Ein Meer aus Tanz

Die Uraufführung „The Moon in the Ocean“ von der Choreografin Xie Xin – getanzt vom Hamburg Ballett – spülte Glückswellen in den Saal der Staatsoper. Sie stand am Ende des vierteiligen Ballettabends „Fast Forward“, der einen Bogen von George Balanchine in die Gegenwart schlägt.

Um die Wartezeit auf das nächste Handlungsballett an der Staatsoper zu verkürzen, hatte jetzt ein weiterer Ballettabend an der Staatsoper Premiere, der mit Werken unterschiedlicher Choreografen neue Handschriften vorstellt. Der Titel „Fast Forward“ war etwas unglücklich gewählt, stammen die Stücke in der aufgeführten Reihenfolge doch von 1935 („Serenade“ von George Balanchine), 2023 („Totentanz“ von Marcos Morau), 1995 („Annonciation“ von Angelin Preljocai) und 2026 („The Moon in the Ocean“ von Xie Xin), zwischendrin wurde also auch mal zurückgespult. Dennoch wurde der Abend weit überwiegend gefeiert, nicht zuletzt wegen der Uraufführung der bildgewaltigen Choreografie von Xie Xin.

Getanzt wie gemalt

In „Serenade“ tanzen, bis sich schließlich der erste Tänzer auf die Bühne verirrt, ausschließlich Frauen, zunächst 16 an der Zahl. Zur Musik von Peter Tschaikowsky entwarf der Choreograf George Balanchine in New York Bild um Bild, mit klassischen Tugenden und Höchstleistungen im Spitzentanz. Die Geschichte, die sich aus der Reihenfolge der Auftritte und Vorkommnissen im Probenverlauf zusammensetzt, aber nicht explizit zur Musik von Tschaikowsky geschrieben wurde, erzählt die Geschichte einer Frau, die auf der Bühne zusammenbricht und wiederbelebt wird. Sie gibt damit den eigentlichen roten Faden des Abends vor, der aus Vergehen und (Auf)Erstehen gewoben ist.

Bis auf einen kleinen Schönheitsfehler mit zwei hängenden Armen im ersten Bild und einen Ausrutscher ohne weitere Folgen meisterte das Hamburg Ballett die „Serenade“ glänzend. Klassisches Ballett pur. Traumhaft schön. Der Schluss erinnert durch Frauengestalten mit wehenden Haaren an Munch-Gemälde mit mystischem Einschlag. Ausdrucksstark harmonierten die Ersten Solistinnen Anna Laudere und Ida Praetorius mit der Solistin Futaba Ishizaki sowie die Ersten Solisten Mathias Oberlin und Edvin Revazov, denn nach und nach schleicht sich eine Handvoll von Männern in die Bilder ein. Die Kostüme von Karinska und die Originalbeleuchtung von Ronald Bates schaffen eine nostalgische Stimmung, die auf die Balletttradition vor den 1930er-Jahren verweist und reiche Assoziationen weckt.

Mond des Himmels trifft Mond des Ozeans

„The Moon in the Ocean“ von der chinesischen Choreografin Xie Xin wirkt zum Abschluss des Abends wie ein Umkehrspiegelbild: 16 Männer tanzen den Ozean bei fast jedem Wetter, zeichnen mit ihren Körpern in weißblauen Kostümen von Li Kun Wellen- und Wasserbewegungen, Strömungen, Wirbel, Tropfen, Gischt. Zwei Frauen sind dabei: Als Mond des Himmels leuchtet die Erste Solistin Xue Lin, als Mond des Ozeans die Solistin Ana Torrequebrada. Unter den Männern ragt Moisés Romero immer wieder aus den Wassermassen heraus. Die Choreografie ist ein Fluss des Bewusstseins von den Urgewalten im Ozean, der Wiege des Lebens und jeder Form von Bewegung, die an Land etwas eckiger ausgeführt werden kann. Eine Lehrstunde kraftvoller Anmut.

Den Mittelblock des vierteiligen Abends bildete die düstere Vision des modernen „Totentanz“ von Morau, der mit elektronischen Mitteln und Bewegungen aus dem Robot Dance und der Tontechnik das Sterben in den Mittelpunkt stellt. Ein hochsensibles Mikrofon mit angeschlossenem Verzerrer, von einem Tänzer durch den Saal und von dort auf die Bühne getragen, wandelt jeden Atemzug in einen Hauch, der die dunkle Ahnung aufkommen lässt, er könne der letzte sein. In spärlichem Licht wird hier auf engem Raum in der Mitte der Bühne daran erinnert, worin jedes Leben mündet. Beängstigend punktgenau schaffen in Mönchskluft die Solisten Daniele Bonelli und Louis Musin gemeinsam mit der Solistin Charlotte Larzelere eine Gruft des Todes.

Schwieriges drittes Viertel

Der einzig in mancher Hinsicht problematische Part des Abends war die Erstaufführung der „Annonciation“ von Angelijn Preljocaj im Anschluss an den „Totentanz“ im Mittelblock. Die Verkündigung tanzend zu gestalten, erweist sich – möglicherweise schon wegen ihres abstrakten Charakters – als problematisch. Auch das Bühnenbild, eine rote, sportplatzähnliche Fläche neben und vor einer schwarzen Sitzbank, die direkt aus einem Einkaufszentrum hätte entnommen worden sein können, trafen nicht unmittelbar das Bild eines Gartens, in dem die Verkündigung in der bildenden Kunst oft dargestellt wird.

Das schmälerte keinesfalls die Leistungen der Tänzerinnen in einer ausgeklügelten Choreografie voller Schwierigkeiten: Solistin Charlotte Kragh machte als Erzengel Gabriel eine gute Figur, Aspirantin Selina Appenzeller überzeugte als Maria in diesem schwierigen Bild zu ungewohnter Musik. Stéphane Roys „Crystal Music“, eine akusmatische Komposition der Geräusche und Klänge, hatte im Kontrast zum „Magnificat“ von Antonio Vivaldi einen schweren Stand.

Jubel und Standing Ovations für „Fast Forward“

Doch da der Abend mit „The Moon in The Ocean“ schloss, kannte der Jubel im Anschluss an „Fast Forward“ kaum Grenzen, endete mit Standing Ovations und lauter zufriedenen Gesichtern, vor und auf der Bühne, auf der Interimsintendant Lloyd Riggins den anwesenden Gastchoreografen prächtige Blumensträuße überreichte. Nun sind es nur noch vier Monate, bis die mit Spannung erwartete Premiere von „Wunderland“ von Alexei Ratmansky, frei nach „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“, genau am 20. Juni in der Staatsoper über die Bühne gehen wird.

Source: welt.de