Endlich Freitag: Ukrainekrieg, Berlinale-Gewinner, Buch-Tipps gegen Arbeitsfetisch

Hallo,

einer meiner Lieblingskollegen beim Freitag hat heute Geburtstag. Das war wahrscheinlich auch vor vier Jahren so, als wir am Morgen in den Nachrichten sahen, dass Wladimir Putin es wirklich getan hatte: Das russische Militär hatte die Ukraine aus drei Richtungen überfallen, eine „Spezialoperation“ sollte die Kontrolle über die Ukraine übernehmen, geplant war wohl eine schnelle Machtübernahme und die Errichtung eines Vasallenregimes.

Viele hatten sich nicht vorstellen können, dass das wirklich passiert. Und die allerwenigsten hatten damit gerechnet, dass daraus ein vierjähriger Krieg wird, in dem die Ukraine mit allen ihr zur Verfügung stehenden und zur Verfügung gestellten Mitteln um ihre Souveränität kämpft. Wir haben den Verlauf des Kriegs seitdem journalistisch begleitet, und immer wieder von neuem versucht, alle Aspekte dieses unvorstellbar grauenhaften Massensterbens zu erfassen: die Vorgeschichte, die viele lieber vergessen wollten, das Leid der ukrainischen Bevölkerung, die vielstimmigen Perspektiven innerhalb der Ukraine, die Stellverteter-Politik von USA, Europa und Russland, die „Zeitenwende“, die in Deutschland ausgerufen wurde, die sich hauptsächlich in eine große Aufrüstungsspirale hochschaukelte. Die Frage, ob der Pazifismus völlig obsolet ist. Und die bisher ergebnislosen Versuche, den Krieg mit den Mitteln der Diplomatie zu beenden.

Wir werden das auch weiterhin tun. Mit der Hoffnung, dass dieses Verbrechen enden wird, denn „jeder Tag ohne Frieden ist einer zu viel“, wie es in der großen Reportage aus Charkiw bei uns kürzlich hieß. Man kann sich das heute nicht vorstellen, aber vielleicht wird mein Kollege irgendwann wirklich einmal seinen Geburtstag feiern, und der Krieg ist nur noch ferne Vergangenheit. Es wäre ihm, aber vor allem den Menschen in der Ukraine, zu wünschen.

1. Heute wichtig

2. Made My Day

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Im Spiegel: Auf Facebook begegnete ich neulich einem kurzen Video, das lowkey meinen Tag machte, wie ein junger Mensch heutzutage sagen würde. Weil es unsere Wirklichkeit für einen kurzen Augenblick auf den Kopf stellte. Der österreichische Schauspieler Johannes Silberschneider liest da ein Dialektgedicht vor, selber zweifelnd, ob das möglicherweise völliger Unfug oder große Kunst sei.

Das Gedicht geht so:

Noch mainer Erfohrung is‘ in oilln Spügeln der Welt mein Bü’dl drin.
Mein eigenes Bü’dl, frog mi ned wieso. Aber so is es.
Die Anni sogt, in ihren Spügel war sie drin, sie allan.
I hob nochgschaut. Sie liagt.

Und für die Piefkes unter uns:

Nach meiner Erfahrung ist in allen Spiegeln der Welt mein Bildchen drin.
Mein eigenes Bild, frag mich nicht, wieso. Aber so ist es.
Die Anni sagt, in ihrem Spiegel wär sie drin, sie allein.
Ich hab nachgeguckt. Sie lügt.

Und dann liest Siberschneider auch noch ein anderes Gedicht vor, über einen Sommertag.

Zum Spiegel-Gedicht ➜

3. Kultur-Tipp

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Gut zu gucken: Ein Goldener Bär für einen deutschen Film! Ilker Çataks Gelbe Briefe hat bei der Berlinale triumphiert. Und das bei einer Berlinale, die sich durch Spannung aller Art ausgezeichnet hat, wie meine Kollegin Barbara Schweizerhof schreibt. Sie erklärt auch: Çataks Film zeigt, wie aktuell und politisch relevant Kino sein kann.

Bis die Gelben Briefe in die Kinos kommen, dauert es noch ein Weilchen. Ich empfehle zur Einstimmung und Überbrückung einen anderen großartigen Film von Ilker Çatak: Das Lehrerzimmer. War Oscar-nominiert, und ist jetzt in der Arte-Mediathek zu sehen.

Zur Arte-Mediathek

4. Lese-Empfehlung

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➜ Fünf Bücher gegen das neoliberale Märchen von der Arbeit: Raus aus der „Lifestyle-Teilzeit“ oder weniger Krankheitstage – Hauptsache, mehr Arbeit! Das fordern weite Teile der CDU. Diese fünf zeitlosen Bücher zeigen, warum mehr Stress nicht automatisch zu Glück oder sozialer Sicherheit führt

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Ein späteres Renteneintrittsalter für Studierte, eine Grundsicherung mit harten Sanktionen für sogenannte Totalverweigerer auf dem Arbeitsmarkt, raus aus der „Lifestyle-Teilzeit“. Man solle einfach mehr arbeiten, fordern Bundeskanzler Friedrich Merz und einige seiner Unionskolleg:innen seit Monaten. Dass mehr Arbeitszeit keineswegs gesichert zu mehr Produktivität und ebenso wenig notwendig zu Wirtschaftswachstum führt, rückt bei dieser Forderung in den Hintergrund. Ebenso wie die vielfältigen Gründe, aus denen Menschen vermeintlich „zu wenig“ arbeiten. Diese fünf Bücher liefern alle ihre eigene Antwort auf das neoliberale Märchen, dass uns mehr Arbeit – als Individuen und als Staat – reicher, sicherer und glücklicher mache. Sie fragen mal sachlich-analytisch, mal erzählerisch-lyrisch, welchen Stellenwert das individuelle Leben in einer kapitalistischen Verwertungslogik hat, wie die Arbeitswelt der Zukunft aussieht und ob die Idee des Sozialstaats noch zu retten ist.

1. Über Arbeit, die das Leben nicht dem Wohlstand opfert: „Die Welt geht unter, und ich muss trotzdem arbeiten?“

Das Klima kippt, die Demokratie steht weltweit unter Beschuss, die Schere zwischen Arm und Reich wird größer. Und wir? Wir gehen jeden Tag an die Arbeit, räumen Supermarktregale ein und füllen Excel-Tabellen aus. Die Journalistin Sara Weber setzt in Die Welt geht unter, und ich muss trotzdem arbeiten? an einem Überforderungsgefühl an, das viele angesichts der Polykrise ergreift.

Wenn man sich beim Doomscrolling nach einer vermeintlich ruhigen Vergangenheit vor einem Angriffskrieg in Europa oder dem Verpassen des 1,5-Grad-Ziels sehnt und fragt: Wozu das alles? Dabei ist das von Weber vorangestellte Zitat von Toni Morrison programmatisch für den Kampfgeist des Textes, der eine Arbeitswelt entwirft, die nicht das einzelne Leben auf dem Altar des Wohlstands opfert: „You are not the work you do; you are the person you are.“

­Zum ganzen Artikel ➜

Damit sind wir auch schon am Ende unseres Newsletters. Endlich Freitag! – „Captain, it’s Tuesday!“ Sie kennen das. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag – vielleicht kontrollieren Sie ja mal bei Ihnen im Spiegel, was da so zu sehen ist?

Viele Grüße,

Ihr Pepe Egger

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