Diese Konsequenzen zieht die Linke aus Holocaust-Relativierung jener Linksjugend-Chefin
Als „fucking Holocaust“ bezeichnete Linksjugend-Chefin Martha Chiara Wüthrich Israels Krieg in Gaza. Die Thüringer Landespartei beantragte deshalb ihren Parteiausschluss. Nun gibt das Schiedsgericht seine Entscheidung bekannt.
Ein kurzer Clip auf der Videoplattform TikTok hat für die Bundessprecherin der Linksjugend Solid, Martha Chiara Wüthrich, innerhalb der Linkspartei schwere Konsequenzen. Das Landesschiedsgericht der Thüringer Linken hat Wüthrich sämtliche Parteiämter aberkannt sowie für zwei Jahre die Mitgliedsrechte entzogen. Der Beschluss liegt WELT vor.
Hintergrund ist unter anderem eine Äußerung aus dem Jahr 2025 über den Gaza-Krieg. „Das ist ein Völkermord. Das ist ein fucking Holocaust. Das ist der Holocaust!“, sagte Wüthrich in dem Video, noch vor der Wahl in den Bundesvorstand der Jugendorganisation. Damit setzte sie Israels Krieg gegen die Hamas mit der vorsätzlichen, planvollen und industriellen Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland gleich.
„Aufgrund der Beweisaufnahme steht fest, dass die Antragsgegnerin antisemitische, gewaltverherrlichende und Holocaust relativierende Aussagen getroffen hat“, heißt es in dem Beschluss vom 12. Februar. Die Äußerung „Das ist der Holocaust“ sei „nicht nur strafrechtlich bewehrt, sondern steht auch konkret gegen die Programmatik der Partei“.
Wer „antisemitische Ressentiments befeuert, das Existenzrecht Israels in Frage stellt oder den Terror der Hamas relativiert, kann für uns ebenso wenig Bündnispartner*in sein wie diejenigen, die rassistische, anti-muslimische oder anti-palästinensische Angriffe und Propaganda gutheißen oder betreiben“, schreibt der Schiedsgerichts-Vorsitzende.
Wüthrich hatte in dem Verfahren eingestanden, den Begriff Holocaust in Bezug auf den Gaza-Krieg verwendet zu haben. Sie erklärte, dies sei „im Affekt erfolgt“, die Verwendung sei falsch gewesen, und daher sei das Video gelöscht worden. „Sie erkenne die uneingeschränkte Singularität des Holocausts an, was sie in einem späteren Video auch erklärt habe“, gibt das Schiedsgericht den Vortrag der 31-Jährigen wieder.
In dem Beschluss heißt es weiter: „Aufgrund der Beweisaufnahme steht mit hinreichender Wahrscheinlichkeit fest, dass die Antragsgegnerin die vorgehaltenen Äußerungen: ‚Ich will nur noch Molotows werfen‘; ‚Manche Menschen sollte man einfach verbrennen‘ tatsächlich auf dem Parteitag geäußert hat.“ Wüthrich hatte die Äußerungen in dem Verfahren bestritten.
Antragsteller des Schiedsverfahrens war nach WELT-Informationen der Landesgeschäftsführer der Thüringer Linkspartei, Paul Gruber. Der Vorfall werde „als Teil einer größeren politischen Frage verstanden“, trug der Antragsteller laut Beschluss vor, „nämlich wie die Partei mit Formen der Holocaust-Relativierung, mit antisemitischen Tendenzen und mit normativen Grenzüberschreitungen umgehe“. Gruber ist Mitglieds des Linke-Landesvorstands.
Beantragt worden war der Parteiausschluss. Es liege ein „schwerwiegender Verstoß gegen die Satzung und die Ordnung der Partei“ vor, heißt es nun im Beschluss des Parteigerichts. Wüthrichs Äußerungen offenbarten ein „tiefgreifendes Fehlverständnis hinsichtlich zentraler Grundpositionen der Partei, insbesondere in Bezug auf Antisemitismus und das Bekenntnis zur Gewaltfreiheit“.
Unter Berücksichtigung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit erscheine es ausreichend, „anstelle eines Parteiausschlusses eine schwerwiegende, jedoch weniger endgültige Ordnungsmaßnahme zu verhängen“, schreibt der Vorsitzende des Schiedsgerichts weiter. Wüthrich kann nun zwei Jahre lang nicht an Wahlen, Abstimmungen, Veranstaltungen und Kandidatenaufstellungen teilnehmen, nicht in Gremien mitarbeiten und keine Anträge stellen.
Ihr Amt im Stadtvorstand der Erfurter Linkspartei hatte sie bereits selbst ruhen lassen. Auf der Website des Stadtverbands wird sie nicht mehr als Vorstandsmitglied geführt. Bundessprecherin der Linksjugend kann Wüthrich aber bleiben. Der Beschluss des Parteigerichts hat keine Auswirkungen auf Ämter in der Jugendorganisation.
Israel-Hass in der Linksjugend eskaliert
Wüthrich war beim Bundeskongress der Linksjugend im November 2025 in den „Bundessprecher:innenrat“ gewählt worden. Der Verband, der von Ende der 2000er- bis Mitte der 2010er-Jahre stark von israelsolidarischen Linken geprägt war, fasste damals einen israelfeindlichen Beschluss. Darin ist von einem „kolonialen und rassistischen Charakter des israelischen Staatsprojekts“ die Rede.
Lesen Sie hier den israelfeindlichen Beschluss der Linksjugend im Original.
Dem Beschluss gingen laut Teilnehmern Bedrohungen von kritischen Delegierten voraus. Dies geht aus einer Nachricht von zehn Mitgliedern der Thüringer Linksjugend-Delegation an Parteifreunde hervor, die WELT vorliegt. Von anderen Verbandsmitgliedern sei man „offenem Hass“ ausgesetzt gewesen und „immer wieder angepöbelt und auf unangenehme Weise konfrontiert“ worden, heißt es darin.
„Die Position der Linken ist eine andere, und wir halten die der Linksjugend auch für falsch“, sagte die stellvertretende Linke-Chefin Sabine Ritter damals. In einem WELT vorliegenden Brief von 17 Linke-Bundestagsabgeordneten an die Partei- und Fraktionsvorsitzenden hieß es: „Sowohl der Beschluss in der Sache als auch die Hinweise auf die Einschüchterungen und Drohungen gegenüber Delegierten sind nicht zu akzeptieren. Offenbar ist in unserer Partei etwas ins Rutschen gekommen.“ Der Brief war unter anderem von den früheren Bundestags-Fraktionschefs Dietmar Bartsch und Gregor Gysi sowie dem früheren Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow unterzeichnet worden.
Der aktuelle Beschluss des Thüringer Schiedsgerichts gegen die Linksjugend-Bundessprecherin ist nicht rechtskräftig. Bei der Bundesschiedskommission kann Beschwerde eingelegt werden. Wüthrich ließ eine kurzfristige WELT-Anfrage unbeantwortet. Der Thüringer Linke-Landesgeschäftsführer Paul Gruber sagte WELT: „Zu Recht hat die Schiedskommission festgestellt, dass durch die betreffende Person rote Linien deutlich überschritten wurden.“
Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Zweiwöchentlich erscheint seine Kolumne „Gegenrede“. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“.
Source: welt.de