Politisierung dieser Berlinale: Der Preis dieser Scheinheiligkeit
Sie wollen nicht über die Hamas reden, nicht über die Hizbullah und auch nicht über Iran. Die Toten des 7. Oktobers sind ihnen nicht der Rede wert. Für sie war das Abschlachten Notwehr. Ein Blutbad an Unschuldigen? Dazu fällt ihnen seit dem 7. Oktober mit schlauem Gesicht und erhobenem Zeigefinger „Kontext“ ein. Das Urteil des Internationalen Strafgerichtshofs, ob im Gazastreifen seitens Israels ein Genozid versucht wurde, warten sie gar nicht erst ab. Für sie ist es schon gesprochen. Zwischen Kriegsverbrechen und dem Versuch, ein Volk auszulöschen, unterscheiden sie nicht.
Die Wahrheit über den Konflikt in Gaza liegt für sie nämlich auf der flachen Hand. Israel ist ein Staat, den sie auf der „From the river to the sea“-Landkarte nicht vermissen würden. Wenn jemand von „israelbezogenem Antisemitismus“ spricht, halten sie das trotz der islamistischen Wut auf diesen Staat, seine Bürger und Juden in aller Welt für eine Erfindung. Sie setzen Antisemitismus gern in Anführungszeichen, denn Antisemiten wollen sie natürlich unter keinen Umständen sein, weil sie sich darunter nur Rechtsradikale vorstellen können. Wir doch nicht.
Den Mitteilungen der Hamas glauben sie grundsätzlich alles
Das Geschehen in Gaza mit der Schoa zu vergleichen und vor allem Ähnlichkeiten festzustellen, fällt ihnen auch darum nicht schwer. Um den Verbrecher Netanjahu einzufangen, senken sie die historischen Schwellen. Nakba, Vertreibung, Holocaust, Massenmord, irgendwie das Gleiche. Wer sich dem nicht anschließt, leistet für sie Beihilfe zum Genozid. Der ist für sie nach wie vor „ongoing“. Woher sie das wissen? Vielleicht von den Behörden der Hamas. Deren Mitteilungen werden wie empirische Protokollsätze behandelt. Und fast scheint es, als passe ihnen die inzwischen erreichte Abschwächung des Kampfgeschehens in Gaza gar nicht, weil sie einen konstant hohen Bedarf an Unrechtstaten Israels haben.
Sie, das waren zuletzt Künstler, Schauspieler und Filmregisseure, auch Journalisten sind dabei, die weder Texte schreiben noch vortragen, sondern nur „kritische“ Fragen stellen, und zwar in jedem Kontext dieselben, unter denen sich keine selbstkritischen finden. Dass während des Filmfestivals Berlinale, das sie zu ihrem Zielobjekt gemacht haben, vielfach Solidarität mit den Palästinensern, wenn nicht geübt, so doch bekundet wurde – Solidarität gehört zu den Handlungen, bei denen die Deklaration schon die Handlung ist –, hindert sie nicht, von Zensur zu sprechen. In Deutschland sehen sie, merkwürdig eins mit J. D. Vance und Nius, die Meinungsfreiheit stark gefährdet.

Das liegt daran: Sie sind sehr sensibel und zugleich borniert. Wenn beispielsweise der Juryvorsitzende des Wettbewerbs, bei dem Filme prämiert werden, auf den Unterschied zwischen Kunst und Politik hinweist, schreien sie auf, als habe er soeben seine Bereitschaft erklärt, an einer Bombardierung teilzunehmen. Sie kennen in ihrer Sache nur Freund oder Feind. Wer nicht die Texte aufsagt, die sie für richtig halten, kommt durch diese Unterlassung auf der Seite der Schlimmen, ja Bösartigen zu liegen.
Das geht nicht ohne Scheinheiligkeit einher. Die Schauspielerin Tilda Swinton, die den offenen Brief gegen die Berlinale unterschrieben hat, der sie aufforderte, sich eindeutig auf die palästinensische Seite im Gazakrieg zu stellen, hat zuletzt an einem Film über eine britische Gletschermalerin mitgewirkt. Zuvor war sie an einem Film über das Bunkerleben nach dem Ende der Welt beteiligt. In „The Killer“ spielte sie eine Auftragsmörderin, nachdem sie 2023 in „Asteroid City“ eine Astronomin auf der Suche nach Kontakt mit Außerirdischen gab. Nirgendwo auch nur ein Hauch von Politik, von Stellungnahme zur weltpolitischen Lage, gar zu Gaza. Irgendwie gibt man Swinton offenbar die falschen Drehbücher, oder diejenigen mit den politisch einschlägigen haben nicht das Geld, den Star zu bezahlen.
Der offene Brief als Ablassbrief für die eigene Feigheit
Swinton kennt also den Unterschied zwischen Film und Politik, sie macht ihn ständig. Womöglich verschafft ihr das ein schlechtes Gewissen, und sie kompensiert es durch umso energischere gesinnungsethische Forderungen an Filmfestivals. Es ist ja so leicht, politisch zu sein, es kostet nur eine Unterschrift. So gesehen wäre der offene Brief ein Ablassbrief, mit dem die Sünden der für gutes Geld erfolgten unpolitischen Auftragskillerdarstellung gebüßt würden. Allerdings wäre Buße in Form eines Angriffs auf andere dann ein ganz besonderes Modell. Fast könnte man von Bußheuchelei sprechen. Oder von Solidaritätsdarstellung, moralischem „method acting“.
Wim Wenders, der Juryvorsitzende, war von der Insistenz, mit der von ihm verlangt wurde, er möge sich zum Gazakrieg im Sinne der BDS-Anhänger äußern, offenkundig überfordert. Denn selbstverständlich hat auch er sich schon einmal die Phrase zu eigen gemacht, Film sei politisch. Man könnte sie ohne Informationsverlust mit „Film ist wichtig“ übersetzen. Ist damit gemeint, Regisseure und Drehbuchschreiber sollten keine politischen Idioten sein, wird dem selbst dann niemand widersprechen wollen, wenn es Tausende von Filmen gibt, denen schwerlich eine politische Botschaft entnommen werden kann und die trotzdem gute Filme sind.
Oder was, liebe über Wenders Empörte, wäre der politische Gehalt von Bressons „Pickpocket“, von „Vertigo“ oder „Wilde Erdbeeren“? Man müsste schon einen arg weiten Begriff von Politik haben, um solche Werke als wirksame Solidaritätsadressen in irgendeine Richtung zu deuten. In Berlin aber wurde vielfach so geredet, als sei schon das Unterlassen einer bestimmten Solidaritätsadresse eine politische Untat.
Das alles setzt voraus, dass die Dinge völlig klar sind: die Dinge im Gazastreifen, die Dinge zwischen Kunst und Politik, die Dinge mit dem Staat Israel und die Dinge mit der Solidarität. Sie sind es nicht, sie sind es überhaupt nicht. Sie sind vielmehr schwierig. Aber das passt ausgerechnet vielen Leuten nicht, die beanspruchen, Künstler zu sein, Intellektuelle und Journalisten. Ausgerechnet ihnen missfällt Zögern, Vorsicht, das Feststellen von Untiefen, Widersprüchen, Zwischentönen, Komplikationen und Mehrdeutigkeiten. Sie fordern energisch zur Parteinahme auf in einem Fall, der uneindeutig ist.
Den Preis, damit die Vieldeutigkeiten der Kunst den Eindeutigkeiten des Bekenntnisses zu opfern, zahlen sie offenbar gern. Vielleicht, weil sie wissen, dass die nächste Rolle als Auftragskillerin oder Astronomin, der nächste Podcast und der nächste Auftritt auf der Bundespressekonferenz, die nächste Filmsubvention so oder so kommen wird. An Widersprüchen, den eigenen und denen der anderen, sind sie nicht sehr interessiert. Das ist ihr überaus törichter Beitrag zur Polarisierung des Gemeinwesens.
Source: faz.net