Franz Xaver Kroetz feiert 80. Geburtstag: Der geniale Schimmerlos






Franz Xaver Kroetz feiert seinen 80. Geburtstag – ein Rückblick auf das Leben und die Karriere von „Baby Schimmerlos“.

Kann sein, dass er feiert. Kann aber auch nicht sein. So genau weiß man das nie bei Franz Xaver Kroetz. Der Dichter, Schauspieler und Dramatiker wird am 25. Februar 80 Jahre alt. Gibt es einen besseren Anlass zum Feiern?



Dafür spricht, dass er jeden Tag auf seine Art ein bisschen feiert, denn „ich trinke leidenschaftlich gern. Ich kann ohne eine halbe Flasche Rotwein am Tag nicht sein“, verriet er in einem Interview mit der „Augsburger Allgemeinen“. Dagegen spricht, dass ihm Feierlichkeiten eigentlich „am Arsch vorbeigehen“.

So ist er eben, der Kroetz. Und ob man seine Stücke mag oder nicht: Er hat eine fulminante Unterhaltungskraft. Wo andere um den heißen Brei reden, sagt er, was Sache ist, ohne Rücksicht auf Widersprüche und sonstige Verluste. Solche Typen sind sehr, sehr selten geworden.


Mit zwölf hat er angefangen zu schreiben

Diese unberechenbare Fulminanz, die immer etwas Explosives hat, ist nicht nur das künstlerische Ausrufezeichen in seinem Leben. Sie ist Teil seines Wesens, von Anfang an. Mit zwölf hat er zuhause in München angefangen mit dem Schreiben, kleine Gedichte, eine Zeitung über das Familienleben, solche Sachen.

Mit 15 geht er von der Schule ab, besucht die Neue Münchner Schauspielschule und wechselt zum Max Reinhardt Seminar nach Wien. „Ich war die Sensation, hab zwei Semester übersprungen, was keine Kunst war, ich hatte ja schon zwei Jahre in München. Nach einem Jahr als Genie bin ich rausgeflogen. Zum einen, weil ich eine faule Sau war und nicht mehr mitgekommen bin, zum anderen habe ich in der Regieklasse einem Professor Watschn angedroht,“ sagte er dem „Süddeutsche Zeitung Magazin“.




Es folgen etliche Gelegenheitsjobs als Lagerarbeiter, Bananenabschneider in der Großmarkthalle, Kraftfahrer, einmal ist er ein paar Wochen Pfleger in einer Nervenheilanstalt. Und natürlich schreibt er unentwegt Theaterstücke.


Ab 1967 spielen kleinere Bühnen Kroetz-Dramen, darunter „Julius Cäsar (Bearbeitung nach Shakespeare)“ am Münchner Büchner-Theater sowie 1969 „Hilfe, ich werde geheiratet“ an der Ludwig-Thoma-Bühne in Rottach-Egern, wo er auch als Schauspieler und Regisseur arbeitet.

Der gefeierte Dramatiker

Dann geht es Schlag auf Schlag: „Wildwechsel“ (Städtische Bühnen Dortmund), „Heimarbeit“ (Münchner Kammerspiele), „Hartnäckig“ (Münchner Kammerspiele), „Das Nest“ (Modernes Theater München), „Bauernsterben“ (Münchner Kammerspiele), „Der Dichter als Schwein“ (Düsseldorfer Schauspielhaus).





Er schreibt nicht nur Gesellschaftsdramen über Menschen, die an ihrer sozialen Situation verzweifeln, sondern auch karge, aufwühlende Volksstücke, die stets abseits der weißblauen Idylle spielen, wie „Stallerhof“, das am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt wird.Bis 2007 hat er 61 Theaterstücke verfasst, die zur Aufführung kommen, mit den unveröffentlichten dürften es wesentlich mehr sein. Damit ist Franz Xaver Kroetz zeitweise der meistgespielte deutsche Dramatiker.

Er ist ein politischer Autor, kein Sozialromantiker, sondern ein bayerischer Kommunist. Er denkt, dass Literatur einen praktischen Nutzen haben soll, nicht nur einen ästhetischen. Er will die Welt verändern – und tritt der DKP bei, für die er bei den Bundestagswahlen 1972 und 1976 kandidiert. Er hat sich einen dicken Mercedes 450 gekauft, damit fährt er zum Parteitag. Den Genossen fallen die Augen aus dem Kopf. 1980 ist wieder Schluss mit den Kommunisten. Das hätte auch nicht so gut gepasst zur nächsten Kroetz-Kapriole als Autor der „Bild“-Zeitung.

Der ideale Baby Schimmerlos

Mercedes, Maßanzüge und immer einen ziemlich ätzenden Spruch auf den Lippen – der Kroetz gibt einen Autor wie aus dem Film. Natürlich trägt ihn dabei seine Schauspielerausbildung, und wenn er sich selbst spielt, ist er einfach genial.





Das hat auch der Kult-Regisseur Helmut Dietl (1944-2015) erkannt, der für seine TV-Serie „Kir Royal“ immer noch den Hauptdarsteller sucht, nachdem sein Kandidat Nikolaus Paryla (86) nicht gepasst hat. Da sieht er Kroetz. Der ideale Baby Schimmerlos, der unverwüstliche Klatschreporter seiner Serie. Er hat einen kongenialen Partner gefunden.

Kroetz erinnert sich im „SZ-Magazin“: „Am dritten Drehtag kam der Helmut und meinte, du bist zu hart, du musst ein bisschen weicher werden, so wie der Helmut Fischer, und ich hab gesagt, willst du noch mal umbesetzen? Ich spiel es so, wie ich es mag. Ich kann sowieso nur mich spielen. Damit war’s gegessen.“

Seine große Liebe

Er sagt, er habe es genossen, dass das Land bei der Ausstrahlung dieser grandiosen Serie aufgehorcht und gesehen habe, ach der Kroetz, schau an! Er habe sich dann eingebildet, dass er auch leben könne wie Baby Schimmerlos. „Ich war in einem glitzernden Fahrwasser drin, mit meiner wunderschönen Frau, Tochter von Maria Schell.“





Kroetz und die Frauen. Sie mögen ihn, sein bayerisches Knurren, seinen spontanen Witz, die Unberechenbarkeit. Marie Theres Relin (59), die Tochter von Maria Schell (1926-2005) und Nichte von Maximilian Schell (1930-2014), hat er 1987 bei einer Podiumsdiskussion in München kennengelernt. Das Thema: „Ist die Liebe noch zu retten?“ Kroetz ist einer der Experten. In der Pause schnorrt er bei der Schell-Tochter und Schauspielerin eine Zigarette. So fängt alles an.

Es ist die große Liebe, 1988 kommt Tochter Josephine zur Welt, Heirat 1992, zwei weitere Kinder werden geboren. Nach fast 20 Jahren die Trennung, 2006 schreibt die mittlerweile erwachsene Josephine, auch sie Schauspielerin und Autorin, von einer „glücklichen Scheidung“. Man ist freundschaftlich verbunden, womöglich auch in Liebe.

Aus einer früheren Beziehung mit der Theaterintendantin Uta Emmer (1937-2023) hat er Sohn David (geb. 1975). Er lebt jetzt im Einfamilienhaus seiner verstorbenen Eltern in beschaulichen Münchner Stadtteil Obermenzing, geplagt von Schreibhemmungen und Selbstzweifel. Obwohl er 2008 in Joseph Vilsmaiers „Die Geschichte vom Brandner Kaspar“ einen großartigen Auftritt als Hauptdarsteller hat, sagt er: „Die Schauspielerei geht mir am Arsch vorbei, das ist ein Deppenjob. Du ziehst Klamotten an, die jemand anderer bestimmt, du sagst einen Text, den jemand anderer geschrieben hat, du mimst eine Stimmung, die ein anderer vorschreibt.“


„Das meiste ist ein Schmarrn“

Er bezeichnet sich als „Schreibinvaliden“, der Beruf des Schriftstellers sei bei ihm „nur noch eine Verhaltensstörung, ein grausliches, tödliches Hobby, weil ich mich dabei zerfresse.“ Er sei nie sicher gewesen, „ob ich das letzte Arschloch bin oder zu Shakespeare gehöre“.

Eventuell aufkommende Altersmilde bekämpft er „mit so viel Bitterkeit“ oder bayerischer Angriffslust: „Es kann vorkommen, dass ich zu meinem Sohn sage, hey Ferdi, du Arschloch, komm her. Das ist unser Luther-Schimpfwort-Bairisch, unterfüttert mit einem barocken Lebensgefühl und einer großen Herzlichkeit. Das habe ich immer geliebt.“

Er schreibt jeden Tag. Gedichte, seit Jahren an einem neuen Stück, „das meiste ist ein Schmarrn“. Keine Memoiren, die hat er nach drei Jahren weggeworfen. Jetzt schreibt er nur noch für sich. Nur noch Kür, keine Pflicht, denn er hat ja eine gute Rente.

Wünsche? „Dass ich einen Dachdecker für meine Jagdhütte finde. Dann, dass mein operiertes künstliches Knie hält. Und, für mich sehr, sehr wichtig, dass ich weiterhin das Trinken vertrage“, wie er der „Augsburger Allgemeinen“ verriet.

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Source: stern.de