Linkspartei | Keine Rampensau, wirklich? Was hinter Heidi Reichinneks krassen Auftritten steht

Die Sonne scheint an diesem Wintertag auf die Klinker der Rostocker Altstadt, Ostseesonne. Heidi Reichinnek soll in der Hansestadt auftreten und den Wahlkampf im Nordosten einläuten. Laut, kämpferisch, wie gewohnt.

Aber erst mal sitzt sie in einem ruhigen Raum, hinter der Bar einer Rostocker Hotelkette, und ist selber: ruhig. Roter Pullover, silberne Buchstabenohrringe, 80er-Jahre-Stil, der Pony. „Hallo, ich bin Heidi“, sagt sie, gibt die Hand, lächelt. Für sie ungewohnt: mit einer Kulturjournalistin zu sprechen. Nicht Politik. „Wir können ja über Bücher reden?“ Klar. Was liest sie gerade? Das Buch von Sophie Gilbert, sagt Reichinnek, Girl vs. Girl, das gebe es auch in der Rostocker Stadtbibliothek.

Es gehe um die Darstellung von Frauen in der Popkultur, in den Nuller-, Zehnerjahren: Rollenbilder in Musikvideos, im Film, in Pornos. Darum, was das mit jungen Frauen, Mädchen und älteren Frauen gemacht hat. „Ich bin ja auch in dieser Zeit aufgewachsen, und man merkt erst im Nachhinein, wie misogyn das war und wie diese Rollen zugeschrieben wurden. Das Buch ist meine große Empfehlung, gerade zum Frauenkampftag.“

Sie hat das Wort misogyn untergebracht und ist schon im Kampfmodus. So wie man sie von Bundestagsreden und von Tiktok kennt: Bam-Bam-Bam. Eigentlich sei sie schüchtern, hat sie in Interviews gesagt, auch wenn ihr das keiner glaube. Sie lese gerne Fantasy-Romane. Wie passt das zur großen Klappe? Kann sie beides, leise und laut? Wir begleiten Heidi Reichinnek auf Wahlkampftour in Warnemünde und Rostock, unterwegs mit Fans und Lokalpolitikern, um herauszufinden, wer hinter der öffentlichen Figur ist, zu der sie im vergangenen Jahr geworden ist.

Regieren: Was die Linke in Mecklenburg-Vorpommern erreicht hat

Reichinnek zählt erst mal die Erfolge der rot-roten Regierung in Mecklenburg-Vorpommern auf. Der Frauentag ist dort ein Feiertag, so wie in Berlin. „Das ist gerade für den Osten wichtig, weil wir hier eine extrem starke AfD haben. Und gerade zum Thema Gleichberechtigung haben ostdeutsche Frauen historisch eine starke Beziehung. Die Themen Schwangerschaftsabbrüche und Selbstbestimmung beschäftigen z. B. viele Frauen im Osten.“

In der DDR war Abtreibung legal und kostenfrei. Das traditionelle Familienbild komme hier nicht gut an, das merke sie, wenn sie „mit älteren Frauen redet, die der AfD zuneigen“. Man wäre gern bei solch einem Gespräch dabei, in einem Bundesland, in dem die AfD laut neuester Umfrage bei 37 Prozent liegt. Reichinnek redet von Erfolgen, wie sich die Linke aus dem Tief herausgekämpft hat. Dass die Linke in Mecklenburg dafür gesorgt hat, dass der 27. Januar in den Schulen ein fester Projekttag ist.

„Hier wurde der Film ,In Liebe, Eure Hilde‘ für alle Schulen angeschafft, damit sich die Klassen den anschauen und darüber diskutieren können.“ Andreas Dresen und Laila Stieler erzählen darin die Geschichte der Widerstandskämpferin Hilde Coppi und der Roten Kapelle.

Sie sei für manche eine Red Flag, sagt Heidi Reichinnek. Wie meint sie das?

Mit ihrer Brandrede gegen Friedrich Merz und dessen Abstimmung mit der AfD zur Migrationspolitik („Auf die Barrikaden!“) wurde Reichinnek zur Leitfigur einer Linken, die schon klinisch tot war. Auch dank ihrer Tiktok-Auftritte mit Millionen Klicks holte sie die Partei aus dem Koma. Bei der Bundestagswahl 2025 kam die Linke auf mehr als acht Prozent. Seither ist sie ein Star, die „rote Königin“.

Sie teilt sich den Fraktionsvorsitz mit Sören Pellmann, der auch aus dem Osten kommt. Reichinnek redet schnell, ihr anhaltischer Dialekt kommt durch, was sympathisch ist. Sie sei für manche längst ein rotes Tuch, sagt sie. „Red Flag, nenn es, wie du willst.“ Wie meint sie das?

Ihre Tiktok-Posts, ihre Videos, ihre Positionierungen, ihre Kampfansagen: „Da fühlen sich einige vor den Kopf gestoßen und haben keinen Bock, mit mir zu reden.“ An Infoständen sehe das anders aus. Da begegnet einem die andere Heidi. Weniger krawallig, ruhiger, geduldiger? Aber wer geht noch an Infostände.

Ossi oder Wessi? Reichinnek ist beides

Reichinnek sieht sich als „Ossi“, auch wenn sie seit zehn Jahren in Osnabrück wohnt und gerade ein Jahr alt war, als die Mauer fiel. 1988 ist sie in Merseburg geboren und in Sachsen-Anhalt aufgewachsen. Sie hat dort Kindheit und Jugend verbracht, „all die Jahre, die prägen“. Sie habe noch Freundinnen, die regelmäßig zurückkommen, zu Ostern etwa. Sie hat in Halle studiert, ist nach Marburg gegangen. „Und ich habe dann erst richtig gemerkt, wie groß dieser Unterschied ist. Ich hatte viele westdeutsche Freundinnen, deren Mama zu Hause geblieben ist und immer Hausfrau war.“ Ein Schock.

So habe ich sie bisher nie wahrgenommen, sie stellt das in ihren Videos nicht nach vorne. Wieso nicht?

Reichinnek redet über die Wende, die Treuhand, West-Firmen, die alles aufgekauft haben, fehlende Wertschätzung für ostdeutsche Biografien. „Das macht was mit den Leuten, dieses Gefühl, dieser neue Staat ist nicht für mich da, sondern der macht die Situation immer schlechter.“ Das überträgt sich auf Generationen.

In ihrem Heimatdorf in Sachsen-Anhalt, wo es früher nichts gab außer der Bushaltestelle, „da ist jetzt ein selbstverwaltetes Kulturzentrum, wo die auch ganz viel Metal-Konzerte machen, was cool ist“, sagt Reichinnek. Mit einem Bein bleibt sie im Westen. In Osnabrück, wo sie seit zehn Jahren lebt, hatte sie ihre Arbeit, hat sie ihren Freund. Es ist ihre andere Heimat. Wenn sie so redet, wirkt sie geerdet. Man kann sich vorstellen, wie sie bei Studentenpartys war.

Ihr Mitarbeiter schaut auf die Uhr. „Das Auto ist da.“ Was für ein Auto? Ich kann die Marke nicht erkennen.

Heidi Reichinnek meets Toralf Herzer: Wahlkampf

Wer mit der S-Bahn nach Warnemünde fährt, kommt an den Hochhäusern von Lütten Klein vorbei, dem Neubaugebiet, das der Soziologe Steffen Mau beschrieben hat, auch an Lichtenhagen, Ausstieg Warnemünde-Werft.

Nächster Termin im Dock Inn, einem Container-Hostel mit Glasfassade und Blick auf die Werft. Es gebe hier keine BKA-Bedrohungslage, sagen Mitarbeiter. Zuletzt in Wismar, da waren vier Faschos, die dann rausgeschickt wurden.

Hier ist das unwahrscheinlich: Heidi meets Toralf. Reichinnek will den Wahlkampf von Toralf Herzer unterstützen, dem Landtagskandidaten, der aus der BSW- zur Linksfraktion im Stadtparlament gewechselt ist. Loftähnlicher Raum, Industrial-Lampen, Bar und Kaffeetische. Ein Typ mit Che-Guevara-Shirt, Rentner holen sich Kuchen. „Die Bumms Boys“ aus Rostock singen von einer bunten Heimat. Dann kommt Herzer auf die Bühne. „Ihr habt vielleicht alle die Headline der ,Ostseezeitung‘ gelesen, die AfD führt“, sagt er. Mit 37 Prozent! Das kann doch nicht wahr sein! „Heidi, Heidi!“-Rufe.

Also Auftritt.

Die Sache mit Heidi Reichinnek und dem Audi A8

Sie trägt den gleichen Pulli und die gleichen Jeans wie beim Interview, hält lässig das Mikro und spürt negative Vibes. Die Umfrage, die allgemeine Lage. „Wir wollen hier heute mit einem Lächeln rausgehen!“, ruft sie. Hoffnung organisieren, das ist ihr Job. Und das Wahlkampfmotto der Linken. Herzer und Reichinnek sprechen miteinander, kommen von sozialen Brennpunkten in Rostock zu mehr Gerechtigkeit für alle. Reichinnek geht in den Angriffsmodus. Die Überreichen sollen sich beteiligen! Vermögenssteuer! Jubel, Pfiffe. So kennt man sie aus den sozialen Medien. Sie braucht hier keine Zwischentöne.

Aber werden nicht Firmen abwandern, wenn die Steuern zu hoch werden?, fragt ein Zuschauer. „Wir müssen erst mal jar nüscht“, ruft Reichinnek. Kommt auf Zahnarztrechnungen, die man selbst bezahlen solle, oder die Heizung. Und von dort auf alles, „was so in den Medien steht“.

„Das falsche Auto, wa?“, wirft Kommunalpolitiker Herzer ein. Aha, Audi-Gate. Reichinnek hat gerade die Schlagzeilen dominiert, weil sie auf Social Media neben einem Audi A8 zu sehen ist, einem 100.000-Euro-Wagen. „Ich bin mit dem Zug hergekommen“, erklärt sie, „und dann mit deinem Auto hierhergefahren.“ Das sei alles nur ein Ablenkungsmanöver, „während Alice Weidel in der Schweiz sitzt“. Ein Hauch von Trotz. Es muss sie getroffen haben, dass sie seither „Luxus-Sozialistin“ genannt wird, ihr Hybris unterstellt wird. Ziemlich laut schießt sie zurück.

Sie ist die geborene linke Populistin

Das Geld solle man bei denen holen, die es haben: „Im Privatjet nach Sylt fliegen? Von solchen Leuten würde ich mir gar nichts erzählen lassen!“ Sie ballert jetzt in Sekundenschnelle. Am Ende läuft es wie fast immer auf Arm/Reich hinaus, Oben/Unten. Sie ist die geborene linke Populistin.

Dann wieder CDU-Bashing, was sie perfektioniert zu haben scheint. Markus Söder hat Reichinnek beim Aschermittwoch neulich „Tiktok-Tante“, „Rosa Luxemburg für Arme“ genannt. „Das süßeste Kompliment, das ich zuletzt bekommen habe“, sagt sie. Sie spielt das Medienspiel mit. Dann schaut sie sekundenlang auf den Boden, wirkt auf einmal müde. Wie anstrengend ist so eine Rede? Euphorie verbreiten, wo keine Aufbruchstimmung ist.

An der Bar erzählt ein Mittfünfziger, dass er Reichinnek vorher gar nicht kannte. Er war neugierig. Da, wo er wohne, in Rostock-Lichtenhagen, werde gerade das „Nordlicht“ dichtgemacht, ein großer Veranstaltungsraum mit Kartenspielabenden, Tanz, Schulspeisung. Da verschwindet gerade eine Gemeinschaft.

Aber für lokales Klein-Klein ist hier keine Zeit. Heidi muss noch Selfies machen. „Heidi ist jung, sie pusht“, sagt ein 29-Jähriger, der auf sein Foto wartet. „Tiktok, Tattoos, deswegen sind so viele junge Leute hier.“ Er sei nautischer Offizier auf der Ostsee. Und übrigens, die „Audi-Sache“ – daran seien die Medien schuld.

In Rostock ist der Saal zu klein

Jetzt muss Reichinnek noch mal zurück nach Rostock, Auftritt im Kulturtreff Peter-Weiss-Haus. Sie trifft Nurgül Senli, die Kreischefin der Linken. Die Schlange vor dem Haus – wie bei einem Popstar. Es ist das Studentenviertel, hier wurde immer links gewählt, eine queere, feministische, antifaschistische Klientel. Junge Frauen mit Piercing, die in Reichinnek ein „Vorbild“ sehen. Wieder Komfortzone.

Ein unrasierter, älterer Mann sticht aus der Menge heraus, alle seine Kollegen würden AfD wählen, sagt er, und dass er Heidi von bundestag.de kenne. Die Anti-Merz-Rede habe ihn „geflasht“.

Der Saal ist zu klein. Also geht Reichinnek raus, Hallo sagen. Auf Gummibärchentüten steht ihr Name, nicht der ihrer Partei. Nurgül Senli, Direktkandidatin des Wahlkreises, kurdische Wurzeln, ist in Wuppertal aufgewachsen. Die Baseballschlägerjahre gab es auch im Westen, sagt sie, das sei nicht nur ein ostdeutsches Problem. Sie hoffe auf Rostock als Leuchtturm auf der „dunklen Landkarte“.

Auftritt Reichinnek. „Hallo, ihr wunderschönen Leute!“ Sucht sie das „Wir“-Gefühl? Bonding statt Barrikade?

„Und wahrscheinlich wollt ihr alle noch ein Foto mit Heidi?“

Dann gibt es SPD-Bashing, CDU-Bashing, mit Merz würde sie noch zu Mittag essen, mit Tino Chrupalla nicht. „Wann wird der faschistische Dreckhaufen denn endlich verboten?“ Es sei „fünf vor 33!“, ruft Reichinnek. Wirklich so drastisch? Warum so viele AfD wählen, dazu kann oder will sie nichts sagen. Stattdessen geht es um Gut und Böse.

Ich vermisse die Heidi Reichinnek aus unserem Gespräch. Nachdenklich, mit Grautönen. Passt wohl nicht in die Inszenierung. Reichinnek ist bei der Mietwucher-App angekommen, die auch in Rostock bald kommen soll. Und, warum nicht: „Luxusbuden für alle!“

Keine Rampensau?

Sie hebt den Daumen, letzte Frage, sie muss noch weiter. „Und wahrscheinlich wollt ihr alle noch ein Foto mit Heidi?“