Ostdeutsche Allgemeine Zeitung: Das ist was auch immer von jener Meinungsfreiheit matt

Die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung kritisiert die Medienwelt und porträtiert zugleich AfD-Politiker Chrupalla als netten Malermeister von nebenan. Ist das der neue ostdeutsche Diskurs oder Polarisierungsstrategie? Eine Analyse


Schneiden oder vereinen? Die Erstausgabe der neuen Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung

Foto: picture alliance / epd-bild / Matthias Rietschel


Vor Kurzem hat Holger Friedrich, der Verleger der frisch gegründeten Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung, erzählt, er habe sich einmal mit AfD-Spitzenpolitikern hingesetzt, weil er „einfach neugierig“ gewesen sei. Er habe wissen wollen: „Sind sie die Monster?“ Und sein Fazit habe gelautet, nein, das seien sie nicht, sondern „ganz vernünftige Typen“. Sie hätten nur „mitunter ein etwas schwieriges Weltbild“.

Als vergangene Woche nun die erste Ausgabe der neuen Zeitung am Kiosk lag, fand sich darin ein zweiseitiges Porträt des AfD-Co-Vorsitzenden Tino Chrupalla. Und es las sich, als würden Friedrichs Eindrücke verdoppelt. Chrupalla wurde vorgestellt als der „Mann hinter den Zuschreibungen“. Fotos zeigen ihn mit Hund, mit Simson-Maschine und mit einem Fan. Der Text stellt einen netten Kerl und fleißigen Jedermann aus Weißwasser vor.

Nur das „mitunter etwas schwierige Weltbild“, wie es Friedrich nannte, taucht im Text quasi nicht auf. Dass Chrupallas AfD nicht irgendeine sozialdemokratische Partei ist: Auf einen solchen Gedanken würde man kaum kommen, wenn man von ihm lediglich das wüsste, was in diesem Porträt steht.

Gewollte Polarisierung

Es war vorhersehbar, dass die Art des Zugangs zur Welt und zu ihren Themen, den die Ostdeutsche Allgemeine in ihrer Premierenausgabe wählt, Zustimmung und massiven Widerspruch auslösen würde. Das war sicher auch nicht anders gewollt.

Die erste Ausgabe ist die, von der man sich ausrechnen kann, dass sie große Beachtung finden wird. Die muss die Zielgruppe umschmeicheln, damit sie auch beim nächsten Mal wieder kauft. Und die Medien derer, die sie eh nicht kaufen, können sich auch gern an ihr reiben.

Irritierend ist das Chrupalla-Porträt trotzdem, gerade weil die Ostdeutsche Allgemeine sich ansonsten zugutehält, explizit medienkritisch zu sein. In derselben Ausgabe wird vom Parlamentsreporter (der zuvor unter anderem für den Propagandakanal RT Deutsch gearbeitet hat, der eines gewiss nicht war: kritisch gegenüber Russland) die Mehrheit der die Bundespressekonferenz besuchenden Journalisten der unkritischen Berichterstattung geziehen.

Mit zum Teil bissigen Formulierungen arbeitet sich die Zeitung an „medialem Unfug“ oder an einer „saturierten Medienelite“ ab. Allerdings scheint es dabei nicht um eine substanzielle Journalismuskritik zu gehen, die man zur Not erklären könnte. Sondern darum, ob sie aus dem imaginierten „Westen“ oder dem nach eigenen Maßstäben verallgemeinerten „Osten“ kommt.

„So gut wie nichts über Rechtsextremismus“

Die Kritik der Zeit etwa an der Erstausgabe der Ostdeutschen Allgemeinen wird in der zweiten Ausgabe auf Seite 1 von Chefredakteur Dorian Baganz (der vom Freitag kam) abgebügelt mit dem Hinweis, es handle sich um Beißreflexe aus einer „Schar von Mitbewerbern in den westdeutschen Redaktionsstuben“. Dabei kam die Besprechung, die online bei der Zeit erschien, von einem Journalisten, der in Frankfurt an der Oder aufgewachsen ist und im Blick zurück auf seine Kindheit und Jugend den Begriff „Baseballschlägerjahre“ geprägt hat.

Er hatte kritisiert, die Ostdeutsche Allgemeine würde in der Erstausgabe „rechtslibertäre Stangenware“ anbieten, den „Ostkomplex“ bewirtschaften und „so gut wie nichts“ über den „Rechtsextremismus im Osten“ schreiben.

Darüber kann man sich auf Seite 1 natürlich ärgern und behaupten, das habe mit dem Blatt, „das wir machen“, einfach „nichts zu tun“. Aber na ja: hat es halt doch.

Chrupalla auch in der OAZ ein Malermeister

Auf der ersten Titelseite geht es um die vermeintliche staatliche Denkerziehung, was nun einmal eine seit Jahren hängende Schallplatte von libertären bis knackrechten Medien ist. Verleger Friedrichs pflegt nach außen ein gewisses „Ihr Wessis“-Syndrom, zuletzt im Bühnengespräch mit Freitag-Verleger Jakob Augstein.

Da beklagte er, Chrupalla werde „in den Medien“ gern als „Malermeister“ hingestellt; das Wort steht nun aber über Chrupalla auch in seiner eigenen Zeitung. Und das Wort „rechtsextrem“ taucht ja tatsächlich nur zweimal in der Erstausgabe auf, einmal davon im Titel einer ARD-Sendung auf der Fernsehprogrammseite.

Was in den ersten Ausgaben auffällt, ist, dass bislang weniger ein tiefer, widerspruchsinteressierter ostdeutscher als vor allem ein explizit nichtwestdeutscher Diskurs gepflegt wird. Eine Nichtwestdeutsche Allgemeine Zeitung sein zu wollen, ist natürlich erlaubt, wir haben Meinungsfreiheit. Ein klein wenig kindisch ist es aber halt schon auch.