter: Ich möchte auf dem Fifa-Kongress verabschiedet werden – ehrenhaft. Ich bin de jure nie zurückgetreten oder abgewählt worden, sondern habe mein Amt 2015 zur Verfügung gestellt. Mit einer ehrenhaften Verabschiedung wäre die Ära Blatter bei der Fifa endgültig vorbei.
Das Interview wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORT BILD) verfasst und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.
Source: welt.de