Wie Deutschland im Kontext wichtigen Rohstoffen unabhängiger werden kann
Der deutschen Industrie fehlen immer häufiger wichtige Rohstoffe. Die Wirtschaft ist abhängig von einem Lieferanten: China. Doch es gibt Auswege.
Wolfgang Nadler weiß nicht, wie lange er und seine gut 30 Mitarbeiter noch fertigen können. Das Unternehmen Nadler Hartmetalle aus dem bayerischen Odelzhausen hat genügend Aufträge, doch Probleme gibt es mit seinem wichtigsten Rohstoff: Wolfram. Das extrem harte Metall wird immer knapper und teurer.
Der Preis habe sich seit 2025 verdreifacht, beklagt Nadler. Für die Liquidität des Unternehmens dramatisch. Doch ohne das Metall Wolfram geht es nicht. Die Industrie braucht es für Werkzeuge, Elektronik, Medizintechnik, aber auch für die Luft- und Raumfahrt und Rüstungsindustrie. Branchen, in denen Hunderttausende Menschen in Deutschland beschäftigt sind.
China spielt seine Macht aus
Die Firma H.C. Starck Tungsten Powders in Goslar ist einer der führenden Anbieter von Wolfram in Europa. Etwa 10.000 Tonnen des begehrten Metalls werden dort im Jahr verarbeitet. Das sind gut zehn Prozent des Weltmarktes. Laut Geschäftsführer Hady Seyeda liegen etwa 80 Prozent der Wolfram-Verarbeitungskapazitäten in China.
Die Volksrepublik verbietet zwar nicht die Ausfuhr, Exporteure müssen aber bei der chinesischen Regierung eine Erlaubnis einholen. Die Folge sind massive Verzögerungen oder sogar Ablehnungen. Über viele Jahre war China ein zuverlässiger und günstiger Lieferant für zahlreiche Rohstoffe. Doch inzwischen ist die Abhängigkeit gefährlich, so Experten. China spiele seine Macht immer öfter aus.
Lagerhaltung gegen Rohstoffknappheit
Das ist kein neues Phänomen. Vor fünf Jahren beispielsweise wurde Magnesium knapper, weil China – offiziell aus Umweltschutzgründen – kaum noch lieferte. Die Preise für den Rohstoff Magnesium explodierten. Kostete das Metall auf dem Weltmarkt lange Zeit zwischen 2.000 und 3.000 Dollar pro Tonne, waren es plötzlich über 7.000 Dollar. Dann lieferte China wieder und die Preise normalisierten sich.
Der Automobilzulieferer POWER-CAST Zitzmann im oberfränkischen Stockheim hat auf die Magnesium-Engpässe damals reagiert und eine zusätzliche Fertigung mit Aluminium aufgebaut. Außerdem lagert das Unternehmen Magnesium ein. Das würde die Produktion für etwa drei bis sechs Monate sichern. Doch eine solche Lagerhaltung kostet.
Rohstoffagentur empfiehlt Vorratshaltung
Nach Ansicht der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) wird Lagerhaltung immer wichtiger. Die Bundesbehörde ist die zentrale Informations- und Beratungsplattform für Rohstoffe und geht beim Thema Vorratshaltung noch weiter: Nicht nur Unternehmen sollten vorsorgen, sondern auch der Staat.
„Deutschland verfügt bei der Lagerhaltung ja über strategische Vorräte von Erdöl. Und so ähnlich wie die Vorratshaltung bei Erdöl kann man sich natürlich auch eine Vorratshaltung bei kritischen Rohstoffen vorstellen“, erklärt Peter Buchholz, Leiter der Deutschen Rohstoffagentur, im Gespräch mit Plusminus. Diese empfiehlt für Europa eine Form von Lagerhaltung und verweist auf die USA, Japan und Südkorea als Beispiele. Ziel sei es, „dass die Industrie bei harten Lieferausfällen eben Zugriff auf diese Lagerbestände hat“, so Buchholz.
Lithium-Förderung in der Pfalz
Zwar gibt es in Deutschland längst nicht alle Rohstoffe, die die Industrie braucht – aber mehr, als viele denken. Zum Beispiel Lithium: Dieses Alkalimetall ist extrem nachgefragt, besonders für Akkus, etwa für E-Autos, Handys oder Stromspeicher. Auch bei Lithium steigen die Preise: von rund 8.000 Dollar pro Tonne Mitte 2025 auf nun über 22.000 Dollar.
Bei diesem für Zukunftsindustrien so wichtigen Rohstoff tut sich etwas. Bei Landau in der Pfalz betreibt die Firma Vulcan Energy Rohstoff-Förderung und holt im Oberrheingraben Thermalwasser aus rund 3.000 Metern Tiefe, das sehr viel Lithium enthält.
Das Unternehmen liefert Energie und gewinnt Lithium – umweltfreundlich und zu vergleichsweise günstigen Preisen. Lithium-Vorkommen gibt es in Deutschland genügend; nicht nur im Oberrheingraben, sondern auch in Norddeutschland, im Thüringer Becken oder im Erzgebirge.
Recycling als Option, aber mit Hürden
Es ist also durchaus möglich, von einzelnen Lieferanten unabhängiger zu werden, zumindest bei einigen Rohstoffen. Und es gibt noch weitere Lösungsansätze, selbst beim Metall Wolfram. So hat sich schon vor 90 Jahren das Unternehmen H.C. Starck Tungsten Powders auf Recycling spezialisiert.
Das Problem nur: Es fehlen die Wolfram-Schrotte, weil sie international aufgekauft werden. Unter anderem von China.
Source: tagesschau.de