Timothée Chalamet verteidigt seinen Titel qua bester Kotzbrocken-Spieler welcher Welt
Like a rolling Tischtennisball: Im New York der Nachkriegsjahre kämpft ein junger Jude um seinen Traum. Diesmal heißt er nicht Bob Dylan, sondern Marty „Supreme“ Mauser. Die schönste Überraschung des Films ist aber nicht sein allgegenwärtiger Hauptdarsteller.
Timothée Chalamet spielt zum zweiten Mal ein junges Arschloch, das rücksichtslos seine Vision verwirklicht und dabei alle, die ihn lieben, ausbeutet, belügt und vor den Kopf stößt. Diesmal geht es allerdings nicht um ein globales, eine ganze Generation elektrisierendes Projekt wie die Neuerfindung der Rockmusik, das so ein Verhalten vielleicht noch eher rechtfertigt, sondern nur um Tischtennis in Amerika.
In den USA haben viele junge Menschen die Geschichte vom Kampf des „Pongiste“ (das französische Wort für Tischtennisspieler möchten wir unbedingt mitteilen) Marty Mauser um die Weltspitze und die Anerkennung seines Sports als inspirational story betrachtet, deren Botschaft „Du kannst alles schaffen, wenn du nur egozentrisch und rücksichtslos bist“ für sie offenbar etwas Anregendes hatte. Doch Menschen, die schon beim Chalamet-Film „A Complete Unknown“ dachten, dass sie so genau eigentlich gar nicht wissen wollten, was für ein Kotzbrocken Bob Dylan war, könnten auch mit dem Helden von „Marty Supreme“ Identifikationsprobleme bekommen. Am Ende des Films, wenn Marty gegen seinen Erzrivalen Endo (Koto Kawaguchi) antritt, wünscht man sich eigentlich nur deshalb nicht, dass der Japaner gewinnt, weil davon der Industrielle Milton Rockwell (gespielt vom echten Unternehmer und Fernsehshow-Investor Kevin O’Leary) profitieren würde, der nun wirklich noch unsympathischer ist als Marty Mauser.
Zu all diesen Schwierigkeiten mit der Menschlichkeit der Hauptfigur kommt noch die Tatsache, dass Tischtennis kein Sport ist, dessen epische Schlachten sich besonders gut im Film darstellen lassen. Mit viel Geschneide und Perspektivwechseln wird aufgepeppt, was eben nur begrenzt ästhetische Überwältigungskraft hat: Zwei Männer, die um einen Tisch rennen und einen kaum sichtbaren Ball hin und her schlagen. Wenn das nicht mehr hilft, gießt Regisseur Josh Safdie aufdringlich viel dicke Musiksoße drüber. Generell hat es wohl schon lange keinen Film mehr gegeben, bei dem Musik (ein Gemisch aus Synthesizerklängen und zeitgenössischem Sound der Fünfzigerjahre) so aufdringlich und oft als Überwältigungstrommelfeuer in nahezu jeder Szene eingesetzt wird.
Dabei könnte man doch eigentlich den Schauspielern vertrauen. Denn schlecht ist der Film trotz allem bisherigen Gemeckere hier auch nicht. Chalamet spielt Mauser mit mitreißender Wucht. Man kann geradezu aufatmen, dass sich dieser geniale Manipulator nur dem Tischtennis widmet – er hätte auch einen Kreuzzug entfachen oder eine Revolution anführen können.
Dies ist allerdings der weniger überraschende Teil. Dass Chalamet sehr gut sein kann, wusste man ja. Dass auch Gwyneth Paltrow gut sein kann, hatte man aber ein bisschen vergessen. So ist das vielleicht Wunderbarste das überraschende Comeback einer Schauspielerin, die seit einiger Ewigkeit nur noch als Wellness-Guru von sich reden gemacht hat und von der man dachte, sie sei in ihrer kompletten Selbst-Gwyneth-Paltrowisierung dem Kino verloren gegangen. Hier spielt sie die reich verheiratete Ex-Kino-Diva Kay Stone (Grace Kelly stand ein bisschen Modell), die ein Verhältnis mit Marty anfängt – der sie hemmungslos anpumpt und bestiehlt. Die Szene, in der die beiden nachts beim Vögeln im Park von der Polizei erwischt werden, ist ein komischer Höhepunkt.
Überhaupt gilt: Je weiter sich der Film von der Tischtennisplatte entfernt, desto besser wird er. Gut sind die Szenen über das oft allzu enge familiäre Zusammenleben in der jüdischen Community New Yorks der Fünfzigerjahre. So ein bisschen Dark Woody Allen. Martys Mutter (Fran Drescher) ist eine Hypochonderin, die ihn emotional erpresst; seine verheiratete Cousine schwängert er; sein Onkel will ihn mit allerlei fiesen Tricks als Schuhverkäufer in seinem Geschäft halten.
Martys Partner an der Tischtennisplatte ist der gebürtige Pole Bela, ein Auschwitz-Überlebender. Der Holocaust hat in vielerlei Hinsicht auch die Menschen in der sicheren New Yorker Diaspora berührt. Es ist kein Zufall, dass sich Safdie und sein Co-Drehbuchautor Ronald Bronstein dafür entschieden haben, dem vage vom realen Pingpongspieler Marty Reiser inspirierten Helden den Namen Mauser zu geben. Seit Art Spiegelmans epochalem Post-Holocaust-Comic „Maus“ ist der Name eine Chiffre. Auch darin ähnelt „Marty Supreme“ jetzt „A Complete Unknown“: Beide erzählen von jüdischer Identitätsfindung in einer Nachkriegsgeneration, die bewältigen muss, dass versucht wurde, ihresgleichen auf einem ganzen Kontinent auszulöschen.
Besonders spannend und unterhaltsam wird es, wenn sich die Welt des jüdischen New York mit der Halbwelt der Kneipen, in denen auch schon mal viel Geld auf Tischtennisspieler gewettet wird, und des echten Gangstertums überschneidet. Diese Konfrontation beschert dem Film auch eine überraschende Sequenz, die in ihrer Mischung aus Gewalt und grotesker Komik an die frühen Werke der Coen-Brüder erinnert. Man hätte eigentlich ahnen können, dass ein ungepflegter alter Mann, der von Abel Ferrara (dem König des New Yorker Experimental-Gangsterfilms) gespielt wird und hohe Bargeldbeträge in einer Reisetasche mit sich herumträgt, nicht einfach nur ein in Hunde vernarrter Opa ist, sondern jederzeit die Pforten der Hölle öffnen kann.
Source: welt.de