Schluss mit „den Nettigkeiten“: Wladimir Klitschko: „Putin versteht nur die Sprache des Stärkeren“

Schluss mit „den Nettigkeiten“Wladimir Klitschko: „Putin versteht nur die Sprache des Stärkeren“

24.02.2026, 16:15 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecVon Sabine Oelmann
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„Ich fühle mich nicht ganz frei, aber ich will auch nicht nur kritisieren. Ich bin ja kein deutscher Staatsbürger. Ich fühle mich wie ein Adoptivkind des Landes.“ (Foto: dpa)

Am 24. Februar jährt sich der Beginn des Angriffskriegs durch Russland auf die Ukraine. Wladimir Klitschko glaubt, dass die Sprache der Diplomatie nicht mehr reicht. Bei der Sicherheitskonferenz in München findet er gegenüber ntv.de deutliche Worte, was er von vier Jahren Krieg in Europa hält.

ntv.de: Wie viel Geduld haben Sie noch?

Wladimir Klitschko: Es geht, wenn ich mich bewege. Sobald ich stehen bleibe, wird es schwieriger. Aber es ist richtig, ich werde wirklich ungeduldig, denn es ist schon wieder so viel Zeit vergangen, ich war zum vierten Mal auf der Münchener Sicherheitskonferenz, um über den Krieg in der Ukraine zu reden. Immer neue Fakten kommen hoch, wie brutal dieser Krieg ist, wie unmenschlich, und die Europäer sind wie Schatten.

Wie meinen Sie das?

Sie sind nicht selbstbewusst, sie sind nicht organisiert, und ja, es heißt Europäische Union, aber sind wir wirklich eine Union? Sind wir wirklich vereint? Da habe ich große Fragezeichen, wenn ich mir anhöre, was aus Serbien, Ungarn und der Slowakei kommt. Die Aussagen dieser Anführer – da fragt man sich natürlich, warum die Unterstützung für Waffenlieferungen für die Ukraine so lange dauert, so halbherzig ist. Dieses lange Zögern macht mich tatsächlich ungeduldig. Taurus – ja, nein, weiß nicht, und wenn, wann? Irgendwas ist ja immer. Mir ist auch vollkommen schleierhaft, dass man nach dieser Zeit immer noch versucht, Gespräche mit Putin zu führen. Nur aus diplomatischen Gründen. Um nett zu sein? Dem Aggressor gegenüber nett zu sein, ist absolut sinnlos – er versteht diese Sprache nicht.

Die Sprache der Diplomatie …

Ja. Er versteht nur die Sprache des Stärkeren. Über alles andere lacht er.

Geht es Ihnen nur um Putin?

Nein. Es geht mir auch um Russland. Um Putins Russland. Der Mann macht das nicht allein. Die Verbrechen an den Menschen der Ukraine werden von den Menschen Russlands begangen. Die Russen haben ein von der Propaganda verdorbenes Gehirn. Die verstehen die Welt ganz anders als die Ukrainer und die Europäer.

„I hope the Russians love their Children, too“, sang Sting schon in Zeiten des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs. Was ist da los?

Die Frage ist einfach zu beantworten: Tagtägliche Propaganda seit Jahrzehnten trägt ihre Früchte. Es ist ein Hass auf den Westen. Der Westen ist in den Augen der Russen schuld daran, dass es ihnen schlecht geht. Wir, in unserer freien Welt, werden als Feinde angesehen. Das war schon zu Hitlers und Stalins Zeiten so. Da wird alles missbraucht, was es nur gibt, zum Beispiel Religion und Kultur. Man will von den eigenen Problemen ablenken und die Aufmerksamkeit rein auf das lenken, was von außen kommt, was bedrohlich ist. Es ist einfacher, die freie Welt zu beschuldigen, als die eigenen Probleme zu lösen.

Was wäre, wenn Putin „weg“ wäre?

Ich glaube, er ist der Kern des Übels. Aber es wäre trotzdem nicht sofort alles anders. Denn es ist ein System, das „System Putin“, und ein System von außen zu bekämpfen, ist nicht die richtige Herangehensweise. Ein System, das nicht funktioniert, muss von innen bekämpft werden. Das ist nicht einfach – die Sowjetunion hat fast ein Jahrhundert gehalten, es war ein langer Prozess, sie zum Zerfallen zu bringen.

Es ginge also …

Es geht alles! Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Deutschland macht viel für die Ukraine, das ist uns bewusst, wir sind sehr dankbar. Durch die Waffen, die wir von den USA bekommen haben, sind sie aber auf die Position 1 gerückt.

Was ist mit der Opposition in Russland?

Welche Opposition? Die sagt nur, der Westen soll seine Sanktionen einstellen, damit man nicht dem russischen Volk schadet. Aber wie gesagt, das russische Volk ist Teil des Systems Putin. Die Opposition – darf ich noch ein Beispiel geben?

Natürlich …

Einer, der ganz klar für Außenstehende Opposition verkörpert hat, war Alexej Nawalny. Und seine Frau, die jetzt versucht, seinen Kampf gegen Putin weiterzuführen. Aber – der Teufel steckt im Detail: Hat Frau Nawalnaja jemals die Aussagen ihres Mannes verurteilt, dass die Krim seiner Ansicht nach nicht ukrainisch ist. Er hat gesagt, die Krim ist russisch. Alexej Nawalny hat gegen die Korruption und für die Macht in Russland gekämpft, so weit so gut. Es war ein interner Kampf um die Macht. Das hat aber nichts zu tun mit der Gerechtigkeit für die Ukraine. Frau Nawalnaja sagt dazu weiterhin nichts. Auch zu den Tausenden von gestohlenen, ukrainischen Kindern schweigt sie.

Sie ist in Ihren Augen also keine Oppositionelle?

Für den internen Machtkampf schon, aber nicht geopolitisch. Ich frage mich wirklich, auf welcher Seite sie steht.

Bei einer Veranstaltung auf der Münchener Sicherheitskonferenz haben Sie gesagt, dass man die Ukraine besuchen soll, weil man nur so spüren kann, wie es wirklich dort ist. Einige Menschen machen das – Helfer, Politiker, Ärzte, Journalisten, Wirtschaftsinteressierte – aber was hat es gebracht?

Ferndiagnosen bringen nichts, das ist richtig. Wir brauchen, dass wir in Europa zusammenstehen. Um dieses steife System, in dem wir uns befinden, zum Laufen zu bringen, müssen wir es einmal brechen. Wir müssen die bestehende Mentalität kaputtmachen, um eine neue Schicht, eine neue, europäische Mentalität zu entwickeln. Wir müssen begreifen, dass wir viele sind.

Das ist gut und schlecht zugleich, weil wir so unterschiedlich sind …

Ja, wir sind vieler unterschiedlicher Meinungen, wir gehen in zu viele unterschiedliche Richtungen, wir sprechen zu viele Sprachen in Europa. So denken die meisten. Aber natürlich kann man Europa vereinen. Es müsste einer auf den Tisch hauen, querdenken – ohne ein Schwurbler zu sein – einer, der versucht, die Dinge infrage zu stellen.

Sie spielen auf Trump an …

Ja, der stellt manchmal Fragen, über die sich alle aufregen, aber die Fragen, wie gut eigentlich das Rote Kreuz funktioniert, wie gut die UN ist, die Nato – die muss man stellen dürfen. Es sind einfach andere Denkansätze, wenn man wissen will, was wir in Europa ändern wollen. Es muss einer sein, der der Kern dieser Bewegung ist. Vergangenes Jahr hat uns JD Vance die Leviten gelesen …

… das hat niemandem gefallen

… aber es war ein Signal. Die Ankündigung, dass die USA nicht mehr für uns zahlen wollen, nicht mehr für alles einstehen wollen, hat uns geweckt. Wir haben kalte Füße bekommen. Und Angst, weil wir denken, dass wir es ohne die USA nicht schaffen. Aber wir können es schaffen! Wir wollen es nur nicht. Der Wille fehlt uns Europäern. Wir könnten so mächtig sein, wir haben kluge Menschen, wir haben Innovation, wir haben uns zu klein gemacht.

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„Ganz realistisch gefragt: Verändert der Krieg in der Ukraine das Leben der anderen in Europa? Nicht wirklich. Es ist ein Krieg, der in den Medien stattfindet. Auch wenn die Ukraine nicht weit entfernt ist“, sagt Wladimir Klitschko, der sich natürlich Sorgen um seinen Bruder Vitali Klitschko, den Bürgermeister von Kiew (Foto), macht. (Foto: REUTERS)

Wer könnte ein Anführer Europas sein?

Das könnte durchaus Friedrich Merz sein. Macron wahrscheinlich nicht mehr, vielleicht Meloni. Das wird die Zeit zeigen, so etwas entwickelt sich, Stück für Stück. Natürlich wünsche ich mir auch, dass der Krieg sofort aufhört, aber die Geschichte zeigt, dass das eher unwahrscheinlich ist.

Fehlt uns nicht einfach nur eine Armee?

(lacht), Ok, jetzt geht’s ans Eingemachte. Ihr habt uns, die Ukrainer! Die Russen und die Ukrainer verfügen über die modernsten Armeen und verstehen etwas von moderner Kriegsführung. Und Europa hat die Qualitäten für eine vollkommene Armee. Es sollte auch nichts mehr zu diskutieren geben, wenn es zum Beispiel um die Wehrpflicht geht. Ab einem gewissen Zeitpunkt musst du die Sprache deines Gegners sprechen. „Bully the Bully“ sagt man im Boxen – das ist auch im Rest der Welt so. Und genauso muss man mit Russland umgehen, dort versteht man keine andere Sprache.

Mit Wladimir Klitschko sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de

Source: n-tv.de