Disziplin dank Folter und Mord: Russische Ex-Soldaten schildern Hinrichtungen von Kameraden

Disziplin dank Folter und MordRussische Ex-Soldaten schildern Hinrichtungen von Kameraden

24.02.2026, 15:03 Uhr

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Vom „Nullen“ von Kameraden spricht man in der russischen Armee, wenn es um das Exekutieren eigener Soldaten geht. (Foto: picture alliance / TASS)

Ein Bericht der BBC wirft ein Schlaglicht auf die russische Kriegstaktik. Vier geflohene Soldaten kommen zu Wort. Sie erklären, was die russischen Erfolge ermöglicht. Sie erzählen, wie normal das Töten eigener Soldaten ist: „Man erstellt einfach einen Bericht“, sagt einer.

Er habe die vier Männer gekannt, die sein Kommandeur erschoss. Einer von ihnen habe geschrien: „Nicht schießen, ich tue alles, was ihr wollt!“ Ohne Erfolg. So zitiert die britische BBC einen ehemaligen russischen Soldaten. Sie will mit vier von ihnen gesprochen haben. Sie erzählen demnach von Hinrichtungen, Folter und dem rücksichtslosen Verschleiß ihrer Kameraden.

Laut BBC berichten damit erstmals seit dem russischen Überfall auf die Ukraine vor vier Jahren russische Armeeangehörige von Hinrichtungen in den eigenen Reihen. Einer von ihnen wird zitiert, er habe seine Kameraden andere Kameraden erschießen sehen: „Nur zwei, drei Meter. Klick, klack, bumm.“ Die BBC nennt diesen Mann Dima. Sein Kommandeur Alexei Ksenofontow habe die Hinrichtungen angeordnet, wird Dima zitiert. Ksenofontow bekam 2024 von Russlands Präsident Wladimir Putin einen Goldenen Stern ans Revers geheftet, den höchsten Orden des Landes. Wenn Dimas Vorwürfe stimmen, befahl ein „Held Russlands“ den Tod mehrerer Russen.

Ein Bild zeigt laut BBC den 34 Jahre alten Dima mit blauen Augen, Bart auf der Oberlippe und am Kinn. Er schaut unruhig in die Kamera, hat leichte Augenringe. Früher habe er in Moskau Spülmaschinen repariert, wird Dima zitiert. Im Oktober 2022 sei er unter Haftandrohung eingezogen worden. Er habe als Sanitäter gedient, später als Offizier. Die vier Männer, mit denen man gesprochen habe, seien mittlerweile außerhalb Russlands, schreibt die BBC. Aber der Krieg habe sie schwer gezeichnet.

Als Sanitäter seien Dima Todesfälle „routinemäßig gemeldet“ worden, so die BBC. Dima berichtete dem Sender demnach, dass er immer wieder Leichen von Männern gesehen habe, die erst kurz zuvor zu seiner Brigade gestoßen waren. Sie seien ermordet worden und dann ihrer Bankkarten entledigt. Es sei in der russischen Armee kein Problem, Soldaten „abzuschreiben“. „Man erstellt einfach einen Bericht“, wird Dima zitiert.

Verweigern muss „noch schrecklicher“ als Krieg sein

Hinrichtungen in der russischen Armee waren in den vergangenen Jahren immer wieder Thema. Der Bericht der BBC ist nur ein weiterer Einblick in eine Welt, in der Mord und Folter als Disziplinarstrafe gelten. „Krieg ist schrecklich, deshalb müssen sie es noch schrecklicher machen, sich zu weigern“, sagt einer der russischen Ex-Soldaten in einem BBC-Video.

Mit den Exekutionen werden demnach Soldaten bestraft, die Befehle verweigern. Sie dienen aber eben auch dazu, andere einzuschüchtern, Widerstand im Keim zu ersticken. Im Militärslang wird vom „Nullen“ gesprochen. Das russische Wort ‚obnulit‘ bezeichnet laut Wörterbuch eigentlich den Vorgang, mit dem der „quantitative Indikator eines Geräts auf null beziehungsweise auf die Ausgangsposition“ gesetzt wird. Im Militärkontext aber bedeutet es töten oder zerstören.

Das russische Investigativ-Medium „Verstka“ startete Ende 2025 ein Projekt, mit dem die Online-Publikation das „Nullen“ von mittlerweile mehr als Hundert russischen Militärangehörigen nachgewiesen haben will. „Verstka“ trug nach eigenen Aussagen Zeugenaussagen zusammen, wertete Telegram-Chats aus und arbeitete sich durch Beschwerden, die ans russische Militär gingen.

Tödlicher Tausch: Männer gegen Meter

Auf eine Anfrage der BBC hat die russische Regierung geantwortet, man würde angebliche Verstöße oder Verbrechen „ordnungsgemäß“ untersuchen. Man sei allerdings „nicht in der Lage, die Richtigkeit oder Authentizität der von Ihnen bereitgestellten Informationen unabhängig zu überprüfen“.

Die Exekutionen sind Teil der russischen Kriegstaktik. In der Ukraine werden russische Geländegewinne mit hohem Personaleinsatz erkauft. Vom russischen Fleischwolf ist die Rede: Soldaten werden in Wellen gegen die ukrainischen Linien geschickt, um Munitionsvorräte und Drohnenkapazitäten des Gegners aufzureiben und so einen späteren Durchbruch zu ermöglichen. Der US-amerikanische Thinktank „Institute for the Study of War“ schrieb in einem Bericht Ende vergangenen Jahres: „Seit Anfang 2025 haben russische Streitkräfte 0,77 Prozent des ukrainischen Territoriums erobert und dabei unverhältnismäßig hohe Personalkosten zu verzeichnen.“ Von 83 getöteten oder verletzten russischen Soldaten pro erobertem Quadratkilometer müsse man ausgehen.

Der ehemalige Spülmaschinenreparateur Dima beschreibt die russische Taktik laut BBC so: „Man schickt drei Männer, dann noch einmal drei. Wenn das nicht funktioniert, schickt man zehn. Wenn es mit zehn nicht funktioniert, schickt man fünfzig.“ Irgendwann wird man durchbrechen – das sei die Logik des russischen Militärs. Von 200 Toten in 3 Tagen spricht Dima demnach. Keiner der Männer, mit denen er eingezogen wurde, sei mehr am Leben. Dima habe das mit detaillierten Listen belegt, schreibt die BBC.

Weil die Aussichtslosigkeit solcher Angriffe auch den russischen Soldaten nicht verborgen bleibt, weigern sich manche. Die BBC zitiert einen Mann namens Ilya: Er habe sich geweigert, an einem Sturm teilzunehmen und sei deshalb an einem Baum festgebunden worden. Man habe ihn geschlagen, ihm eine Waffe an den Kopf gehalten und auf ihn uriniert, wird Ilya zitiert. Als er wieder frei war, habe er versucht, sich das Leben zu nehmen. Einige seiner Kameraden hätten tagelang hungern müssen, dann hätten sie Elektroschocks bekommen und seien unbewaffnet an die Front geschickt worden.

Quelle: ntv.de, lwe

Source: n-tv.de