„Nach mir hatte gefälligst kein Ostdeutschland-Hund zu schnappen“

Schwimmen für Vorschulkinder, Wohnen im Plattenbau und sieben Jahre Knast wegen Delegitimierung des Staates: Im Werk des Schriftstellers Erich Loest lässt sich die DDR studieren. Heute wäre er 100 geworden.

Als Literaturpreise in Deutschland noch in einem guten Sinn politisch waren, da standen Erich Loest, Monika Maron und Uwe Tellkamp einmal gemeinsam auf der Bühne und nahmen im Weimarer Nationaltheater den Deutschen Nationalpreis entgegen – eine Auszeichnung der von Altbundeskanzler Helmut Schmidt gegründeten Deutschen Nationalstiftung. Die Schriftsteller aus drei Generationen (Loest: Jahrgang 1926, Maron, 1941, Tellkamp 1968) wurden dafür geehrt, wie sie ihre DDR-Erfahrungen zu Literatur verarbeitet haben. 2009 war das, vier Jahre, bevor Erich Loest durch einen Fenstersturz am 12. September 2013 – mutmaßlich freiwillig – aus dem Leben schied.

Als Chronist der deutsch-deutschen Geschichte hat sich Loest, 1926 im sächsischen Mittweida geboren, einen Namen gemacht. Bücher wie „Nikolaikirche“ und „Völkerschlacht“ gehören zu den großen Leipzig-Romanen, die auch im Westen viele Leser gefunden haben, weil sie mit Witz und Wut von einer ostdeutschen Großstadt im Spiegel ihrer Geschichte erzählen.

In diesen Tagen wäre Erich Loest 100 Jahre alt geworden. Seit 2016 ist ein Literaturpreis nach ihm benannt, zu den Preisträgern zählen Guntram Vesper, Hans-Joachim Schädlich, Ines Geipel und Ronya Othmann. In diesem Jahr geht der Erich-Loest-Preis an den Dresdner Schriftsteller Durs Grünbein.

Loest, der das Ende des Nationalsozialismus und Zweiten Weltkriegs noch als junger Rekrut erlebte (und darüber 1950 sein Romandebüt „Jungen, die übrigblieben“ schrieb), begann nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst als Journalist. Von der Idee des Sozialismus überzeugt, trat Loest bereits 1947 der SED bei, eckte in den stalinistischen 1950er-Jahren jedoch bald mit dem Regime an. 1956 erfährt Loest nach einer Ungarnreise, dass er als „faschistischer Provokateur“ aus der Partei ausgeschlossen wird. Später kommt er in Stasi-Untersuchungshaft und wird wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Er muss nach Bautzen, sitzt bis September 1964 ein – eine lebensprägende Erfahrung, die man in Loests Autobiografie „Durch die Erde ein Riss“ nachlesen kann.

Dass und wie Loest auch nach dem Knast weitergeschrieben hat, ist nicht nur ein Fall von sächsischer Sturheit, sondern auch ein Glücksfall für die Literaturgeschichte. Denn in Loests Werk lässt sich viel über das kränkende Wesen von Diktaturen studieren.

Loest lesen – drei Tipps

Wer von Loest noch nichts gelesen hat, sollte mit dem Roman „Es geht seinen Gang“ von 1978 beginnen. Ein bis heute anschaulich gebliebenes Buch über Leben in und Verzweifeln an der Deutschen Demokratischen Republik. Ein Wunder, dass dieses Buch so überhaupt erscheinen durfte in diesem Staat. Ein Buch, das so schnell populär war, dass der Mitteldeutsche Verlag die weitere Verbreitung des Buches zu verhindern hatte, es gab keine Nachauflagen.

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Ein Buch auch, das – ganz nebenbei – in den ersten Sätzen fast so viele Markennamen versammelt wie Christian Krachts Jever-lastiger Roman „Faserland“. DDR-Paare machen Hemus (Weißwein aus Bulgarien) auf, wenn Besuch kommt. „Oder Natalie. Wirst sehen.“ Thema des Buches sind sozialistische Ambitionen und einschüchternde Repressionen, etwa im Kontext der Demo gegen das Verbot von lokalen Beatgruppen, 1965 auf dem Leipziger Leuschnerplatz. Loests Stil ist sprachlich eher nüchtern, fast spröde. Aber er ist ein prägnanter Chronist und hervorragender Porträtist der Verhältnisse, mit denen DDR-Bürger tagtäglich konfrontiert waren. Die Passagen, in denen der Ich-Erzähler über das kollektive Leben im Plattenbau-Beton des Leipziger „Oktoberviertels“ sinniert, sind großes Kino. Ebenso die Szenen aus dem Vorschul-Schwimmkurs für die Tochter, in denen die frühkindliche Sportförderung Ausschau nach Talenten hält. Im Jahr 1981 durfte Loest in die Bundesrepublik ausreisen, er war mit seiner DDR am Ende.

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Als zweiter Loest-Lesetipp sei ein dicker Band mit Briefen genannt, der in diesen Tagen im Steidl-Verlag erscheint: „Mensch, was haben wir alles hinter uns“ (576 Seiten, 28 Euro. Herausgegeben und kommentiert von Thomas Mayer) macht anschaulich, wie Loest mit der Zensur und dem Literaturbetrieb der DDR gerungen hat. Er korrespondierte unter anderem mit Christa Wolf. Erstmals kann man auch Briefe nachlesen, die Loest während seiner Haftzeit an seine Familie verfasst hat.

Und, für Fortgeschrittene, empfiehlt sich drittens Loests Romanbiografie über Karl May: „Swallow, mein wackerer Mustang“. Was die beiden Sachsen May und Loest verbindet? Beide haben, Zufall oder nicht, jeweils sieben Jahre ihres Lebens in Haft verbracht. Vielleicht eint sie bei aller Unterschiedlichkeit des Werks aber auch die Idee, im Schreiben unangepasst zu bleiben und eine eigene Wahrheit mithilfe des literarischen Werks durchzusetzen.

Loest zu lesen lohnt sich jedenfalls auch heute noch. Die Wut gegen das Regime packt den Ich-Erzähler im Roman „Es geht seinen Gang“, nachdem er auf der Leipziger Demo gegen das Verbot von Beatgruppen anno 1965 von einem Schäferhund der Volkspolizei in den Hintern gebissen wurde:

„Einmal, hab ich mir vorgenommen, rächst du dich. Vor der Schlacht auf dem Leuschnerplatz war für mich die Welt sauber eingeteilt. Der Feind stand im Westen; die Amerikaner bombardierten Vietnam, Kiesinger war Faschist. Nun biss mich einer unserer Hunde, der eigentlich einen Ami beißen sollte, der Bomben auf Vietnam ausklinkte. Ich schmiss kein Napalm, nach mir hatte gefälligst kein DDR-Hund zu schnappen. Also Rache. Wie?“

Dieses „wie“ hat Loest in einige bis heute packende Bücher gepackt. Lest Loest und ihr werdet das Wesen von real existierender Unfreiheit besser verstehen!

Source: welt.de