„Deutsche Gesetze nach sich ziehen mich verdorben“ – Bürgergeld-Empfängerin gesteht in TV-Show Betrug

Schätzungen zufolge arbeiten 500.000 Bürgergeld-Bezieher schwarz. Eine von ihnen erzählt in einer TV-Doku, wie sie den Staat betrügt – und warum sie sich nicht dafür schämt.

Sie bezieht Bürgergeld – und arbeitet zusätzlich schwarz. Und das offenbar seit Jahren, ohne dass jemand bei den Ämtern misstrauisch geworden ist. „Ich habe ein schlechtes Gewissen gehabt, aber das war vor Jahren“, erzählt die ältere Frau, die Anna genannt wird und verfremdet wurde. Damals habe sie noch geglaubt, „dass nur Menschen, die’s nötig haben, Bürgergeld beziehen“, sagt die Frau bei einem Spaziergang mit einem großen Hund.

Als der Reporter Paul Ronzheimer die Sozialbetrügerin damit konfrontiert, dass die Leistungen für Menschen gedacht sind, die sie dringend benötigen, kontert sie scharf: „Bist du so naiv oder tust du nur so?“

Das ist nur eine Szene aus der fünfteiligen Sat.1-Dokumentation „Wie geht’s, Deutschland?“, in der der „Bild“-Reporter auf Spurensuche zu den sozialen Themen geht, die zurzeit die Gesellschaft besonders beschäftigen. Fünf Folgen sind geplant; in der ersten ging es um das Bürgergeld, das die schwarz-rote Koalition reformieren wollen. Denn die Bürgergeldkosten haben im Jahr 2025 mit rund 41,5 Milliarden Euro einen neuen Höchststand erreicht. Kritiker warnen seit Langem vor dem Leistungsmissbrauch. 2,9 Millionen Bedarfsgemeinschaften erhalten nach Angaben von „Bild“ durchschnittlich rund 1623 Euro monatlich. Das umfasst den Regelsatz von 563 Euro für Alleinstehende oder 506 Euro für Paare sowie Unterkunftskosten.

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Nach ihren Angaben erhält die Frau, mit der Paul Ronzheimer spricht, monatlich den Regelsatz sowie die komplette Übernahme ihrer Wohn- und Nebenkosten – zusammen rund 1260 Euro. Über die Einnahmen aus ihrer Schwarzarbeit sagt sie: „Das sind ungefähr 300 Euro die Woche.“ Auf Ronzheimers Rechnung, dass sie so auf mehr als 2400 Euro netto im Monat komme, antwortet sie knapp: „Korrekt.“

Dann erklärt die Frau, die 1988 im Alter von 25 Jahren als Spätaussiedlerin aus Polen die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten habe, dass sie „wirklich“ viele Jahre in Deutschland gearbeitet habe und es „nicht immer leicht“ gewesen sei. Irgendwann habe sie dann verstanden, dass sie genauso viel bekomme wie jene Leute, die relativ kurze Zeit in Deutschland lebten, nie gearbeitet hätten – und auch nie arbeiten würden. Warum also solle sie dann noch arbeiten gehen?

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Als Ronzheimer Anna mit ihrem bewussten Betrug konfrontiert, erklärt sie: „Ja, ich bin Betrügerin, aber ich schäme mich nicht mehr.“ Sie könne vom Bürgergeld allein nie überleben, aber wenn sie normal arbeiten ginge, bliebe ihr genauso viel wie im Bürgergeld. Eine legale Vollzeitstelle sei deshalb keine Alternative: „Ich bin nicht in der Lage, so viel zu verdienen, wenn ich Vollzeit arbeite.“ Zugleich sagt sie: „Ich bin eigentlich ein korrekter Mensch, aber die deutschen Gesetze haben mich verdorben.“ Denn Geld vom Staat zu bekommen, so etwas habe sie nicht gekannt.

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Auch mögliche strafrechtliche Konsequenzen bewertet sie gelassen. Sie arbeite an einer Stelle „schon fast 15 Jahre“, „es gab nicht eine einzige Kontrolle“. Sie glaube nicht, dass ihr jemand auf die Spur kommen könne. Sie gebe das Geld ja sofort wieder aus – einen Nachweis darüber, dass sie überhaupt welches bekommen habe, gebe es also gar nicht.

Der Sender verweist auf Schätzungen, wonach bundesweit rund 500.000 Bürgergeldempfänger zusätzlich schwarz arbeiten könnten. Der dadurch entstehende wirtschaftliche Schaden gehe in die Milliarden. Manche der Bürgergeldempfänger, die Ronzheimer spricht, hätten sich jedoch auch mit der Unterstützung eingerichtet – und zwar ganz bewusst.

Wie etwa der 25-jährige Yannis aus Hannover. Als Ronzheimer ihn trifft, trägt er ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Arbeitsloser des Jahres“ – als sei er stolz darauf, keinen Job zu haben. „Wenn alle sagen: ,Du bist ein Sozialschmarotzer, du liegst dem Staat auf der Tasche‘, macht das gar nichts mit dir?“, fragt Ronzheimer den jungen Mann. – „Nee, eigentlich nicht“, antwortet Yannis: „Ist mir relativ egal eigentlich.“

kami

Source: welt.de