China | China-Reise: Kanzler Friedrich Merz lässt verknüpfen Termin vorzeitig plumpsen
In der sich entwickelnden neuen Weltordnung braucht Deutschland einen pragmatischen China-Kurs und ein realistisches China-Bild. Deutsche Wissenschaftler, die in der Volksrepublik arbeiten, wollten dazu beitragen, waren aber nicht gefragt
Seit Jahrzehnten fehlt es in Deutschland an Investitionen in mehr China-Kompetenz
Foto: Michael Kappeler/ picture alliance/dpa
Gegenüber China hat die bisherige Amtszeit von Kanzler Merz Fremdheit und Distanz geprägt. Betrachtet er doch die Weltmacht in Asien primär als Problem. Mit der Ernennung von Johann Wadephul zum Außenminister hat er, zumindest was diplomatisches Geschick anbelangt, den Bock zum Gärtner gemacht. Der gegenüber China angerichtete Flurschaden steht den Peinlichkeiten der grünen Vorgängerin in nichts nach
Beachtliches Handelsvolumen
In seiner Rede zum Körber Global Leaders Dialogue sprach Merz vor einem Jahr von der „Ära eines neuen Systemkonflikts zwischen liberalen Demokratien auf der einen Seite und antiliberalen Autokratien“ auf der anderen, was vor allem China und Russland galt. Merz sah eine Achse der Autokratien, die „in allen Regionen der Welt destabilisierenden Einfluss nimmt“. Was Peking angeht, scheint der Vorwurf abwegig, da von den deutsch-chinesischen Beziehungen wohl eher eine stabilisierende Wirkung ausgeht. 2025 erreichte der bilaterale Handel ein Volumen von über 250 Milliarden Euro, das Ergebnis wirtschaftlicher Kompetenz und jahrzehntelanger Kooperation.
Dies sollte den Blick für eine dem zugrunde liegende Wertschöpfung schärfen, die sich zusehends nach China verlagert. Unternehmen wie Bayer investieren dort nach der Maxime: „German Quality Made in China“. Wenn Merz trotzdem auf das Mantra „De-Risking“ setzt, kollidiert das mit Interessen wichtiger Akteure der deutschen Wirtschaft, aber verkörpert den Konflikt weiter Teile der deutschen Politik mit der Realität. Angesichts einer neuen Weltordnung werden dadurch eigene Chancen im Verhältnis zu China verspielt.
Lehrender wird Lernender
Eine Gelegenheit, dem vorzubeugen, hat der Kanzler im Vorfeld seines Besuches ausgeschlagen. Eine Begegnung mit deutschen Wissenschaftlern, die lange Jahre in China leben und arbeiten, wurde aus Zeitmangel abgesagt. Es sollte darum gehen, die Existenz dieser gebündelten Kompetenz als Ressource zu begreifen. „Zeitmangel“ ist ein Synonym für „andere Prioritäten“.
Die ursprünglich für ein solches Treffen vorgesehenen Akademiker sind über das ganze Land verstreut, echte Graswurzeln im Boden der Wirklichkeit. Die Initiative, um wertvolle Kontakte zu bündeln und nutzbar zu machen, war ein Angebot an Entscheider in Deutschland gerade jetzt.
Derzeit verändern sich in China Forschung und Technologie so dynamisch und produktiv, dass Deutschland aus der Position eines Vorbilds in die eines Lernenden finden muss. Ohne intime Kenntnis des Wissenschaftsstandorts China ist das nicht möglich. Dabei vertreten deutsche Wissenschaftler weder Spezialinteressen, noch handeln sie im Auftrag chinesischer Arbeitgeber. Das verleiht ihrer Integrität und Seriosität einen besonderen Wert, der damit verbundene Mut wartet auf Anerkennung.
Universität Bielefeld als Ausnahme
Seit Jahrzehnten fehlt es in Deutschland an Investitionen in mehr China-Kompetenz, um einem Land gerecht zu werden, das selbst ein Ergebnis jahrzehntelangen Lernens von anderen ist, besonders von Deutschland. Will man nicht sehen, was aus unseren Vorleistungen wurde? Leider liegt Deutschland weit hinter anderen Ländern zurück. Die USA, Großbritannien und Frankreich unterhalten eigene Infrastrukturen von Hochschulen in China.
Initiativen für ein derart aktives Wissensmanagement werden seit der Regierung von Gerhard Schröder (1998 – 2005) durchweg marginalisiert oder verwässert, sodass sie keine praktische Wirksamkeit entfalten. Eine Ausnahme bildet die Hochschulgründung der Uni Bielefeld auf Hainan, die zunächst aus ideologischen Gründen fast zerstört wurde.
Gerade die Akademiker vor Ort erkennen, was machbar und sinnvoll ist – wer sonst? Sie wissen, Chinas Bürokratie ist eine Herausforderung, wissenschaftliche Kooperationsprojekte müssen funktionieren können. Sie beklagen, dass Austauschprogramme unterentwickelt sind. Man wünscht sich einen deutschen Bundeskanzler in China, der sich auch für die Probleme dieser Landsleute interessiert.
Misstrauen wird kultiviert
So bleibt als Fazit: Deutschlands Bildungskompetenz bleibt zu einem Zeitpunkt nahezu wirkungslos, da Themen wie ganzheitliche Bildung, duale Ausbildung, integrierte Wissenschaft oder sozial nachhaltige Technologien in China immer wichtiger werden.
Stattdessen kultiviert man das Misstrauen gegen Chinas künftige Elite, wenn mehrere Hundert chinesische Doktoranden, Postdocs und Forscher auf ihr Visum warten, die Anträge fünf bis sechs Monate „vorsichtig und sorgfältig geprüft“ werden. Wenn Kanzler Merz für ein paar Stunden auf ausgetretenen Pfaden zwei Vorzeigestädte besucht, ist das Ausdruck deutscher Interessen von gestern und eines China-Bildes von vorgestern.
Ole Döring ist Professor an der Hunan Normal University in Changsha