Goldener Bär pro Ilker Çatak: Ein Triumph fürs deutsche Kino

Die 76. Berlinale zeichnete sich durch Spannung aller Art aus. Diskutiert wurde weniger über Filme als über politische Statements. Ilker Çataks Sieg mit „Gelbe Briefe“ zeigt dennoch, wie aktuell und politisch relevant Kino sein kann


lker Çatak hat mit „Gelbe Briefe“ einen der „politischsten“ und zugleich subtileren Filme des Festivals präsentiert

Foto: Ronny Hartmann/ Getty Images


Selten war die Spannung bei einer Berlinale-Preisverleihung so groß. Nur galt sie nicht der Frage, wer wohl den Goldenen Bären bekommen würde. Nach zehn Tagen Debatte über Politik und Kunst richtete sich die geballte Aufmerksamkeit auf das, was sonst eher rhetorisches Beiwerk ist: auf die Verlautbarungen von Jurymitgliedern und Preisträgern, die über das Dankesagen hinausgehen. Dass der Abend ganz ohne Empörungsanlass verstreichen würde, galt als ausgeschlossen.

Um den eingefahrenen Automatismus zu unterbrechen, sei mal nicht mit dem vermeintlichen Skandal-Auftritt angefangen, sondern mit dem, was Freude auslöste. Zuvorderst der goldene Bär an Ilker Çatak, der mit Gelbe Briefe einen der „politischsten“ und zugleich subtileren Filme des Festivals präsentiert hatte.

Sein Anliegen wendet der Film als unbequeme Frage an den Zuschauer: Wie würdest du dich verhalten, wenn der Anpassungsdruck an ein zunehmend autokratisches Regime wächst? Gelbe Briefe spielt in der Türkei, lädt aber nicht nur durch den Ausweis seiner Stellvertreter-Drehorte („Berlin als Ankara“) dazu ein, sich Parallelen im eigenen Land vorzustellen. Nach 22 Jahren ging der Berlinalehauptpreis zudem zum ersten Mal wieder an einen deutschen Regisseur, nach Fatih Akin mit Gegen die Wand 2004.

Als Triumph fürs deutsche Kino wurde auch der Preis für Sandra Hüller gefeiert, die in Markus Schleinzers Rose auf sehr eindrückliche Weise eine Frau im 17. Jahrhundert spielt, die als Mann durchzukommen versucht.

Nicht die Preise waren kontrovers, sondern die Reden

Der zweite Schauspielpreis, eigentlich der besten Nebenrolle vorbehalten, wurde umgewidmet und dem Darstellerduo Tom Courtenay und Anna Calder-Marshall verliehen. In Lance Hammers Queen at Sea verkörpern die beiden ein altes Ehepaar, dessen fragiler Alltag – die Frau ist von Demenz gezeichnet, die Pflege durch den Mann kaum mehr zu leisten – zusammenbricht. Hammers Film beeindruckte und provozierte vor allem durch den Mut, mit dem er die Sexualität der alten Menschen zum Thema machte.

Auch die Preise für die beste Regie an Grant Gee für Everybody Digs Bill Evans und der fürs beste Drehbuch an Geneviève Dulude-de Celles‘ Nina Roza fanden Zustimmung. Grant Gees Biopic über den Jazzmusiker Evans hatte mit Stil und starken Schauspielern überzeugt. Nina Roza galt als eine der Entdeckungen des Festivals: ein überraschend vielschichtiger Film über Exil und die Parallelwelt des ungelebten Lebens.

Einzig die Wahl von Emin Alpers Kurtuluş (Salvation) für den Grand Prix stieß auf lediglich verhaltene Zustimmung. Die Parabel über die Eskalation eines Sippenstreits bis zum versuchten Genozid schließt zwar schmerzlich an aktuelle Konflikte an, erscheint aber auch sehr vorhersehbar. Emin Alper gedachte in seiner Dankesrede nicht nur den Palästinsensern in Gaza, sondern auch den Unterdrückten im Iran und vor allem, mit Namensnennungen, den politischen Gefangenen in der Türkei.

Mit Palästina-Fahne auf die Bühne

Nun war Alper nicht der einzige, der auf konkret Politisches zu sprechen kam. Ein anderer war der syrische Regisseur Abdallah Alkhatib, der für seinen Chronicles From the Siege in der Reihe Pespectives ausgezeichnet wurde. Er kam mit Kufiya und Palästina-Fahne auf die Bühne, beschwor einerseits die Utopie eines Filmfestivals in Gaza, andererseits ein ominöses Nichtvergessen gegenüber allen, „die gegen uns standen“ und verwies zuletzt auf eine Mitschuld der deutschen Regierung am „Völkermord in Gaza“.

Die Reaktionen darauf folgten dem vertrauten Drehbuch. Für die einen war es zuviel: Umweltminister Carsten Schneider habe den Saal verlassen, war später zu erfahren. Andere prangerten Alkhatibs Auftritt als antisemitisch und undankbar an. Für die Pro-Palästina-Aktivististen war es wiederum zu wenig, wie anhaltende Zwischenrufe im Berlinalepalast selbst deutlich machten. Implizit lieferte die Preisverleihung weniger eine Antwort auf die Frage nach dem Politischen in der Kunst als vielmehr einen neuen Beleg dafür, dass negative Aufmerksamkeit sich einfach intensiver anfühlt als positive.