„Hart demgegenüber Fair“: Letzter Ausweg Abnehmspritze

Fragen Sie mal in Ihrem Bekanntenkreis, wer für und wer gegen eine Zuckersteuer ist.  Glaubt man einer recht aktuellen Forsa-Umfrage, so werden Sie kaum jemanden finden, der sich gegen einen Zuckeraufschlag auf Limonaden ausspricht. Je mehr Zucker in Cola und Co, umso höher sollte demnach die Steuer ausfallen – das findet offenbar eine große Mehrheit. Denn Zuckerlimonaden sind ungesund, „Gift“, wie der Arzt und Moderator Eckart von Hirschhausen nicht müde wird zu betonen. Er vertrat diese Ansicht auch bei der neuen Ausgabe von „Hart aber fair“.

Weitere Gäste bei Moderator Louis Klamroth waren SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, Luise Molling von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch, FDP-Generalsekretärin Nicole Büttner, Mirco Wolf Wiegert, Gründer und Geschäftsführer des Limonadenherstellers Fritz-Kola und Ana Maria Salomon, die mithilfe der Abnehmspritze 31 Kilogramm in knapp einem Jahr abgenommen hat und ihre Erfahrungen in den Sozialen Medien teilt.

Die Rollen waren klar verteilt: Lauterbach, Hirschhausen und Molling legten sich ins Zeug, um die Zuckersteuer und andere regulierende Maßnahmen zu verteidigen. Büttner und Wiegert argumentierten dagegen. Salomon wurde hierzu nicht gefragt.

Dass zu viel Zucker nicht gesund ist, darauf konnten sich die Diskussionsteilnehmer immerhin einigen: Sogar der Limonadenhersteller gestand, er trinke zwar seine Produkte, versuche dann aber an anderer Stelle, Zucker einzusparen. Büttner isst wenig Zucker, achtet drauf, gönnt sich aber „ab und an ein Stückchen Schokolade“. Lauterbach bekannte, dass er weder auf Salz noch auf Zucker komplett verzichte – das sei ja auch nicht sinnvoll und zudem nur schwer möglich. Ein wenig Süßes darf es also schon sein.

Alle achten auf ihren Zuckerkonsum

Doch von den kleinen Naschereien abgesehen ist Zucker medizinisch betrachtet nicht gesund. Karl Lauterbach durfte noch einmal aufzählen, warum zu viel Zucker der Gesundheit schadet: Er sei Mitschuld an einer „wahnsinnig langen Liste“ an Krankheiten. Zucker führe zu Übergewicht und zu allem, was damit zu tun habe. Zudem können hohe Zuckerwerte der Bauchspeicheldrüse schaden. Die wichtigste Konsequenz sei Diabetes – inklusive der Folgeschäden, etwa dem Versagen der Nieren. Zudem sei Diabetes ein „riesiger Risikofaktor für Demenz“. „Viele Menschen laufen da mit einem großen Risiko herum“, wüssten sie darum, wären sie vorsichtiger. Somit war geklärt: Zu viel Zucker ist, medizinisch betrachtet, nicht gut.

Einig waren sich die Gäste der Sendung auch, dass das deutsche Gesundheitssystem ein großes Problem hat, man wolle (und müsse) zu einer gesünderen Gesellschaft kommen.

Nur auf den richtigen Weg, auf die richtige Methode, um dies zu erreichen, darauf konnte die Runde sich nicht einigen.

Die Zuckersteuer, die es weltweit in mehr als 100 Ländern gibt, wird von vielen Experten als eine gute Methode gesehen, um den Verzehr zu reduzieren. In Großbritannien haben Limonadenhersteller ihre Rezeptur verändert, es werde weniger Zucker konsumiert. Erste Daten zeigen, dass Mädchen seither weniger Übergewicht haben, auch die Kariesprävalenz nimmt ab. Auch für Spanien gibt es Zahlen. Dort ist der Konsum von Zucker nach Einführung der Steuer um 13 Prozent gesunken. Der Erfolg ist aber nicht so durchschlagend, dass er jeden überzeugt. Und dass die Zuckersteuer auch in Deutschland kommt, ist eher unwahrscheinlich: Gerade erst hat Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther dies gemeinsam mit 46 Mediziner- und Verbraucherschutzverbänden auf dem Parteitag seiner CDU gefordert. Der Antrag ist gescheitert.

Bloß keine Steuer, bringt ja nichts!

FDP-Generalsekretärin Büttner war, kaum verwunderlich, ebenfalls gegen eine Steuer. Sie setzte auf einen mündigen und eigenverantwortlichen Bürger, Bevormundung lehnte sie ab. „Wir setzen auf Transparenz und Aufklärung.“ Sie bezweifelte auch, dass eine Steuer überhaupt etwas bringe.

Die Argumente gegen die Steuer: Es ist nicht nachgewiesen, dass von einer Steuer, wie sie beispielsweise in Großbritannien seit 2018 gilt, auch nur ein Kind dünner geworden ist. Nur weil der Zuckergehalt reduziert und die Getränke teurer würden, nähmen die Menschen nicht weniger Zucker zu sich, heißt es. Sie holen sich die Süße dann eben woanders. Das Instrument erreiche sein Ziel nicht.

Der Weg, den der Limonadenhersteller Wiegert als Mantra in die Diskussion einbrachte: Man müsse, wie er mit seinen Produkten, nur die Portionsgrößen schrumpfen – also die Süßgetränke in kleineren Flaschen verkaufen – und schon sinke der Konsum automatisch. Eine Steuer sei da nicht nötig, das würde ja nur beim Verbraucher landen. Die Kosten nicht auf den Preis zu schlagen, tat er lachend ab. Für ihn, der Limonade in kleinen Flaschen verkauft, liegt die Wurzel des Übels in den großen Flaschen mit einem oder gar anderthalb Litern. Er sei ein verantwortungsvoller Hersteller, weshalb er auf kleine Mengen setze. Denn die Marktforschung habe auch gezeigt: „Den vollen Geschmack von Limonade bekomme man auch nur mit der vollen Portion Zucker.“

Andere Maßnahmen in der Diskussion? Vielleicht die Werbung für Süßigkeiten einschränken, damit Kinder gar nicht erst lernten, Süßes mit etwas Coolem in Verbindung zu bringen? Zucker löst schließlich im Gehirn „Euphorie aus“, wie der Arzt und Fernsehmoderator Hirschhausen erklärte. Zucker habe „etwas von einer Droge“.

Lauterbach und die Verbraucherschützerin Molling betonten, dass ein Werbeverbot für Süßigkeiten gerade zu den Zeiten, zu denen Kinder Fernsehen guckten, dringend notwendig wäre. „Wir müssen Kinder vor manipulativer Werbung schützen“, sagte Lauterbach. „Zeitfenster festlegen und Werbung erst ab 21 Uhr zeigen.“ FDP-Frau Büttner lenkte ab und warf Lauterbach Bevormundung vor, er erkläre Menschen für dumm. Der mündige Bürger sei in der Lage, selbst zu entscheiden. Ein Werbeverbot lehnt sie ab.

Einigen konnten sich die Hart-aber-Fair-Teilnehmer dann wieder darauf, dass Bildung etwas Gutes sei. Es sei wichtig fürs Leben schon als Kind zu lernen, wie gesund etwa Gemüse sei und wie man einen Salat zubereite.

Weitere Ideen? Labels! Verbraucherschützerin Molling erklärte, wie sinnvoll beispielsweise der Nutriscore sei. Er zeigt in Form einer Ampel das Verhältnis von ungesunden und gesunden Bestandteilen in verarbeiteten Lebensmitteln an. Hier wurde auch Adipositas-Patientin Salomon gefragt. Ihr habe der Nutriscore schon geholfen, ungesündere Produkte zurückzulegen.

Abnehmspritze für alle?

Wenn man sich nicht auf präventive Maßnahmen einigen kann – dann muss das letzte Register gezogen werden. Das tat auch Louis Klamroth in der Sendung. Wenn man der adipösen Gesellschaft den Kampf ansagen will, dann kann man das Übergewicht heutzutage ja auch einfach wegspritzen, oder? Nur, wer soll das bezahlen, die Krankenkassen? Oder doch eher die Patienten selbst?

Ana Maria Salomon, die als Erzieherin arbeitet, erzählte, dass sie 383 Euro pro Monat für die Spritze ausgibt. Eine Dosis spritze sie sich pro Woche, allerdings eine etwas geringere Menge als vom Hersteller empfohlen – denn sie wolle ihren Hunger nicht vollständig verlieren, um ein gesundes Essverhalten zu lernen.

Teuer ist diese Therapie. Aber, wie eingeblendete Social-Media-Posts belegten: wirksam. Also ein Fall für die Krankenkassen? Patientin Salomon betont, dass die Abnehmspritze für sie kein Lifestyle-Medikament sei. Es sei für sie die Möglichkeit, nach vielen Versuchen aus der Adipositas herauszufinden. Gesundheitspolitiker Lauterbach erklärte, dass die Datenlage allerdings längst noch nicht gut genug ist, um die Medikamente für alle infrage kommenden Patienten zu übernehmen. Noch sei das Nutzen-Risiko-Profil nicht ausreichend erforscht. „Die Kosten zu übernehmen, wäre zum jetzigen Zeitpunkt eine Fehlentscheidung.“ Die liberale Nicole Büttner sprach sich dafür aus, „sobald die Ärzte das ok geben.“

Und die Quintessenz der Talkrunde? Das Problem des hohen Zuckerkonsums ist bekannt. Die von vielen Menschen befürwortete Zuckersteuer wird aber wohl eher nicht kommen. Um die Überzuckerung der Gesellschaft und die Übergewichtsepidemie in den Griff zu bekommen, gibt es aber auch andere Methoden. Und die Gemengelage ist so vielschichtig, dass wohl auch verschiedene Maßnahmen durchgesetzt werden müssten. Doch sich darauf einigen, das werden die verschiedenen Interessenvertreter so schnell nicht.

Ach ja, ein ganz anderes Thema schnitt Klamroth ganz zum Schluss auch noch an: Der Posten des Generaldirektors der Weltgesundheitsorganisation WHO wird bald frei. Ob es Lauterbach nach Genf zieht? Dazu wollte er sich nicht äußern, nur so viel sagen: „Genf ist eine schöne Stadt.“

Source: faz.net