Showdown in Manila – Der Diktator floh mit 717 Millionen Dollar Bargeld
Nach 21 Jahren Herrschaft fegten friedliche Proteste im Februar 1986 das Regime des Marcos-Clans über die Philippinen hinweg. In Erinnerung bleibt die ungeheure Selbstbereicherung des Machthabers und seiner Frau Imelda. Sie besaß mindestens 1006 Paar Schuhe, wahrscheinlich mehr.
Der Jubel kam zu früh. Am Montag, dem 24. Februar 1986 morgens gegen sieben Uhr Ortszeit hatte der Generalstabschef der philippinischen Armee Fidel Ramos auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz verkündet: „Das Volk hat gesiegt. Das Regime Marcos ist gestürzt. Wir sind die Sieger.“
Auf großen Straßen der Hauptstadt Manila brach Feierstimmung aus. Zwei Jahrzehnte lang, den größeren Teil als Diktator, hatte Ferdinand Marcos die Philippinen beherrscht. Seit Wochen schon taumelte seine Macht dem Ende entgegen. Daher löste die Nachricht Erleichterung aus: Wildfremde Menschen fielen einander in die Arme, lachten und weinten zugleich, tanzten vor Freude. „We won, we won“, skandierten viele, andere sanken auf die Knie und beteten – als Dank.
Doch der Freudentaumel an diesem Montagmorgen währte nicht lange. Kaum eine halbe Stunde nach der Bekanntgabe durch Ramos musste dessen wichtigster Verbündeter, Verteidigungsminister Juan Ponce Enrile, dementieren. In einer über einen katholischen, also unabhängigen Rundfunksender ausgestrahlten Erklärung teilte er mit, Marcos und seine Familie hielten sich immer noch im Malacañan-Palast auf, der offiziellen Residenz des Präsidenten.
Die Falschinformation, der Diktator habe sich einschließlich seiner Verwandtschaft auf den US-Militärstützpunkt Guam abgesetzt, hatten Angehörige der philippinischen Luftwaffe an Ramos und Enrile weitergegeben. Tatsächlich jedoch warteten lediglich auf dem Luftwaffenstützpunkt Villamor zwei Maschinen abflugbereit, falls sich Marcos absetzen wollen sollte.
Stattdessen trat um 9.15 Uhr der 68-jährige Gewaltherrscher im Malacañan selbst vor die – ausschließlich internationale – Presse; seine Rede wurde landesweit im Fernsehprogramm übertragen. Um das Gerücht über seine Flucht zu widerlegen, traten seine Frau Imelda sowie Kinder und Enkelkinder mit auf. Während Marcos den „nationalen Notstand“ verkündete und den beiden Abtrünnigen Juan Ponce Enrile und Fidel Ramos „schärfste Konsequenzen“ androhte, saß die First Lady sichtlich nervös neben ihm und beschäftigte die Enkelkinder.
„Wir haben die Situation völlig unter Kontrolle“, verkündete Marcos – doch jeder Reporter wusste, dass es sich um eine Lüge handelte. Denn alle kannten die Stimmung auf Manilas Straßen. Die Sorge war, dass die verbliebenen Anhänger des Machthabers zur Gewalt greifen könnten – was zehntausende zivile Opfer fordern könnte.
Dann, ziemlich genau um 9.54 Uhr, wurde die landesweit ausgestrahlte Pressekonferenz unterbrochen. Rund hundert rebellierenden Soldaten hatten den Sender gestürmt und den Widerstand der dort verschanzten Marcos-loyalen Soldaten gebrochen. Zwar waren einige Schüsse gefallen, doch Schwerverletzte oder gar Tote gab es nicht.
Die folgenden Stunden lang blieb Situation höchst angespannt. Am späten Montagnachmittag griffen Kampfhubschrauber einer rebellierenden Einheit der Armee den Flugplatz Villamor an und zerstörten die bereitstehenden Flugzeuge des Präsidenten. Ihre Besatzungen waren zuvor per Funk angewiesen worden, sich von den Maschinen zu entfernen. So gab es bei der Attacke keine Opfer.
Daraufhin wechselten wohl die meisten Offiziere der Armee die Seiten und schlossen sich Ramos und Enrile an. Marcos beorderte nun Truppen der 5. Infanteriedivision in die Hauptstadt, um den Aufstand gewaltsam zu beenden. Etwa 115 Kilometer hätten die Soldaten dafür vorrücken müssen.
Doch schon nach einem Sechstel davon war Ende. Denn rund 20.000 Zivilisten blockierten den Weg nach Manila, indem sie sich auf die Bamban-Brücke über den Fluss Parua setzten. Höchstens mit schweren Panzern hätten die regimetreuen Soldaten durchbrechen können – doch das traute sich kein Offizier zu befehlen.
Der WELT-Korrespondent für Ostasien, Jochen Hehn, berichtete über seine Eindrücke: „Die Szenerie gleicht gespenstisch jenen letzten Tagen von Adolf Hitler, als dieser sich mit einigen wenigen Getreuen im Bunker der Reichskanzlei vor den in Berlin einrückenden Truppen der Sowjetarmee verschanzte. Wie Hitler, der abgeschnitten von seinen Truppen und der Außenwelt, in einem letzten Verzweiflungsakt versuchte, das Schicksal doch noch zu wenden, hat sich auch Staatspräsident Ferdinand Marcos bis zum bitteren Ende im Malacañan-Palast inmitten der philippinischen Hauptstadt Manila eingeigelt.“
Am Vormittag dieses Dienstages wurde Corazon Aquino in einer schlichten Zeremonie als Präsidentin der Philippinen vereidigt. Sie hatte nach übereinstimmender Meinung internationaler Beobachter die Wahl am 7. Februar 1986 gewonnen – doch die offizielle Wahlkommission erklärte trotzdem Marcos zum Sieger. Jetzt wagte die Witwe des 1983 wohl auf Befehl des Diktators hin ermordeten Oppositionspolitikers Benigno Aquino den offenen Bruch.
Eine Stunde später ließ auch Marcos sich in seiner Residenz offiziell für eine weitere Amtszeit einschwören. Regimetreue Bürger nahmen an der Zeremonie teil und riefen: „Marcos, Marcos, Marcos pa rin!“ (auf Deutsch: „Marcos, Marcos, immer noch Marcos!“) Auf dem Balkon des Palastes hielt Marcos eine (letzte) Rede, die live auf zwei TV-Kanälen übertragen wurde, die immer noch unter Kontrolle seiner Anhänger standen.
Da hatte er schon das erste von zwei Telefonaten mit dem US-Senator Paul Laxalt hinter sich, einem Vertrauten von Ronald Reagan. Marcos lehnte den von Washington D.C. vorgeschlagenen Amtsverzicht ab, der mit dem Angebot eines sicheren Exils verbunden war. Mindestens 85 Prozent der Armee stünden noch hinter ihm, behauptete der Diktator.
Laxalt informierte Reagan und seinen Außenminister George Shultz über dieses Gespräch und bekam den Auftrag, dem philippinischen Machthaber das gleiche Angebot ein weiteres – und letztes – Mal zu übermitteln. Als der Senator diese Botschaft in einem zweiten Telefongespräch weitergab, erkannte Marcos endlich die Ausweglosigkeit.
Einige Stunden später verließen rund tausend philippinische Marineinfanteristen, so etwas wie die persönliche Schutztruppe des Diktators, den Malacañan-Palast. Am Nachmittag sprach Marcos mit Verteidigungsminister Enrile und bat um freies Geleit für sich, seine Familie und einige enge Verbündete. Gegen Mitternacht holten mehrere US-Hubschrauber seine Entourage und ihn in der Residenz ab und brachte sie zum US-Stützpunkt Clark, 83 Kilometer nördlich von Manila. Von hier aus ging es umgehend mit Transportmaschinen nach Guam und weiter nach Hawaii, wo die Flugzeuge am 26. Februar eintrafen.
Die Familie Marcos hatte riesige Schätze bei sich. Nach eigenen Angaben konnte die Journalistin Caroline Kennedy eine entsprechende Liste der US-Behörden einsehen. Demnach soll es sich um 22 Kisten mit Bargeld im Wert von 717 Millionen Dollar gehandelt haben, ferner um rund 300 Schachteln voller Schmuck und Perlen sowie um Belege über die Einzahlung von weiteren 124 Millionen Dollar bei Banken in den USA, der Schweiz und auf den Caymaninseln. Nicht mitnehmen konnte Imelda Marcos ihre enorme Schuhsammlung. Sie selbst behauptete, es habe sich um exakt 1006 Paar gehandelt; nach anderen Informationen könnten es auch fast 3000 Paar gewesen sein.
Corazon Aquino amtierte bis 1992 als Präsidentin und übergab dann ihr Amt, das sie erfolgreich gegen mehrere Putschversuche verteidigt hatte, an Fidel Ramos. Auch er absolvierte verfassungsgemäß eine sechsjährige Amtszeit. Die Angaben über die Todesopfer der Revolution schwanken zwischen 16 und wenigen Dutzend, sodass es angemessen ist, den Sturz des Diktators als im Wesentlichen friedlich zu beschreiben.
Ferdinand Marcos starb am 28. September 1989 im Exil auf Hawaii. Beigesetzt wurde er aber erst 2016 in der offiziellen Grablege aller philippinischen Präsidenten in Manila.
Die frühere Schönheitskönigin Imelda Marcos kehrte 1991 auf die Philippinen zurück und wurde Abgeordnete; den 40. Jahrestag der Revolution 1986 erlebt sie im Alter von 96 Jahren. Ihr einziger Sohn Ferdinand Marcos Junior ist seit 2022 gewählter Präsident; entscheidend wird sein, ob er 2028 das Ende seiner Amtszeit akzeptieren wird – eine Wiederwahl schließt die Verfassung aus.
Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.
Source: welt.de