Tod von „El Mencho“: Lob aus Washington, Unsicherheit in Mexiko
Als Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum am Montagmorgen zu ihrer täglichen Pressekonferenz erschien, wirkte sie noch ernster als üblich. Heute sei Mexiko ohne Straßenblockaden aufgewacht, sagte Sheinbaum. Praktisch alle Aktivitäten seien wieder aufgenommen worden. „Das Wichtigste im Moment ist, Frieden und Sicherheit zu gewährleisten.“
Tags zuvor hatten Teile des Landes in Flammen gestanden. Mitglieder des berüchtigten Jalisco-Kartells nahmen Rache für den Tod ihres Anführers Nemesio „El Mencho“ Oseguera Cervantes, der bei einem Militäreinsatz im Bundesstaat Jalisco getötet wurde. Sie steckten Busse in Brand, errichteten mehr als 250 Straßenblockaden in mehreren Bundesstaaten und griffen Sicherheitskräfte an. Mehr als 70 Menschen kamen laut Angaben der Behörden bei den Zusammenstößen am Sonntag ums Leben, darunter mehr als ein Dutzend Sicherheitskräfte.
Doch Scheinbaums Frieden trügt wie so vieles in Mexiko. Gerade in den Bundesstaaten Jalisco und in anderen Regionen, wo das „Cártel Jalisco Nueva Generación“ (CJNG) aktiv ist, ist die Bevölkerung verängstigt, wie lokale Medien berichten. Vielerorts fiel der Schulunterricht am Montag aus. Auch bei vielen Touristen, die in den betroffenen Regionen unterwegs sind, sitzt der Schrecken tief. Viele mussten ihre Reisepläne ändern, da Fluglinien am Sonntag angesichts der Gewaltwelle mehrere Ziele nicht anflogen.
Tausende Soldaten im Einsatz
Um die Sicherheit zu gewährleisten, kündigte die Regierung die Entsendung von 2500 weiteren Soldaten nach Jalisco an. Sie sollen sie zu den 7000 Sicherheitskräften der Armee und der Nationalgarde hinzustoßen, die dort bereits im Einsatz sind. Mehr Militärkräfte aus dem Zentrum des Landes und umliegenden Bundesstaaten sind laut Armeechef am Sonntag und am Montag in Jalisco eingetroffen. Ziel sei es, die Mitglieder des CJNG abzuschrecken, sagte General Ricardo Treviño.
Einfach dürfte das nicht sein. Das größte Kartell Mexikos, das etliche Ableger in mehreren mexikanischen Bundesstaaten hat, ist für seine militärische Schlagkraft bekannt. Es finanziert sich nicht nur mit dem Rauschgiftschmuggel im großen Stil, sondern auch mit etlichen Nebengeschäften: von Schutzgelderpressung bis hin zu Diebstahl von Treibstoff.

Der Schlag gegen „El Mencho“ war die größte Militäroperation gegen das organisierte Verbrechen in Mexiko seit mindestens einem Jahrzehnt. Und sie markiert einen potentiellen Wendepunkt im Kampf gegen die Kartelle. Lange hatte Sheinbaum einen pragmatischen Mittelweg gefunden, um dem Druck des amerikanischen Präsidenten Donald Trump standzuhalten. Sie erhöhte die Anstrengungen Mexikos zur Unterbindung der illegalen Migration und des Rauschgifthandels. Zudem lieferte Mexiko in den vergangenen Monaten Dutzende Kartellmitglieder an die Vereinigten Staaten aus.
Washington rief seinerseits eine Arbeitsgruppe verschiedener Regierungsbehörden ins Leben, welche die mexikanische Regierung mit Geheimdienstinformationen über die Aktivitäten der Kartelle versorgt. Die Informationen sollen zur Ergreifung von „El Mencho“ beigetragen haben, wie beide Seiten bestätigten.
Lob aus Washington
Zuvor hatte Trump klargemacht, dass er Resultate sehen will. Dabei drohte er auch mit dem Einsatz von US-Truppen auf mexikanischem Territorium, um die Kartelle militärisch zu bekämpfen. Nun ist Sheinbaum ihm zuvorgekommen, als ob sie Trump klarmachen wollte, dass das Ausmaß der Zusammenarbeit ausreichend ist und Mexiko keine militärische Unterstützung benötigt.
Die außenpolitischen Gewinne für das wirtschaftlich von den USA abhängige Mexiko sind offensichtlich. Gerade auch im Hinblick auf die bevorstehende Überarbeitung des Freihandelsabkommens zwischen den USA, Mexiko und Kanada kann es Sheinbaum sich nicht leisten, bei Trump in Ungnade zu fallen. Dass sie ihm nun den Kopf von „El Mencho“ liefern konnte, dürfte ihr etwas Luft verschaffen.
Washington war denn auch voll des Lobes. Die Regierung „dankt dem mexikanischen Militär für seine Zusammenarbeit und die erfolgreiche Durchführung dieser Operation“, sagte die Pressesprecherin des Weißen Hauses am Sonntag. Bereits am Montag legte Trump jedoch mit einem Post in den sozialen Medien nach, in dem er forderte, Mexiko müsse seine Anstrengungen im Kampf gegen die Kartelle verstärken.
Droht eine Eskalation der Gewalt?
Innenpolitisch geht Sheinbaum größere Risiken ein. Sheinbaums politischer Mentor und Vorgänger Andrés Manuel López Obrador kam 2018 mit seiner linksnationalistischen Morena-Bewegung auch deshalb an die Macht, weil die Mexikaner den Traditionsparteien keine Lösung des Gewaltproblems mehr zugetraut hatten. López Obradors Strategie der „Umarmungen statt Kugeln“ zeigte jedoch ebenso wenig Erfolg.
Kritiker behaupten sogar, dass sein Ansatz kriminellen Organisationen wie dem CJNG erst ermöglichte, sich territorial und wirtschaftlich zu konsolidieren. Während Sheinbaum in praktisch allen politischen Fragen der Linie ihres Vorgängers folgt, hat sie sich mit der Operation gegen „El Mencho“ endgültig von der Sicherheitspolitik ihres Vorgängers entfernt.
Der Verlauf eines neuen Krieges gegen die Kartelle ist jedoch unvorhersehbar. Die Ausschaltung von Kartellbossen und die Zerschlagung von Kartellstrukturen lösen erfahrungsgemäß interne Graben- oder Revierkämpfe zwischen Kartellen aus, was einen Anstieg der Gewalt zur Folge hat.
Ein Beispiel ist das CJNG selbst, dessen Entstehung vor knapp zwei Jahrzehnten nur möglich war, weil zuvor andere Kartelle im Rahmen des „Drogenkrieges“ des damaligen Präsidenten Felipe Calderón zerschlagen oder geschwächt worden waren. Konsolidiert eine Organisation ihr Territorium, sinkt die Gewalt in der Regel.
Welche Folgen die Ausschaltung von „El Mencho“ für das CJNG hat, ist schwer einzuschätzen. Im Gegensatz zu traditionelleren Kartellen ist das CJNG als Franchise mit Dutzenden Fraktionen organisiert, die unter dem Banner des Kartells operieren. Eine Zersplitterung könnte die Sicherheitslage nach Ansicht von Fachleuten erheblich verschärfen. Ob die mexikanische Armee einer Eskalation der Gewalt gewachsen wäre, ist indes fraglich. Seit Monaten befindet sie sich auch in einem Kampf gegen das berüchtigte Sinaloa-Kartell, ohne die Lage vollständig unter Kontrolle gebracht zu haben.
Source: faz.net